Anneke van Giersbergen und Trillium in der Kleinen Freiheit

Manchmal lasse ich mich dazu überreden, zu Konzerten von Bands und Künstlern zu gehen, von denen ich noch nie zuvor etwas gehört habe. Karsten, von dem Ihr hier schon so manches Konzertfoto gesehen habt, lag mir über Wochen in den Ohren, dass ich mir Anneke van Giersbergen am 30. Oktober in der Kleinen Freiheit doch unbedingt anhören müsste. Und so ließ ich mich von dem zierlichen roten Lockenkopf mit der starken Stimme einfach überraschen.

Vorweg, falls Ihr so alt seid wie ich (Ende 20) und auch keine Ahnung habt, wer denn diese sagenumwobene Anneke Giersbergen ist, seid beruhigt. Sofern Ihr Eure Jugend nicht mit ausgeprägtem Headbanging und dem Hören überwiegend metal- und hardrockverwandter Bands verbracht habt, sind The Gathering aus den Niederlanden, wo Anneke van Giersberg über Jahrzehnte als Frontfrau unterwegs war, genauso in den späten 1990er und frühen Nuller Jahren an Euch vorbei gezogen, wie an mir.
Entsprechend schwer kann ich mir daher also vorstellen, dass diese so brav und sympathisch vom Plakat lächelnde Frau Anfang 40, früher mit wilden Dreadlocks geschmückt, richtig hart abgeliefert hat. Aber man soll ja Bücher nicht nach ihrem Cover beurteilen. Und so bedeuten mir schon die Fan-Shirts der Vorband, dass hier am heutigen Abend sicher nicht mit Wattebäuschen geschmissen wird.

Ich komme nicht ganz pünktlich in die Freiheit. Trillium stehen bereits auf der Bühne, die strohblonde Frontfrau, Amanda Somerville, wirbelt mit fliegender Mähne von einer Bühnenseite zur anderen. Ihre Fans lassen die Frau in ihrem sexy Outfit nicht aus den Augen. Wie gebannt verfolgen sie jede Bewegung. Man weiß auch gar nicht genau, welchen Aspekten man nun mehr Aufmerksamkeit schenken soll. Der offensichtlich klassisch ausgebildeten Stimme, die sich da energetisch oft in den höchsten Tönen über die harten Gitarrenriffs und Drumbeats legt, den seidenen superlangen blonden Haaren, auf die selbst Barbie neidisch wäre, oder doch den weiblichen, schneeweißen Rundungen, die im krassen Kontrast zur Musik und der schwarzen Kleidung stehen, und gerade den männlichen Zuschauern ganz schön den Kopf verdrehen.

Die Musik von Trillium trifft jetzt nicht unbedingt meinen ganz persönlichen Geschmack. Diese Art Metal und ich sind bisher einfach noch keine besten Freunde geworden. Aber dennoch muss ich zugeben, dass ich von dieser Frau auf irgendeine merkwürdige Art und Weise fasziniert bin. Sie weiß, wie man mit dem Publikum spielt und wie sie ihre Fans mit einem zuckersüßen Lächeln und einem gezielten Blick im Nu um den Finger wickelt. So ist es dann auch nicht verwunderlich, dass gleich mehrere Fans direkt nach ihrem Auftritt zur Theke stürmen, um dort für einen Plausch mit der gebürtigen Amerikanerin zu warten.

Anneke van Giersbergen

Nach einer kurzen Umbaupause dann kommt endlich der Moment, auf den das aus treuen Fans bestehende Publikum schon den ganzen Abend gewartet hat. Anneke van Giersbergen betritt zusammen mit ihrer fünfköpfigen Band die Bühne. Mit ihrem bezaubernden Lächeln nimmt die eher klein geratene Dame sofort den gesamten Raum ein und spielt sich vor geschätzt 80 strahlenden Gesichtern durch ihr aktuelles Album „Drive“.

Höflich ist sie, die Anneke. Nach jedem Song bedankt sie sich brav, sucht die Verbindung zum Publikum, fragt nach seinem Befinden und reißt die Menge mit ihrer kraftvollen Stimme ab dem ersten Ton mit. Metal ist das nicht, was sie da zum Besten gibt. Und das kommt mir auch ganz gelegen. In schöne Melodien und feines Rock-Appeal mit leichtem Pop-Einschlag verpackt, singt Anneke van Giersberg ihre Geschichten voller Inbrunst in die Nacht hinaus. Bei den höheren Tönen stößt sie manchmal fast an ihre Grenzen, kriegt aber immer im letzten Moment noch die Kurve. Sie ist eben nicht mehr die allerjüngste, aber immer noch ein Vollprofi durch und durch. An ihrer Art, wie sie sich auf der Bühne gibt und mit dem Publikum spricht, merkt man deutlich, dass sie das in früheren Zeiten sicher auch schon vor vielen Tausend Menschen getan hat.


Aus diesen alten Tagen stammen dann auch zwei Songs, die sie zur großen Freude des Publikums vorträgt. Von The Gathering spielt sie „Saturnine“ und „You learn about it“, was den Anwesenden, die  alle alte Fans von früher zu sein scheinen, in große Verzückung stürzt. Verträumt stehen sie da, kleben an ihren Lippen und man kann nahezu den Film sehen, der sich vor ihren strahlenden Augen abspielt. Ich finde es unendlich interessant, die Fans zu beobachten, wie sie auf die Stimme und die Ansagen dieser kleinen, sympathischen Frau reagieren, und wie sie sich von ihrer Musik davon tragen lassen.

Ich bin von der Gesamtsituation zu sehr fasziniert, fühle mich in dieser Menge ein wenig fremd, da ich offensichtlich die einzige bin, die bis vor wenigen Stunden noch kaum ein einziges Lied dieser Künstlerin in Gänze gehört hat. Aber dann, bei der Zugabe, da hat sie mich. Sie erklärt, die Band sei am nächsten Morgen beim niederländischen Radiosender FM3 in der Morningshow eingeladen, in der sie und ihre Band einen Coversong und ihre aktuelle Single „We live on“ performen müssten. Ob sie an dieser Stelle einmal proben dürfe. Natürlich darf sie das. Und so holt sie kurzerhand Amanda von Trillium und die Babysitterin ihres Kindes auf die Bühne. Mit geballter Frauenpower performen so 9 Leute auf der Bühne „Wicked Game“ von Chris Isaak, ganz eigen interpretiert, hochwertig und sehr berührend. Darauf folgt die Single „We live on“ – ein Dauergrinsen hat sich im Saal eingestellt.

Den Abend beendet Anneke van Giersbergen mit dem emotionalen Powersong „The best is yet to come“. Wenn sie den Titel selbst Ernst nimmt, wird sie noch viele Jahrzehnte auf den Bühnen dieser Welt stehen und nicht nur ihre alten Fans von früher begeistern.

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  1. Rudi Lehnert sagt:

    Tja , was soll ich sagen , ich war dabei …gleich rechts neben der Bühne und habe sie an diesem Abend wiedergesehen, weil ich es so wollte, weil mich ihre Art zu singen,zu tanzen und einfach Mensch zu sein, bereits beim MetalFemaleVoicesFest in Wiezze /Belgien begeistert hat.
    Anneke ist einfach eine Powerfrau , die zu ihrer Musik steht und ich als Fan ganz sicher auch zu ihr stehe !!! So freue ich mich auch ganz sicher bei einem ihrer nächsten Gigs wieder in der ersten Reihe vor der Bühne zu stehen und zu tanzen, was das Zeug hält .
    Alles Gute und Liebe für Dich Anneke

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