Konzertbericht: Hellsongs ganz sanft in der Kleinen Freiheit

Sie machen aus brettharten Metal-Stücken geradezu hymnenhafte Popsongs. Die sehr eigenwillige, aber dennoch absolut großartige Coverband Hellsongs aus Schweden war letzte Woche am Freitagabend in der Kleinen Freiheit in Osnabrück zu Gast und begeisterte das bunt gemischte Publikum. Als Support dabei: Leo Skaggmansson und Neo Rodeo.

Wie, singt da etwa gerade Ari Hest?! Das ist mein erster Gedanke, als ich zusammen mit meiner Begleitung die Stufen zum Innenraum der ehemaligen Bahnkantine hochklettere. Auf der kleinen Bühne sitzt leider nicht einer meiner liebsten Singer-Songwriter aus New York, stattdessen aber ein sympathischer Schwede mit dem unaussprechlichen Namen Leo Skäggmansson, dessen Stimme mindestens genauso hervorragend warm und beruhigend klingt. Allein mit seiner Gitarre stimmt der junge Mann im rotblau-karierten Holzfällerhemd das noch etwas träge Publikum mit berührenden Songs über Gefühle und andere Alltäglichkeiten auf den Abend ein. Gemütlich. Da könnte man sich doch auch gleich ein Gläschen Wein bestellen, auch wenn Wein eigentlich ja gar nicht zur Kleinen Freiheit passt.

Country Rock aus dem Schwarzwald

Wohl dem, der sich in der Umbaupause auf einen ordentlichen Whiskey oder Bier eingelassen hat, denn der fermentierte Traubensaft wäre bei der nächsten Band absolut fehl am Platz. Neo Rodeo aus Freiburg kommen mit einer absolut nicht alltäglichen Klangkulisse daher. Country Rock nennen sie ihr Gebilde, was sowohl Madsen-Fans als auch den ein oder anderen amerikanischen Country-Radiosender glücklich machen würde. Die raue Stimme des Sängers erinnert vom Timbre stark an Jan Plewka von Selig. Wenn die Westerngitarre nicht jammert und der Blues sich im Raum nicht zu sehr verstreut, hat man den Eindruck, der Junge habe früher mit Sicherheit sehr viel Selig gehört. Und vielleicht die Countryplatten seiner Eltern (sofern diese welche hatten).

Die Band präsentiert sich als ungleiches Trio: Der Drummer könnte Teilzeit genauso bei The Drowning Men mitspielen, nur sein Schlagzeug (eine Snare, ein alter Reisekoffer als Bassdrum) müsste dafür noch genauso groß werden wie sein Vollbart. Der Sänger hingegen erinnert durch seinen Schnauzbart ein wenig an Freddy Mercury, der musikalisch auf Johnny Cash steht. Währenddessen hält sich der Gitarrist hinter seiner kleinen Orgel geradezu versteckt.

Wie wir später erfahren, hat die selbsternannte Country Rock Band eigentlich noch zwei weitere Bandmitglieder, aber im Hellsongs Tourbus war nur noch für drei von ihnen Platz. So wird das heute also gemacht, halbakustisch, in der Minimalvariante. Hat aber auch was für sich. So unterschiedlich die drei optisch auch sein mögen, musikalisch harmonieren die drei nahezu perfekt. Und trotz aller Ähnlichkeiten zu bereits da gewesenen Klangerscheinungen, haben Neo Rodeo doch einen nicht zu verachtenden Unterhaltungsfaktor, der gerade durch ihre originellen deutschsprachigen Texte unterstrichen wird. „Meine Karriere und ich, wir mögen uns nicht“ heißt es da, der Song „Gemeinsam durch die Scheiße“ widmen sie an diesem Abend der FDP und am Ende des halbstündigen Intermezzos verabschieden sie sich mit der Textzeile „Die ganze Welt ist rosarot“ – und einem gepflegten Shot of Whiskey am Merch Stand. Danke dafür!

Sanfte Songs aus der Hölle

Dann geht es endlich los. Hellsongs betreten die kleine Bühne und ziehen das gesamte Publikum sofort in ihren Bann. Äußerst charmant präsentiert Sängerin My Engström Renman Songs von Black Sabbath, AC/DC, Slayer, Megadeth und Pantera und macht aus den sonst so lauten Stücken ganz sanfte, handzahme Werke, die zum fröhlichen mitwippen, schwofen und singen einladen. Kein Gegröle, kein Headbanging. Auch wenn die Jungs vor mir, die in ihrer vollständigen Wacken-Kluft angereist sind, sicher nichts gegen ein paar kleine kopfschwingende Einlagen hätten.

Die Rollen in der Band sind klar verteilt. Sängerin My singt und Gitarrist Kalle Karlsson ist für die Ansagen verantwortlich. Zwischen den Songs richtet er sich immer wieder in recht gutem Deutsch mit putzigem schwedischen Akzent an das Publikum, und erzählt mit viel Humor Geschichten aus se
inem Leben, wie er mit den riesigen Kopfhörern seines Vaters als kleines Kind Musik gehört hat (das kommt mir sehr bekannt vor, genauso lag ich mit drei oder vier Jahren auch mit einer Decke auf dem Parkettboden im Wohnzimmer meiner Eltern und habe mir Schallplatten angehört), und damit seine Oma in den Wahnsinn trieb, oder über Gespräche mit seinem Vater, die er irgendwann auch mit seinem Sohn führen möchte. Dabei trägt er eine Blume im Haar. In schwarz. Ein Metal-Hippie!

Besonders beeindruckend finde ich die Version des AC/DC-Klassikers „Thunderstruck“, die von Hellsongs im krassen Gegensatz zum Original dargeboten wird. Und genau das finde ich an Hellsongs an diesem Abend so bemerkenswert und gleichzeitig auch so sympathisch: Keine einzige Cover-Version, die sie an diesem Abend in perfekter Hellsongs-Manier in der Kleinen Freiheit spielen, ist als solche sofort zu identifizieren. Oft erkennt man die Stücke nur, wenn man zumindest mit grundlegenden Textpassagen der Originale vertraut ist. Phrasierung, Tempo, Arrangement und selbst die Melodien haben Hellsongs für ihre Versionen in vielen Fällen ganz neu erfunden. Und wenn sie doch einmal dem Original ähneln (wie z.B. „Walk“ von Pantera), begeistert das akustische, absolut gegensätzliche Gewand umso mehr. Das reißt nicht nur mich, sondern auch den
Rest der Menschen in der Kleinen Freiheit.

Mit Hellsongs dreht die nicht mehr ganz so junge Jugend in der Kleinen Freiheit noch einmal durch („Youth gone Wild“) und zollt der Band großen Respekt, als diese ihren selbstgeschriebenen Song „Euphoria“ präsentieren. Nach etwa 80 Minuten und drei Zugaben verabschieden sich die Schweden von der Bühne. Ein großartiger Abend, den die drei trotz Halsschmerzen der Sängerin, großartig gemeistert haben. Zu einem Konzert Hellsongs würde ich jederzeit noch mal hingehen.

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