Faszination Vinyl – Einblicke in die Osnabrücker Vinyl-Kultur

Eigentlich war sie längst totgesagt. Ihr Marktanteil lag zeitweilig bei nicht einmal mehr 0,5 Prozent. Doch in Zeiten digitaler Downloads und einem nahezu unendlichen Überangebot an Musik via Streaming, erlebt die analoge Schallplatte eine kleine Renaissance. Auch in Osnabrück.

Diesen Artikel habe ich im Winter 2017 für das Stadtblatt Osnabrück geschrieben. Da er zu schade ist, um im Print-Nirvana zu verschwinden, habe ich ihn hier noch einmal veröffentlicht.

Im neuen Laden: Fundament Schallplatten in der Hasestraße. Foto: Katharina Leuck

Vorsichtig legt Mario Schoo eine frische Platte auf den Plattenspieler der neuen Ladentheke von Fundament Schallplatten in der Hasestraße 57, während sein Geschäftspartner Christoph Klick die Scheiben in der Auslage zurecht rückt. Heimlich findet die Nadel ihre Spur, Momente später füllen warme, exotische Klänge den Raum. Etwas aus Afrika, vermutlich aus dem Senegal. „Entschuldigung, was läuft denn da gerade?“, fragt ihn kurz darauf ein Kunde.

Die Schallplatte ist wieder salonfähig. Während die CD-Verkaufszahlen seit einigen Jahren deutlich zurückgehen, hat die Schallplatte 130 Jahre nach ihrer Erfindung laut Angaben des Bundesverbands Musikindustrie heute in Deutschland wieder einen Marktanteil von fünf Prozent, immerhin. Tendenz steigend: Bei einem Wachstum von 17,6 Prozent im ersten Halbjahr 2017 spricht die Industrie gar von einem anhaltendem Boom.

Das merken auch Mario Schoo und Christoph Klick in den neuen Räumlichkeiten von Fundament Schallplatten, in denen sie seit Anfang September nun gut 8000 Schallplatten unterschiedlichster Richtungen und überwiegend aus zweiter Hand anbieten. Darunter Raritäten oder auch schon mal ganze ausrangierte Sammlungen aus Diskotheken, wie beispielsweise dem Osnabrücker Hyde Park oder dem E-Werk in Erlangen.

Im neuen Laden: Fundament Schallplatten in der Hasestraße.

Gut 30 Quadratmeter in bester Lage stehen ihnen jetzt zur Verfügung. Zuvor hatten die beiden Musikliebhaber ihr Geschäft vier Jahre lang innerhalb des benachbarten Shock Records auf der gegenüberliegenden Straßenseite und waren dort laut Visions-Magazin mit ihrer 6,5 Quadratmeter großen Verkaufsnische der kleinste Plattenladen Deutschlands. „Der sind wir jetzt definitiv nicht mehr, aber dafür haben wir endlich genug Platz“ schmunzelt Christoph Klick und blickt auf die Plattenregale, die im lichtdurchfluteten Verkaufsraum bis unter die Decke reichen.

Derweil durchstöbern mehrere Besucher zwischen 15 und 80 das sortierte Angebot vor den großen Schaufenstern, begutachten kunstvolle aufgemachte Cover, studieren Songlisten und Ausgabejahre. Sie sind auf der Suche nach ihrem nächsten persönlichen Schatz.

Im neuen Laden: Fundament Schallplatten in der Hasestraße.

Papas alter Plattenspieler

Zu ihnen gehört hin und wieder auch Annalena Klein. Wenn die 27-jährige Wahl-Osnabrückerin Zeit hat, streift sie gerne über Flohmärkte, Schallplattenbörsen oder durch die Osnabrücker Plattenläden in der Hasestraße, um ihre Sammlung zu ergänzen. Dabei zählt für sie aber nicht die Masse: „Ich sammele nur Platten, die ich wirklich haben will oder die mir etwas bedeuten.“

Im Alter von 15 Jahren entdeckte Annalena Klein (27) ihre Liebe zur Schallplatte. Foto: Katharina Leuck

Angefangen hat für sie alles mit Papas altem Plattenspieler. „Das war ein Dual 704 aus den 1970ern“, erklärt sie. Annalena erinnert sich: „Mein Vater war zunächst ganz schön skeptisch, als ich damals mit meinen 15 Jahren anmarschiert kam und das seit Jahren brachliegende Gerät für mich beanspruchen wollte“. Irgendwann habe er dann aber doch eingelenkt. Die ausgedehnten Schallplattensammlungen der Eltern gab es kurz darauf dazu.

Creedence Clearwater Revival, Hannes Vader, Bob Dylan. Mit aktueller Musik konnte sie damals nichts anfangen: „Mit Boybands konnte man mich jagen“, erzählt die ausgebildete Journalistin mit leicht angewidertem Gesichtsausdruck. Die Platten ihrer Eltern waren dagegen viel interessanter und stecken auch heute für sie voller Erinnerungen. An Parties, an Freunde, an Bandentdeckungen.

Im Alter von 15 Jahren entdeckte Annalena Klein (27) ihre Liebe zur Schallplatte. Foto: Katharina Leuck

„Vinyl ist für mich wie ein gutes Glas Rotwein. Man muss es genießen“, findet Annalena. Dazu gehört für sie das Stöbern in Geschäften und Flohmärkten genauso wie die Haptik, besonders kunstvoll gestaltete Cover oder der dynamische, warme Klang mit seinem gelegentlichen Knistern und Knacken. Der Umgang mit Musik sei so einfach viel wertschätzender und bewusster. Und so laufen auch heute noch ihre mittlerweile rund 300 Platten in ihrem neuen Wohnzimmer auf Papas altem Plattenspieler. Im Originalzustand von 1976. Gut, die Abdeckhaube ist inzwischen eine andere.

Zwischen Antiquitäten und High-End-Geräten

Geschichten wie die von Annalena kennt Lutz Friedrich nur zu gut. Viele Studenten kommen mit Papas altem Equipment in sein Geschäft und wollen wissen, ob und wie das noch zu retten ist. Seit 1976 betreibt er das HiFi-Spectrum in Osnabrück, seit fünf Jahren davon am Arndtplatz im Katharinenviertel. In 21 Jahren hat er in seinem Fachgeschäft unzählige neue und alte Plattenspieler, HiFi-Anlagen und Lautsprecher verkauft, repariert und restauriert. „Wir hatten hier gerade Vintage-Wochen, deshalb stehen hier gerade so viele alte Schätzchen rum“, entschuldigt er sich. Neben hochmodernen, kunstvoll gestalteten und teils selbstentwickelten High-End-Geräten türmen sich im Verkaufsraum gerade Jahrzehnte alte Plattenspieler, Tonbandgeräte und riesige Boxentürme.

Seit 40 Jahren in der Branche, seit 21 Jahren mit eigenem Laden: Lutz Friedrich vom HiFi Spectrum am Arndtplatz. Foto: Katharina Leuck

„Das kommt gerade alles wieder“, freut sich Friedrich. Er merkt aber auch an, dass gerade im professionellen Bereich die Schallplatte nie ganz weg war: „Jeder DJ, der etwas auf sich hält, legte schon immer Platten auf“.

Egal ob Profi oder Einsteiger, in seinem Geschäft sollte eigentlich jeder fündig werden. Vom hochwertigen Startermodell der Marke Pro-Ject zu gut 200 Euro bis hin zu absoluten Top-Geräten der Marken Perpetuum Ebner oder Acoustic Solid jenseits der 5000 Euro ist bei Lutz Friedrich im HiFi Spectrum alles zu haben. Gerade für Einsteiger sei es aber wichtig darauf zu achten, dass man auch den passenden Verstärker hat. „Der braucht vor allen Dingen einen Phono-Eingang, da der Ton der Platte sonst nicht abgespielt werden kann“, erklärt Friedrich geduldig. Fehle dieser, wie das bei vielen Geräten der Fall ist, ist ein Vorverstärker nötig.

Eines der Top-Modelle von Acoustic Solid im HiFi Spectrum am Arndtplatz. Foto: Katharina Leuck

Woher der neue Schallplattenboom auf einmal kommt? Für Lutz Friedrich ist er eine klare Gegenbewegung zur allgegenwärtigen Digitalisierung: „Eine bewusste Entschleunigung. Dazu hat das alles einfach eine ganz andere Qualität.“

Eine Schallplatte für Osnabrück mit Robin Schulz

12 Songs from the City of Peace gibt es ab sofort in streng limitierter Auflage auf Vinyl zu kaufen. Foto: Katharina Leuck

Eine ganz andere Qualität hatte auch die Stadt Osnabrück im Sinn, als sie den Vorschlag, eine „Osnabrück-Vinyl“ zu machen, in die Tat umsetzte. „CDs kann jeder“, erklärt Ideengeber Gerhard Meyering, „Wir wollen Unikate schaffen.“ Das Ergebnis ist der Sampler „12 Songs from the City of Peace“, der einen vielseitigen Querschnitt durch die aktive Osnabrücker Musikszene zwischen Robin Schulz und Dampfmaschine liefert – Ausgewählt von einer Jury, exklusiv auf Vinyl, gepresst bei Pallas in Diepholz. Man hätte gerne mehr als 12 Bands genommen, doch der Platz sei eben leider begrenzt, erzählt Jury-Mitglied Martina Scholz von der Lagerhalle. Die ehemalige DJane besitzt selbst mehr als 1000 Schallplatten und hört Musik zu Hause eigentlich gar nicht mehr anders.

Ursprünglich sollte die Osnabrück-Platte nur ein Geschenk der Stadt für besondere Gäste sein. „Da die Nachfrage inzwischen aber so groß ist, gehen 300 Stück davon auch in den offiziellen Verkauf, dazu noch einmal 100 Stück als Colored Vinyl“, verkündet der Pressesprecher bei der Präsentation der Platte Mitte November 2017 im Friedensaal des Rathauses. Wie alle auf der Platte vertretenden Künstler, freut sich auch Blues-Sänger Tommy Schneller dabei sein zu dürfen: „Für mich ist das wirklich eine große Ehre. Der Sampler zeigt einfach toll, was Osnabrück kreativ und musikalisch zu bieten hat.“

Stolz, auf dem Osnabrück-Sampler dabei zu sein: Marcus Praed und Tommy Schneller. Foto: Katharina Leuck

Vinyl aus Leidenschaft

Ähnlich sieht das auch Gerald Oppermann von der Osnabrücker Platten- und Vertriebsfirma Timezone Records, der in Vertretung für die aktuell die Charts stürmenden Mr. Hurley & Die Pulveraffen die Plattenpräsentation besucht: „Eine echt tolle Mischung.“ Die Renaissance der Platte liegt in seinen Augen in der Haptik, im Haben wollen. Viele Platten landeten dank Download-Codes wohl auch oft ungespielt im Regal, vermutet er. Nicht nur deshalb steht er als Geschäftsmann dem Vinyl-Hype auch ein wenig kritisch gegenüber: „Streng genommen ist Vinyl wirklich nur etwas für Fans, Sammler und Liebhaber. Die Platte wird auf keinen Fall das Digitale wieder verdrängen.“

Es werde gerade zwar sehr viel produziert und die Nachfrage von Seiten der Bands nach Vinyl-Veröffentlichungen sei ebenfalls sehr groß, doch die Produktionskosten für eine Pressung haben es im Vergleich zu CD und digitalem Download in sich. „Eine Auflage von 300 Stück kostet allein in der Herstellung 2000 Euro“, erklärt Oppermann. Transport, Versand, etc. seien dort noch nicht mal eingerechnet. „Deshalb muss der Verkaufspreis einer neuen Platte eigentlich bei mindestens 25 Euro liegen, wenn man keinen Verlust einfahren will. Und das muss man dann ja auch erst mal überhaupt verkaufen.“ Bei Bands mit entsprechender Fan-Basis lohne sich das oft nur direkt nach den Live-Konzerten als Merchandise-Artikel. „Bei Amazon und Co. bleibt da fast nichts übrig.“

12 Songs from the City of Peace gibt es ab sofort in streng limitierter Auflage auf Vinyl zu kaufen. Foto: Katharina Leuck

Ein Herzenswunsch

Auch Malte Thiede, Gitarrist der Osnabrücker Indiepunk-Band Hi! Spencer hört zu Hause am liebsten Musik auf Platte: „Das ist einfach die wertschätzendste Art, Musik zu hören. Man nimmt jedes liebevolle Detail wahr, ob im Artwork oder der Aufnahme.“ Doch der hohe Kostenfaktor hatte auch den 23-Jährigen und seine Bandkollegen zunächst davon abgehalten, ihre Musik auf Vinyl zu veröffentlichen. „Es war natürlich ein Herzenswunsch, unsere Musik auch mal auf Vinyl gepresst in der Hand zu halten“, erklärt er. Aber das finanzielle Risiko sei ihnen beim Debütalbum noch zu groß gewesen.

2016 ging der Wunsch dann aber doch in Erfüllung. Die EP „Kopf in den Wolken“ erschien als Schallplatte. Laut dem Münsteraner Plattenlabel Uncle M, bei dem Hi!Spencer seit kurzem unter Vertrag sind, soll das voraussichtlich auch nicht die einzige Hi!Spencer-Vinyl bleiben.

Wo gibt es Schallplatten in Osnabrück?

Shock Records & Coffee, Hasestraße 66
Fundament Schallplatten, Hasestraße 57
DJ Record Shop, Goethering 20
Saturn, Kamp Promenade

Die passenden Plattenspieler dazu:

HiFi Spectrum, Arndtplatz 2
TonArtStudio Osnabrück, Hannoversche Str. 99
pro musica, Vitihof 8

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