„Wir haben nicht damit gerechnet!“ – Interview mit Jini von Luxuslärm

Es wird laut. Luxuslärm stehen mit ihrem neuen Album „So laut ich kann“ und gleichnamiger Deutschland-Tour in den Startlöchern. Innerhalb eines guten Jahres hat sich die sympathische Band aus Iserlohn mit viel Blut und Schweiß von einer Lokalgröße über die Herzen ihrer Fans zum „Besten Newcomer 2009“ bei der 1live Krone gespielt. Und das alles ohne große Plattenfirma im Rücken. Am 27. Februar wird die Band die Bühnenbretter im Rosenhof zum Brennen bringen. Um uns schon mal auf das neue Album und das anstehende Konzert in Osnabrück einzustimmen, hat Sängerin Janine („Jini“) sich einen Moment Zeit genommen, und stand mir für blue am Telefon ausführlich Rede und Antwort.

Vor etwas über einem Jahr kannte euch ja eigentlich noch fast keiner. Jetzt habt ihr Anfang Dezember die 1Live Krone als bester Newcomer 2009 gewonnen, die vor euch schon Bands wie Wir sind Helden, Silbermond und Revolverheld entgegen nehmen durften. Was bedeutet so ein Preis für euch? Wie ging‘s euch, als ihr gehört habt, dass ihr wirklich gewonnen habt?

Es wird ja immer so häufig gesagt „wir haben da wirklich nicht mit gerechnet!“, aber bei uns war das tatsächlich so. Als wir dort am roten Teppich angekommen sind, haben wir uns erst mal tierisch gefreut, dass da wirklich Fans von uns standen und richtig Lärm gemacht haben. Das war so toll für uns, dass wir da so ne super Fan-Unterstützung hatten! Uns kennen ja wirklich noch nicht so viele Leute. Da ist es einfach besonders toll, dass wir gerade auch so viele treue Fans haben, die sich jeden Tag hingesetzt und sich den Arsch abgevotet haben. Im Endeffekt haben die Fans uns ja auch so die Krone gebracht. Gerade weil es so ein Publikumspreis ist, ist es für uns die größte Ehre, die es gibt.

Insgesamt sind wir da schon unglaublich stolz drauf. Gerade weil die anderen Bands bei der Krone im Gegensatz zu uns alle ziemlich große Plattenfirmen im Rücken haben, hätten wir nie damit gerechnet wirklich zu gewinnen. Normalerweise spielen Radiosender schon aus Prinzip keine Bands, die nicht irgendwo unter Vertrag sind. Bei uns war das schon eine echte Ausnahme. Und dann war es auch noch mal eine große Ausnahme, dass wir überhaupt nominiert worden sind. Als wir dann auch noch wirklich gewonnen haben, war das absolut unbegreiflich. Ich hoffe, dass wir die Leute, die jetzt durch die Krone auf uns aufmerksam geworden sind, auch mit unserem neuen Album begeistern und sie auf unsere Live-Konzerte ziehen können.

Bevor wir über euer neues Album sprechen. Ihr seid ja per Definition eine richtige Indie-Band, habt keinen Major-Deal und macht wirklich alles selber. Was für Vorteile oder auch Nachteile seht ihr darin?

Die gibt es beide. Nachteile sind definitiv, dass man natürlich alles selber machen muss. Der Tag müsste eigentlich 48 Stunden haben um das zu schaffen. Wir haben ne eigene Plattenfirma gegründet und sind daher also unsere eigene Plattenfirma, unser eigenes Management und unsere eigene Promotion-Firma. Wir versuchen daher nur Leute ins Boot zu holen, wo wir das Gefühl haben, dass sie da voll Bock drauf haben und hundertprozentig hinter stehen. Wir haben also ein sehr kleines Team. Aber so wissen wir wenigstens, dass die Sachen wirklich ordentlich gemacht werden, weil alle mit ganzem Herzen dabei sind. Dann hat man natürlich einfach immer viel zu wenig Zeit für Freunde und Familie. Das bleibt dann schnell mal auf der Strecke. Die Vorteile liegen aber auch klar auf der Hand. Wir sind nicht an irgendwelche Firmen gebunden, mussten keine Exklusivverträge über 20 Jahre unterschreiben und versprechen, dass wir 10.000 Alben machen, uns auf bestimmte Art kleiden und uns nach außen so und so geben. Wir können einfach wir selber sein.

Euer zweites Album „So laut ich kann“ kommt am 29. Januar in die Läden. Was ist bei diesem Album anders als bei „1000 Kilometer bis zum Meer“?

Generell finde ich das zweite Album gereifter. Beim ersten Album merkt man vielleicht noch, dass wir nicht richtig wussten in welche Richtung es gehen sollte. Wir waren ziemlich vorsichtig, auch gerade ich beim Einsingen. Viele Leute haben uns dann im letzten Jahr gesagt „Euer Album ist gut, aber live seid ihr zehntausend Mal besser!“ Deshalb haben wir das zweite Album jetzt auch genauso aufgenommen, wie wir es live spielen würden. Das hört man glaube ich auch, dass wir jetzt wesentlich selbstbewusster sind.

Außerdem sind unsere Texte auch um einiges reifer geworden. Die Texte auf dem ersten Album haben ja eher aus unseren eigenen Erfahrungen geschöpft. Jetzt sind auch viele Geschichten dabei, die uns unsere Fans nach den Konzerten erzählt haben. Der direkte Kontakt zu den Fans prägt einen schon. Es war uns wichtig, reale Texte zu schreiben und nicht irgendwelche Ideen aus der Luft zu greifen, denn wir wollen den Leuten ja auch das Gefühl geben, dass wir sie und ihre Sorgen verstehen. Gleichzeitig verarbeiten wir persönlich natürlich auch weiter unsere eigenen Erlebnisse in den Songs. Zum Beispiel bei „Wirf den 1. Stein“, in dem es um bösen Neid geht, den wir öfter erfahren.

Bei einigen Songs seid ihr von Laith Al Deen und Anne De Wolff von Rosenstolz unterstützt worden. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?

Mit Laith durften wir letztes Jahr schon drei Termine in seinem Vorprogramm spielen. Da waren wir schon überglücklich, dass das geklappt hat. Wir als Bands haben einfach richtig gut zusammen gepasst. Ich bin ein großer Fan von seiner Stimme und bekomme immer Gänsehaut dabei. Er ist ein super Live-Musiker und genauso im Studio. Da sitzt einfach jeder Ton, ohne dass das Gefühl verloren geht. Wir haben einfach mal angerufen und angefragt. Er fand die Idee toll und hat dann eine Teil von „Jemand anders sein“ in Bonn eingesungen. Seine Stimme passt einfach perfekt und gibt dem Song unglaublich viel. Mein größter Traum wäre, dass er das noch mal live mit uns singt.

Mit Anne De Wolff hat unser Produzent Götz schon mal zusammen gearbeitet. Wir haben letztes Jahr drei Konzerte mit einem Philharmonieorchester zusammen gespielt. Dort haben wir unter anderem auch schon „Regen“ vom neuen Album gespielt und dieses Orchester hat dem Song so viel gegeben, dass wir auch auf dem Album eine Geige haben wollten. Götz hat dann bei ihr angerufen und sie hat dann bei drei Stücken die Geige eingespielt.

Warum habt ihr gerade „So Laut ich kann“ als Titel für das Album gewählt? Und worum geht es in dem Song „Schrei so laut ich kann“?

Generell war von vorne herein klar, dass unser Album „So laut ich kann“ heißen sollte, weil das auch schön unser Live-Motto verkörpert. Wir sind immer sehr laut live, geben richtig Gas und versuchen aus der Show etwas besonderes zu machen. Gleichzeitig haben wir viel an „Schrei so laut ich kann“ herum gebastelt. In dem Text geht es im Prinzip um häusliche Gewalt und darum, dass viele vielleicht nicht so eine schöne Kindheit hatten wie ich oder die Jungs jetzt zum Beispiel. Es gibt leider auch andere Formen, wo Eltern meinen ihre Kinder zu irgendwas zu prügeln zu müssen. Ich finde es ist einfach ein riesiges Thema diese Zivilcourage zu beweisen. Ich weiß, dass das in letzter Zeit auch leider wirklich oft schiefgegangen ist, und der der Zivilcourage bewiesen hat, im Krankenhaus gelandet oder bei der einen Geschichte sogar gestorben ist. Ich finde dieses Thema verdient einfach wahnsinnig viel Respekt, so dass wir das einfach auch zum Thema und Titel unseres Albums machen wollten. Es kann nicht immer alles happy hippo sein, das Leben ist leider auch einfach mal unfair. Deshalb wollten wir da einfach noch mal darauf aufmerksam machen. Zivilcourage muss man einfach haben und das drückt dieser Text auch unwahrscheinlich gut aus, finde ich. Am schlimmsten sind die, die mitbekommen, wie manche Leute ihre Kinder behandeln und dann das Maul nicht aufmachen. Ein wirklich schwieriges Thema, aber ich glaube, dass wir da einfach mal selbstbewusst drangehen und das in die Welt hinausrufen können.

Passend zum Album geht ihr ab Anfang Februar auf „So laut ich kann“-Tour. Am 27.02. kommt ihr auch nach Osnabrück. Was kann man live von euch da erwarten?

Wir freuen uns schon wahnsinnig auf die Tour! Der Vorverkauf läuft unglaublich gut. Unser erstes Konzert in Recklinghausen ist sogar schon ausverkauft, so dass wir sogar noch ein Zusatzkonzert geben. Mit solchen Zahlen hat keiner von uns gerechnet!
Ansonsten versuchen wir für diese Tour zum ersten Mal einen eigenen Lichtmann mitzunehmen. Bisher war das einfach nicht in unserem Indie-Band-Budget drin. Das wird jetzt unser persönliches Bonbon, dass wir das alles auch lichttechnisch so umsetzen können, wie wir uns das vorstellen. Dann wird‘s natürlich ein volles, längeres Programm spielen. Zwei Stunden lang, natürlich mit dem neuen Album aber auch Songs aus dem ersten Album, die beim Publikum immer super ankommen. Wir haben uns auch ein paar Bühnensachen überlegt, die ich aber noch nicht verraten darf. Da müsst ihr euch wohl überraschen lassen (lacht). Wir freuen uns auf jeden Fall auf die Leute, die uns dann wieder eine Gänsehaut bescheren wenn sie mitsingen.

Habt ihr eigentlich dann auch eine Support-Band dabei?

Nein. Wir hatten ja letztes Jahr öfter Support-Bands dabei und werden gerade auch mit Anfragen überschüttet. Das freut uns natürlich, aber wir haben gar nicht so viel Zeit, das alles richtig durchzuhören. Ende des Jahres wird es wohl noch so eine Tour geben und da kann man dann mal überlegen, Leute mitzunehmen. Wir möchten die Bands, die sich bei uns beworben haben natürlich auch nicht außer Acht lassen und sagen „das ist unwichtig“. Aber jetzt wollen wir uns erst mal einfach nur auf uns und das Publikum konzentrieren, damit die uns volle Breitseite abbekommen. Denn ich glaube es ist schon heftig, wenn man erst eine Stunde lang eine Supportband spielen lässt und dann noch mal zwei Stunden volles Brett Luxuslärm oben drauf setzt. Inzwischen haben wir einfach genug Programm, dass wir das selber machen können und für diese Tour wird es daher keine Vorband geben.

Ihr habt in den letzten Jahren so ziemlich alles an Konzerten, kleinen und größeren Festivals mitgenommen, was ging. Gab‘s bei einem Auftritt irgendwas Lustiges, was ihr nie vergessen werdet?

Auf dem Hafenfest in Hamm haben wir gespielt und da war…niemand! Es stand wirklich niemand vor der Bühne, das Wetter war furchtbar. Es war saukalt, es hat in Strömen geregnet, schon fast gehagelt, wir waren alle dick eingepackt und wären am liebsten wieder nach Hause gefahren. Dann, wirklich fünf Minuten vor bevor wir angefangen haben, kamen 300 Luxuslärm-Fans mit Regenschirmen, haben sich da dick eingemummelt hingestellt und mit uns richtig Party gemacht. Aber das lustigste war wohl letztes Jahr in Berlin im Magnet Club. Jan hat bei „Ja, Ja“ plötzlich die Augen weit aufgerissen, mit dem Kopf geschüttelt und „Jini! Ich muss auf‘s Klo!“ gerufen. Das ist uns noch nie passiert, dass einer von uns beim Konzert aufs Klo muss. Aber wir hatten vorher Chili Con Carne gegessen (lacht). Er ist dann losgerannt, aber leider auf der Mädels-Toilette gelandet. Total peinlich! Wir anderen haben dann drinnen mit den Leuten „1000 Kilometer bis zum Klo“ gesungen, bis er wieder kam. Richtig geil! Solche Sachen vergessen wir natürlich nicht.

Wer oder was wäre Luxuslärm ohne den Erfolg? Also was würdet ihr sonst beruflich machen?

Ich glaube wir würden alle trotzdem was mit Musik machen. Ich und die anderen würden genauso weiter in unserer Musikschule unterrichten. Bis auf Dave, der ist ja Physiotherapeut. Der würde das weiter machen, aber trotzdem weiter Gigs mit verschiedenen Coverbands oder eigenen Sachen spielen. Wir hätten glaube ich alle musikalische Berufe, sei es Musiklehrer oder Musiktherapeut. Auf jeden Fall etwas, dass mit Leuten und uns als Musiker zu tun hat. Musik steht bei uns einfach an erster Stelle. Wahrscheinlich würden wir trotzdem auf der Bühne stehen, sei es mit einer Coverband.

Was ist das für ein Musikschule die ihr da habt?

Das ist ja eigentlich unser Hauptberuf. Das ist unsere eigene Musikschule, die wir vor fünf Jahren aufgebaut haben. Jan, unser Trommler, ist der Besitzer und hatte damals die Idee. Er wollte das schon immer, eine eigene Rock- und Pop-Musikschule. Die ist jetzt hier bei uns in Iserlohn, hat inzwischen 430 Schüler und 24 Lehrer, die alle so in unserem Alter sind, also alle so zwischen 25 und 35. Das ist halt ne moderne Rock- und Pop-Musikschule, wo die Kinder genau das spielen können was sie wollen. Da waren auch schon ganz Süße dabei, die gerne unsere Lieder trommeln oder auf der Gitarren spielen lernen wollten. Der Jüngste ist jetzt 5 und die Älteste 70. Und egal was mit Luxuslärm passiert, die Musikschule werden wir behalten und auch weiter unterrichten. Wenn Luxuslärm irgendwann keiner mehr hören will, haben wir immer noch ein zweites Standbein. Wir sind ja auch keine Teenager mehr, die an die ganze Sache ganz blauäugig rangehen und denken „oooh, wir werden jetzt Superstars und verdienen dann Millioooonen!“. Das kann man heutzutage nur noch, wenn man Robbie Williams heißt.

Wenn du freie Auswahl hättest, mit wem würdet ihr oder du gerne mal zusammen arbeiten?

Das ist schwierig, da gibt‘s viele. Selig wäre sicher ne gute Band. Ich mag deren Stil sehr gerne. Unser Gitarrist würde gerne mal mit Udo Lindenberg zusammen arbeiten. Tja, und dann so Tagträume natürlich. Wenn ich mal mit Pink auf einer Bühne stehen würde, Alter Falter! Das wäre natürlich schon Hammer. Aber das ist ja nicht realistisch. Auf die anderen Wünsche kann man ja versuchen hinzuarbeiten.

Anderes Thema. Egal ob man die Zeitung aufschlägt oder Fernseher und Radio einschaltet, überall liest und hört man von der unglaublichen Erdbeben-Katastrophe auf Haiti. Spendet ihr?

Ja, mein Keyboarder meinte, dass man über iTunes einen gewissen Betrag spenden kann, wenn man da Songs kauft. Das werde ich auch auf jeden Fall machen. Die anderen Jungs haben auch schon gespendet. Ich weiß nicht, ob das wieder so eine Spendenflut ist wie bei der letzten Katastrophe, wo dann wirklich gesagt wurde „Wir wissen nicht mehr wohin mit den Spenden“. Aber ich glaube, das wird hier gar nicht so passieren. Da zählt wirklich jeder Euro. Wenn man die Berichte sieht, denkt man ja nur was für kleine Probleme wir dagegen in Deutschland haben. Daher möchte ich auf jeden Fall spenden.

Vielen Dank für das Interview!

Gerne! Toll dass das geklappt hat. Wir sehen uns in Osnabrück!

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