Tickets, Gästeliste

Kann Gästeliste glücklich machen?

Gerade habe ich einen Briefumschlag mit Tickets für The Gaslight Anthem aus meinem Briefkasten gefischt. Am 28. Juli 2018 werde ich sie in Köln zusammen mit einer lieben Freundin sehen. Während ich den Umschlag aufriss, regte sich in mir ein merkwürdiges Gefühl: Machen Konzerte mit gekauften Tickets eigentlich glücklicher? 

Vorfreude auf The Gaslight Anthem.

Glücklicher als was? Na, glücklicher als gratis, glücklicher als ein Platz auf der Gästeliste. Ich habe diesen Blog jetzt seit über 10 Jahren und schreibe beinahe genauso lange für verschiedene Zeitungen und Magazine und fotografiere auf Konzerten und Festivals. Dazu betreue ich seit knapp zwei Jahren freiberuflich auch noch die Social-Media-Kanäle eines lokalen Konzertveranstalters. Ich darf mich also beinahe täglich mit Musik beschäftigen und kann, wenn ich will, bei fast jedem Konzert oder Festival, das mich interessiert, auch irgendwie auf die Gästeliste – oder die „GL“. 

Diese ominöse „Gästeliste“

Ein kurzer Exkurs: Gästeliste bei normalgroßen Clubkonzerten bedeutet übrigens in 99 % der Fälle erst einmal nur, dass man sich den Eintritt spart, für dieses Privileg dann aber auch hart arbeitet (fotografiert, berichtet, promotet, etc.) oder es im Zweifel gewonnen hat.  Alle Jubelmale darf man dazu noch eine Begleitperson mitbringen oder bekommt eventuell mal ein Freigetränk. That’s it. 

Natürlich gibt es auch anders gelagerte Einzelfälle, aber im Gegensatz zur anscheinend gängigen Vorstellung, heißt Gästeliste eben nicht, dass man es sich automatisch im Backstage bequem macht, mit der Band „abhängt“ und wie selbstverständlich die Getränkekühlschränke trocken legt. Oder gar das Catering leer frisst. Die letzten beiden Dinge sollte man übrigens grundsätzlich nicht tun. Niemals. Ever. Ausrufezeichen. Egal auf welcher Gästeliste man steht oder welchen Gästepass man hat. Aber zurück zu meiner Eingangsfrage:

Arbeiten, wo andere feiern. Foto: Andre Havergo

Macht ein Ticket glücklicher als ein Platz auf der Gästeliste? 

Bei mir kommt das ganz auf den Einzelfall und auch auf den Kontext an. Während der letzten 15 Jahre habe ich schätzungsweise um die 600 Konzerte und Festivals besucht. Seit 2007 habe ich gefühlt bei höchstens einem Drittel davon den vollen Eintritt bezahlt. Bei den anderen habe ich entweder Tickets gewonnen, habe dort gearbeitet, darüber gebloggt oder wurde in irgendeiner Form eingeladen – und stand somit auf der Gästeliste. 

Am Anfang meiner „Konzertkarriere“ war der eigene Name auf der Gästeliste auch noch etwas Besonderes, etwas Unwirkliches. Etwas, das mir oft tagelang ein Dauergrinsen ins Gesicht gezaubert hat, wenn es mal geklappt hatte. Heute ist es dagegen schon so gut wie Normalität. Und mit der Normalität, einfach so in einen Konzertsaal spazieren zu können, kommt irgendwann auch die Beliebigkeit. Ob ich jetzt hier bin oder nicht, was macht das schon für einen Unterschied? Das nächste Konzert kommt ohnehin in den nächsten Tagen.

Gleichzeitig ist da aber auch noch der gefühlte Druck bzw. das schlechte Gewissen, im Gegenzug für den Gästelistenplatz auch etwas „abliefern“ zu müssen oder zu wollen (seien es nun Fotos, ein Blogpost oder nur eine Story auf Instagram). Denn gerade wenn das Konzert nicht beliebig ist, will man das Privileg ja auch nicht verlieren. Wenn man dann aufgrund der persönlichen Lebenssituation (der echte Job z.B.) nicht liefern kann, beißt das schlechte Gewissen besonders. Hätte man ein Ticket gekauft, wäre es in manchen Fällen sicher anders.

Neidfaktor Gästeliste

Von 2006 bis 2010 war ich mit einigen Freundinnen auf allen möglichen Festivals und Konzerten, dabei sehr häufig (wirklich sehr, sehr häufig) bei unserer damaligen Lieblingsband. Die meisten Tickets hatten wir gekauft, einige gewonnen. Manchmal waren wir das +1 von jemandem, der im Streetteam der Band aktiv war und als Dankeschön ein Konzert gratis besuchen durfte.

Die Gästeliste war damals unter den Hardcore-Fans eines vieler unausgesprochener Ziele. Wer auf der GL stand, rückte in der imaginären Hackordnung und Neidskala der Fangemeinde gleich mehrere Plätze nach vorne. Wer „GL hatte“, wurde nicht nur heimlich beneidet. Ja, manchmal spielten sich in diversen MySpace- und ICQ-Chats sowie internen Onlineforen regelrechte Eifersuchtsdramen ab; speziell dann, wenn der Gästelistenplatz nicht etwa nur als Belohnung vom Management für fleißige Promotion im Streetteam verteilt wurde, sondern – Schock – vom Künstler höchst persönlich. 

Allein aufgrund des ganzen Dramas kam es mir besonders am Anfang meiner „Konzertkarriere“ nie in den Sinn, die Band oder Crew einfach nach einem Gästelistenplatz zu fragen. Zudem sah ich mich auch einfach (noch) nicht in der Position dazu. Andere Fans hatten schließlich schon weit mehr Konzerte besucht, viel mehr Sticker verklebt… und mich einfach so blöd anbiedern? – Nee! Daher fuhren meine Freundinnen und ich also meistens mit haufenweise Tickets im Gepäck zu den Shows und gaben so Abend für Abend für unsere studentischen Verhältnisse ein kleines Vermögen aus.

Bis ich dann 2007 irgendwann zum ersten Mal auch auf der Liste landete. Einfach so.

+3 auf der Gästeliste. Als hätte es der Stempel vorhergesehen 😉

Vorsatz: Mehr Tickets, weniger Gästeliste

Ihr seht, es gibt Gästelistenplätze, die glücklich machen, weil sie einem persönlich etwas bedeuten, weil einem das Konzert oder die Musik der Band ebenfalls etwas bedeutet.

In den letzten Jahren gab es bei mir aber Phasen, in denen ich einfach auf Konzerte gegangen bin, nur um auf Konzerte zu gehen. Oder Momente, in denen ich nur noch zu Konzerten gegangen bin, weil es zu meinem Job gehörte. Diese Abende gaben mir aber auch nicht mehr das heiß geliebte Gefühl von Alltagsflucht und Entspannung. Sie waren einfach nur noch mein Alltag und damit nichts Besonderes mehr, im schlimmsten Fall sogar nur noch Arbeit und Stress. 

Diese Erkenntnis kam mir heute, als ich die Tickets für The Gaslight Anthem aus dem Briefkasten gefischt habe. Ich möchte wieder häufiger dieses Glücksgefühl haben, dass mir früher ein Gästenlistenplatz, eine Akkreditierungszusage oder eben ein im Presale ergattertes Ticket für meine Lieblingsband gebracht hat. Das erreiche ich aber nur, wenn ich Musik wieder ganz bewusst genieße.

Das heißt für mich, ab sofort Konzerte ganz bewusst auszuwählen und nur noch dorthin zu gehen, wo ich wirklich hingehen möchte – um zu genießen. Um den „Lieferdruck“ auszuschalten, werde ich jetzt wohl einfach wieder häufiger Tickets kaufen. Denn dann kann mir auch kein Promoter und keine Plattenfirma ein schlechtes Gewissen machen. Wenn ich Lust dazu habe, werde ich bloggen. Wenn ich keine Lust dazu habe, lasse ich es sein. Musik soll meine Leidenschaft bleiben (wieder werden) und nicht ein lästiger Job sein. Und so wisst Ihr auch, dass ich mich für keine beliebige Fakefluencer, äh, Influencer-Kacke verkaufe. Das habe ich nicht nötig.

Ein Gedanke zu „Kann Gästeliste glücklich machen?“

  1. Ich kann dich so gut verstehen. Nach fünf/sechs Jahren Bloggen war ich an dem selben Punkt. Ich hab dann allerdings aufgehört zu Bloggen, weil es mir zu viel Stress war und zu viel Zeit geraubt hat. Komischerweise vermisse ich es gar nicht mal. Seit dem Ende war ich auch nur auf einem einzigen Konzert. Das ist schon komisch.
    Aber es fühlt sich so viel besser an, wenn man sich sein Ticket selbst kauft und nicht diesen Druck hat, etwas liefern zu müssen 🙂

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