Interview: Tim Bendzko ist nicht ehrgeizig, aber hat eine Mission

Tim Bendzko ist der deutsche Pop-Durchstarter des Jahres. Im Frühjahr kannte ihn niemand, heute räumt er einen Preis nach dem nächsten ab und konnte für seine Single „Nur noch kurz die Welt retten“ in kürzester Zeit Platin einfahren. Auch sein Album „Wenn Worte meine Sprache wären“ ist inzwischen vergoldet. Wir haben mit Tim gesprochen und ihn zu seinen Ambitionen und seiner Musik interviewt.

Du wolltest schon immer ein berühmter Sänger werden und hast das auch jedem ganz selbstbewusst auf die Nase gebunden. Jetzt ist es wirklich passiert. Wie geht’s dir damit?

Ich habe immer gehofft, dass es mir dann besser geht. Frei nach dem Motto „Ich hab’s Euch doch gesagt!“, aber es ist jetzt noch viel unangenehmer.

Warum?

Das macht einem ein bisschen Angst. Ich bin ja mindestens 10 Jahre lang durch die Gegend gelaufen und habe den Leuten erzählt, „hey, ich weiß, ich mache gerade was ganz anderes, aber ich bin eigentlich Sänger“. Wenn ich das jetzt jemandem erzähle, glaubt mir das natürlich keiner mehr und man hält mich für eingebildet.

Aber das hast du dir ja überlegt, als du noch ganz klein warst, oder?

Richtig, da kann ich ja noch nicht eingebildet gewesen sein. Aber es gibt ja zum Glück einige Zeugen, die damals dabei waren und die heute genauso fassungslos sind wie ich. Dazu gehört unter anderem mein bester Freund, der auch heute noch in meiner Band singt. Mit dem hatte ich das schon zu Fußballerzeiten besprochen und für uns war immer klar, dass ich der Sänger sein würde und er der Backgroundsänger, und dass das total durch die Decke gehen würde. Er ist jetzt regelmäßig genauso fassungslos wie ich über die Dinge, die da gerade passieren.

Das klingt ein bisschen wie ein wahrgewordenes Märchen.

Stimmt, aber im Märchen endet die Geschichte damit, dass der Traum wahr wird. Im wahren Leben geht es dann ja erst richtig los. Ich bin auf alles vorbereitet, bis zu dem Punkt wo das Märchen aufhört, auf alles danach nicht.

Deine Musik ist wie eine Bombe eingeschlagen. Die letzten Monate waren entsprechend turbulent. Wie hast du diese Zeit empfunden?

Mir kommt das vor, als wären die letzten Monate gerade mal vier Wochen gewesen. Seit dem Tag als die Single erschienen ist, war ich kaum noch zu Hause. Wenn ich zu Hause war, habe ich von dort aus weiter gearbeitet oder war genau die zwei Tage krank. Aber insgesamt habe ich diese Zeit als sehr positiv wahrgenommen, denn ich wollte ja genau das machen. Was meine Band und ich in den letzten Monaten alles sehen, machen und erleben durften, erleben andere nicht in ihrem ganzen Leben. Dementsprechend ist das alles natürlich sehr schön gewesen. Aber auch anstrengend.


Ist dir ein Termin oder Konzert der letzten Zeit besonders in Erinnerung geblieben?

Da gibt es viele Sachen. Wir haben in Bad Oeynhausen ein Festival gespielt. Das war für uns das erste Konzert, das ausverkauft war. Wir hatten da keine richtigen Erwartungen, wussten nur, dass die Location ziemlich schön ist. Obwohl die Leute zu verschiedenen Bühnen konnten, standen bei uns vor der Tür des Kurhauses noch mal genauso viele wie drinnen, die alle rein wollten. Wir hätten beinahe zweimal gespielt, weil noch so viele Leute draußen standen. Was da los war, war absolut unfassbar, von der ersten gesungenen Zeile bis zum letzten Ton. Das ist bei allen hängen geblieben. Außerdem kann ich mich noch an das ein oder andere Telefonat sehr gut erinnern. Da rief dann zum Beispiel die Plattenfirma an und meinte: „Hey Tim, sorry, aber du hast jetzt einen Hit an der Backe.“ Das vergisst man natürlich nicht.

Deine Single „Nur noch kurz die Welt retten“ und dein Album „Wenn Worte meine Sprache wären“ sind mit Gold und Platin ausgezeichnet worden. Was bedeuten dir solche Auszeichnungen?

Für die Single ist das einfach nur abgefahren. Als Newcomer freut man sich, wenn man 20.000 Stück verkauft und meint, man hat es geschafft. Wir haben jetzt 300.000 verkauft und haben quasi die Goldverleihung übersprungen und sind direkt zu Platin gegangen. Totaler Wahnsinn. Allerdings ist das ja mehr so ein Hype-Ding. Beim Album ist das schon eine andere Kiste. Alles was ich jemals gemacht habe, diente dazu, dieses Album zu machen. Wenn die Platte jetzt so schnurgerade auf Gold geht und sich dann auch noch langsam Richtung Platin pirscht, macht das einen natürlich doppelt stolz. Ab jetzt kann ich sagen, dass ich wirklich etwas geschafft habe in meinem Leben.


Woher nimmst du die Inspiration zu deiner Musik?

Das kann ich gar nicht so konkret sagen. Mir fallen einfach einzelne Zeilen ein oder ich höre jemanden eine Zeile sagen. Wenn ich mir dabei denke, das klingt wie eine Zeile aus einem Lied, schreibe ich etwas dazu. Worum es dabei eigentlich geht, verstehe ich erst während des Songs, und worum es dann wirklich in dem Song geht, verstehe ich meistens erst ein halbes Jahr später.



Wie lange brauchst du normalerweise von der Idee bis zum fertigen Song?

Das ist immer unterschiedlich. Gerade ist es so, dass ich die Idee habe und schreibe dazu so die Grundlage vom Refrain. Dann kommt irgendwann die Situation, in der der fertig geschrieben werden muss, weil wir einen neuen Song brauchen. Ich mache mir dann einen Termin im Kalender, an dem ich den fertig schreiben will. Meistens ist das der Tag bevor der Song aufgenommen werden soll, und an dem Tag wird er dann geschrieben. Das funktioniert auch ziemlich gut. Manchmal braucht ein Song auch ein halbes Jahr, aber wenn ich richtig Druck habe, kann ich das auch an einem Tag. Das halbe Jahr brauche ich dann aber auch nur, weil ich die Gitarre immer wieder weg lege, sobald es anstrengend wird. Wenn man keine Zeit hat, kann man die Gitarre auch nicht weglegen und muss dann halt mal stark sein.

Also bist du eher so ein Deadline-Schreiber?

Auf jeden Fall. Der innere Schweinehund gewinnt bei mir relativ oft, deshalb brauche ich da Druck. Den muss ich mir aber selber machen. Es ist schwierig, wenn mir plötzlich jemand sagt, dass ich bis zum nächsten Tag drei Songs fertig schreiben soll. Wenn ich selbst aber zwei Wochen vorher weiß, der Song muss bis dahin fertig sein, kann ich den guten Gewissens am Tag vorher schreiben. Anders würde es zwar auch funktionieren, aber ich weiß nicht, ob es dann besser wird. Da braucht man nur mehr Zeit.

Wie ehrgeizig bist du?

Ich weiß nicht, ob Ehrgeiz bei mir das richtige Wort ist. Ich bin ziemlich konsequent, wenn ich eine Idee habe. Obwohl, Idee ist auch das falsche Wort. Ich habe dann eine Mission, und bin dann konsequent darin der Sache nachzugehen, bis das Ziel erreicht ist und es funktioniert. Ich kann mich aber auch gut damit abfinden, wenn etwas nicht funktioniert. Das passiert mir ja auch oft, aber nicht, wenn es eine richtige Mission ist. (lacht) Das hat dann nichts mit Ehrgeiz oder starkem Willen zu tun. Ich weiß in dem Augenblick einfach, dass die Sache funktionieren wird. Das ist für mich dann schon als gegebene Information abgespeichert.

Vor deiner Karriere als Musiker hast du professionell Fußball gespielt und Theologie studiert. Laut Pressetext wolltest du mit dem Studium deinen Geist ordnen. Wie steht es denn gerade um das Chaos in deinem Kopf?

So gut wie jetzt ging es mir noch nie. Ich wollte ja die ganze Zeit Musik machen und habe daran gezweifelt, ob es wirklich funktioniert. Mal ganz unabhängig davon, dass ich gleichzeitig schon wusste, dass es funktionieren wird. Man hat ja trotzdem immer Angst, dass man sich vielleicht irrt. Dieses Gefühl ist jetzt weg. Ich mache gerade genau das, was ich schon immer machen wollte, und muss mir ums Mietezahlen für die nächsten zwei, drei Jahre erst mal keine Sorge machen. Dementsprechend bin ich gerade total entspannt und freue mich, dass ich mir aus so einer entspannten Position heraus überlege, was ich als nächstes tue und nicht mehr unter dem Druck stehe, dass das jetzt unbedingt funktionieren muss, weil ich sonst am Arsch bin. Wenn das mit der Musik nicht geklappt hätte, hätte ich ohne Ausbildung und sonst was ein großes Problem gehabt. Da wäre zum Beispiel ein Haufen Schulden gewesen, denn es kostet ja auch Geld, so ein Album zu produzieren. Das schenkt einem ja keiner.

Die erste Hälfte deiner Tour war fast komplett ausverkauft, die zweite Hälfte sieht nicht viel anders aus. Wie geht’s dir damit? Hast du damit gerechnet?

Gerechnet habe ich damit gar nicht. Ich habe mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass dieses Live-Ding sofort so losgehen würde. Die Novembertour war vier Monate im Voraus ausverkauft. Wir hatten das Ganze einfach zu klein angelegt, aber als wir das gebucht haben, wusste ja niemand, was passiert. Mir geht’s damit natürlich sehr gut. Man weiß ja, dass man mittlerweile mit CDs kein Geld mehr verdienen kann. Entsprechend sind diese Live-Geschichten das, was uns am Ende am Leben hält, zumindest meine Band und mich. Wir freuen uns darauf, dass wir im neuen Jahr auch Hallengrößen spielen können, bei denen es dann noch mal eine ganze Ecke mehr Spaß macht. Es ist schon eine andere Kiste, ob da 300 Leute oder 2000 Leute stehen.

Was ist das Besondere an dir und deiner Musik live?

Meine Band ist ausgesprochen gut und die Musik bringt die Leute live einfach mehr dazu, sich zu bewegen. Außerdem bin ich glaub ich witzig. Ich habe mich eigentlich noch nie für witzig gehalten, aber zwei Festivals, das Parklichter in Bad Oeynhausen und dem SWR3 New Pop Festival, sind regelrecht zu Comedy-Veranstaltungen geworden. Ich habe mich echt über mich selbst gewundert. Ich konnte früher nie auf einer Bühne sprechen, aber inzwischen ist es so, dass ich mit dem Mikro über die Bühne watschel und Filmszenen nachspiele. Mal gucken, ob das auf der Tour auch soweit ausufert. Die letzten Konzerte waren für mich und meine Band auf jeden Fall sehr witzig.

Auf was könntest du im Touralltag auch gut verzichten?

Auf die Klimaanlage im Bus könnte ich auf jeden Fall verzichten. Bei Winden bin ich ganz empfindlich.

Was wünschst du dir für 2012?

Erst mal wünsche ich mir, dass ich während der Januar/Februar-Tour nicht krank werde. Wir spielen 31 Termine, was wirklich sportlich ist. Außerdem freue ich mich auf die anstehenden Projekte und natürlich auf die Arbeit am zweiten Album, das voraussichtlich Anfang 2013 erscheinen soll.

Foto: Alexander Gnädinger

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