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Interview mit Tiemo Hauer – Großer Pop in Eigenregie

Ein blonder Lockenkopf, Sonnyboy-Gesicht, selbstgeschriebene, emotionale Popsongs, das Abi frisch in der Tasche. „Der perfekte Teeniestar“, dachte sich da vor knapp zwei Jahren eine große Plattenfirma, und versuchte den heute 21-jährigen Tiemo Hauer mit Songs wie „Nacht am Strand“ in die schmachtenden Herzen pubertierender deutscher Teenager-Mädchen zu pressen. Doch nicht mit Tiemo. Inzwischen hat sich der Stuttgarter aus den Klauen des Label-Riesen befreit und hat kurzerhand sein eigenes Label gegründet um sich vor dem endgültigen Teeniestar-Stempel zu retten und sich künstlerisch selbst verwirklichen zu können.

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Muss das Glanz & Gloria in Osnabrück schließen?

Osnabrück. Konzerte, Lesungen, Unipartys – Das Glanz & Gloria, im Keller des ehemaligen Kreishauses am Neuen Graben, gehört in der Osnabrücker Partyszene, besonders unter Studenten, zu den beliebtesten Locations. Wenn es jedoch nach dem Willen der Universität Osnabrück geht, könnte es sich im Glanz bald ausgefeiert haben. Schuld daran ist ein auslaufender Mietvertrag, den das Glanz & Gloria mit dem Studentenwerk der Uni Osnabrück abgeschlossen hat. Dieser soll nun wohlmöglich nicht verlängert werden. Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) hat bereits Interesse bekundet, in den Räumlichkeiten ein neues Studierendenzentrum einzurichten.

Viele der Osnabrücker Studenten sind über die drohende Schließung ihres Lieblingsclubs alles andere als erfreut. Dr. Wilfried Hötker, Vizepräsident für Personal und Finanzen, sowie Manfred Blome, Leiter des Dezernats für Gebäudemanagement der Universität Osnabrück, nahmen gestern auf einer außerordentlichen Sitzung des Studierendenparlaments (StuPa) Stellung und erklärten ihre Bedenken gegenüber der Vergabe eines neuen, langfristigen Mietvertrags. Die Situation scheint kompliziert. Zum Einen stehe die allgemein beengte Raumsituation der Uni im Innenstadtbereich einer Verlängerung im Wege. Zum Anderen seien bei einer Begehung der Räumlichkeiten durch das Staatliche Baumanagement Osnabrück-Emsland bereits vor zwei Jahren angeblich erhebliche, bauliche Sicherheitsmängel festgestellt worden, die von den Betreibern bis heute nicht beseitigt worden wären, erklärte Dr. Hötker gestern Abend. Des Weiteren wies Manfred Blome darauf hin, dass zudem die zulässige Gesamtkapazität der Räumlichkeiten aus baurechtlicher Sicht angeblich lediglich bei 199 Personen liege, und diese im Tagesgeschäft des Glanz & Glorias regelmäßig überschritten würde. Die Kosten seien zu hoch, als dass die Universität diese aufbringen könnte, um den Ort für so viele Menschen sicher zu machen.

Die anwesenden Anhänger des Glanz & Gloria, sowie Mitbetreiber Falk Schlukat, zeigen sich auf der Sitzung über die Begründung der Universität überrascht und verärgert. „Wir hören von diesen Sicherheitsmängeln heute zum ersten Mal. Das Protokoll der Begehung ist uns auch nach mehrfachem Nachfragen nicht zugestellt worden“, so Schlukat. Trotzdem habe man von sich aus bereits vor fünf Jahren 120.000 Euro in die Renovierung und die Sicherheit der Lokalität investiert und sei außerdem selbstverständlich bereit, sämtliche Kosten für eventuell notwendige, sicherheitsrelevante Baumaßnahmen zu übernehmen. Auch die Argumente der regelmäßigen Überschreitung der angeblich zulässigen Gesamtkapazität, sowie der Mängel im Brandschutz und bei den Fluchtwegen, lässt Schlukat nicht gelten. „Das Glanz & Gloria ist konzessioniert als Erlebnisgastronomie. Wir haben von den entsprechenden Behörden der Stadt Osnabrück die Genehmigung, den Laden so zu betreiben, wie er betrieben wird“. Außerdem weist Schlukat darauf hin, dass die aktuelle Brandschutz- und Fluchtwegsituation von der Feuerwehr offiziell genehmigt sei.

Die Situation scheint verfahren. Viele Mitglieder des StuPa, darunter die Fraktion der htw+friends Hochschulgruppe, sowie die Hochschulgruppe der Jungen Union, sprechen sich explizit für den Erhalt des Glanz & Gloria und gegen das vom AStA angedachte Studierendenzentrum aus. „Wer will denn schon in einem Keller lernen?“, gibt der Sprecher der htw+friends zu denken.

Letztendlich einigen sich alle Beteiligten auf eine neue Begehung der Räumlichkeiten, um sich ein Bild vom tatsächlichen Sicherheitszustand zu machen. Auf das Drängen einiger Studenten signalisiert Vizepräsident Dr. Hötker, dass man bei einem positiven Ergebnis der Begehung unter Umständen über neue Verhandlungen nachdenken könnte. Trotzdem wirkt Schlukat nach der Sitzung zerknirscht: „Das wirkt hier von Seiten der Uni alles sehr gewollt. Man hätte uns als GmbH über die Gründe auch vorher informieren können. Das ist nie passiert.“

Video-Interview mit Royal Republic: „Richtig guter Sex“

Im letzten Jahr machten sich Royal Republic als Support der Donots einen Namen und heizten den Massen mit Songs ihres Debüt Albums We are the Royal ordentlich ein. Die vier Jungs liefern schwedischen Rock’n’Roll at its best, immer mit einem frechen Augenzwinkern und einer ordentlichen Portion Schalk im Nacken. Bevor sie am 17. November mit ihrer „Full Steam Space Machine“ in der Kleine Freiheit Station machen, standen uns Sänger Adam und Gitarrist Hannes schon mal Rede und Antwort.

Ihr macht selber auch großartige Musik und Ihr habt mit We are the Royal ein tolles Album vorgelegt.  Was braucht Ihr, um einen guten Rocksong zu schreiben?
Adam: Instrumente und Inspiration? Ich habe immer die besten Ideen, wenn ich eben nicht bewusst versuche, einen Song zu schreiben. 
Hannes: Wenn ich einen Song höre, den ich wirklich mag, versuche ich ihn nachzuahmen. Also, wenn Ihr einen unserer Songs hört und denkt, „hey, der Song erinnert mich an den und den Song“, dann ist das wahrscheinlich kein Zufall
Was für Musik hört Ihr zu Hause, wenn Ihr nicht gerade selbst Musik macht?
Adam: Alles Mögliche. Zurzeit höre ich sehr viel softe, ruhige Musik. Tom Petty, John Mayer, Bob Dylan. Viele akustische Sachen, um mich zu beruhigen und zu entspannen, wenn wir nicht auf Tour sind. 
Tolle Auswahl! Wie sieht’s bei dir aus, Hannes?
Hannes: Ich bin eher der Heavy Metal Typ der Band.
 Was war das beste Konzert, bei dem Ihr je wart? 
Hannes: Metallica haben vor ein paar Jahren in Kopenhagen gespielt. Ich hatte die Tickets schon ein Jahr im Voraus gekauft, weil ich so ein großer Fan bin. Ich musste die anderen Jungs zwar regelrecht dahin schleifen, aber sie waren doch recht beeindruckt. Ich war einfach nur im Himmel, ich liebe diese Band!
Ihr seid gerade auf großer Deutschlandtour. Wie würdet Ihr eine typische Royal Republic Show beschreiben?
Adam: Wie richtig guten Sex.
Hannes: An einem guten Abend. An einem schlechten Abend ist es aber nur wie mittelmäßiger Sex. Aber das ist immer noch schön.
Spielt Ihr lieber kleine, intensive Clubshows oder bevorzugt Ihr große Festivals?
Adam: Na Hannes, kommt es bei dir auf die Größe an?
Hannes: Vor dem Start der Festivalsaison habe ich riesig auf die großen Bühnen und das draußen spielen gefreut. Aber jetzt vermisse ich die richtig kleinen Punkrock-Clubs und freue mich richtig auf die kleinen Shows. 
Was macht Ihr 5 Minuten bevor Ihr auf die Bühne geht?
Adam: Wir machen ernsthafte Aufwärmübungen. Wir tanzen im Kreis herum und tun so, als ob wir Frösche, oder andere coole, rückgratlose Tiere wären. 
Ich habe Euch letztes Jahr als Support der Donots gesehen. Dabei warst gerade du, Adam, sehr um dein Aussehen bemüht. Mal ehrlich, wie lange braucht Ihr morgens um Euch fertig zu machen?
Adam: Mit der Frisur, die ich damals hatte, musste ich schon etwa eine Stunde vor den anderen Jungs aufstehen, weil ich nämlich duschen musste, um sie richtig hinzubekommen. Föhnen, Volumenzeugs, nochmal föhnen, Wachs, kämmen, wieder föhnen, Haarspray. Das hat immer eine Menge Zeit und Geld gekostet. 
Wie wichtig sind Euch Äußerlichkeiten allgemein?
Adam: Naja, ein „du siehst aber doof aus“ hört niemand gerne.
Hannes: Das ist eine sehr gute Antwort, die solltest du aufschreiben.
Adam: Mach ich, sobald wir hier fertig sind.

Interview mit Johannes Oerding – „Ich habe viele kreative Fans“

Johannes Oerding macht Popmusik. Er unterhält, macht seine Fans mit seinen lebensnahen Texten und seinen eingängigen Melodien glücklich. Zurzeit tourt der gebürtige Rheinländer mit seinem aktuellen Album „Boxer“ im Gepäck durch die Lande. Am 11.11. ist er in Osnabrück im Rosenhof zu Gast. Wir haben vorab schon mal mit Johannes gequatscht und ihn zu seinen Fans, seiner Lieblingsmusik und dem Tourleben befragt.

Woher nimmst du die Inspiration für deine Texte?

Das ist unterschiedlich. Vieles kommt so aus mir heraus, wenn mich gerade etwas bedrückt oder beeindruckt. Dann muss ich das einfach aufschreiben. Das ist meine Möglichkeit, das zu verarbeiten. Aber es kommt auch oft vor, dass ich einfach anderen Leuten zuhöre, was die so zu erzählen haben. Ganz egal ob das jetzt Freunde sind, Familie, Bekannte oder ganz Wildfremde, wenn man da genau hinhört, findet man dabei ganz viele Geschichten, in die man sich hineinversetzen kann. Und schon hat man wieder eine gute Idee.

Wie viel Persönlichkeit steckt in deinen Texten? Wie viel hast du davon selbst erlebt, wie viel eher andere?

Entweder habe ich die Geschichte wirklich eins zu eins so erlebt, oder aber ich weiß wirklich, wie es sich anfühlt, wenn man sich frisch trennt oder verliebt. Die meisten Songs hat man aber so erlebt und das sind so die Sachen, die einem selber passiert sind oder über die man nachdenkt.

Wenn du einen Song schreibst, wie musst du da gelaunt sein? Schreibst du eher wenn es dir gut geht oder wenn es dir schlecht geht?

Ich habe überhaupt kein System, muss ich sagen. Manchmal sitze ich abends rum und dann fällt mir eine Zeile ein. Das kann unter der Dusche sein oder im Bett. Dann muss man schnell aufstehen und das irgendwo aufschreiben, damit man das auch wirklich hat. Wenn mir was auf den Sack geht und ich traurig bin, kann ich auch direkt über die Geschichte schreiben. Ich habe jetzt gerade einen neuen Song angefangen. Das war so ein Tag, wo wirklich eine schlechte Nachricht nach der anderen kam. So fängt der Song auch an: „Schlechte Nachrichten kommen selten allein, es scheint als sprächen sie sich ab.“ Da war ich richtig genervt und konnte den Song richtig schön runter schreiben.

Welche Künstler haben dich in deinem Werdegang als Musiker beeinflusst?

Ich habe wie viele andere Jugendliche alles einmal durchgemacht. In der Schulzeit habe ich ganz viel HipHop gehört, auch deutschsprachigen HipHop, dann kam so ein bisschen Soulmusik. Die Klassiker, Stevie Wonder, Michael Jackson, Prince, Otis Redding. Dann kam so eine Phase, wo ich wieder deutschsprachige Künstler gehört habe, auch so Singer/Songwriter, die ganzen alten wie Grönemeyer und Lindenberg. Das hat mich sicherlich auch dazu inspiriert, selber auf Deutsch zu schreiben.

Was hörst du denn aktuell so?

Ich bin da gar nicht auf ein Genre festgelegt, das ist wirklich eine bunte Mischung. Am Ende des Tages ist es mir am wichtigsten, dass mich ein Song flasht oder auf irgendeine Art und Weise berührt. Dann schafft er es auch auf meinen iPod. Gerade ist da zum Beispiel Stevie Wonder, Udo Lindenberg, Jeff Buckley, Radiohead, Michael Jackson, Amos Lee, Paolo Nutini, The Script, Prince, Adele. Ganz viele unterschiedliche Sachen.

Du hast in den letzten Jahren schon so einige, eigene ausverkaufte Konzerte gespielt, warst aber auch als Support für ganz große Acts unterwegs. Was gefällt dir besser? Deine eigenen Fans zu „beglücken“ oder ein neues Publikum von einer riesigen Bühne aus mitzureißen?

Ich finde es natürlich geiler, eigene Konzerte zu spielen. Die Leute kommen wegen der eigenen Songs und singen die mit. Man wird für die ganze harte Arbeit belohnt. Als Support zu spielen ist dagegen immer eher eine Herausforderung. Du weißt vorher nicht, ob die Leute es geil finden oder ob du vielleicht eine Flasche Bier an den Kopf geschmissen kriegst. Deshalb gibst du dir dann extrem viel Mühe, denn du willst die Leute ja dazu bringen, später zu deinen eigenen Konzerten zu kommen. Bisher ist mir das eigentlich immer ganz gut gelungen.

Was ist an deinen eigenen Konzerten das Besondere?

Da ist für Jeden was dabei. Man kann da lachen, man kann da weinen, man kann sich in den Arm nehmen, man kann sich neu verlieben, man kann laut sein, man kann die Augen zu machen, die ganze Gefühlspalette ist an so einem Abend dabei. Dazu klingt jeder Song von unserer Platte live auch anders, weil wir vieles umarrangiert haben. Oft denken wir uns auch ein lustiges Medley aus. Da kommt dann schon mal plötzlich Billy Jean in einem Song vor, sowas eben. Ein Konzert muss sich meiner Meinung nach von der Platte abheben und ein ganz anderes Erlebnis sein, damit die Leute auch Bock haben, wieder zu kommen.

Worauf freust du dich bei dieser Tour am meisten?

Ich freue mich in erster Linie am meisten darauf, überhaupt endlich wieder auf Tour zu sein. Es gibt für mich nichts schlimmeres, als einen Monat lang in Hamburg zu Hause zu sitzen. Das war jetzt so. Ich hatte so viel Freizeit und wusste gar nicht, was ich machen sollte. Insgeheim konnte ich es gar nicht abwarten, endlich wieder „auf Klassenfahrt“ zu sein. Du bist die ganze Zeit mit deinen Freunden unterwegs, machst das, was du liebst, nämlich Musik, schläfst abends im Hotel und musst morgens nicht dein Zimmer aufräumen. Besser geht’s nicht.

Die meisten Künstler haben einige eingefleischte Fans, die immer wieder auf Konzerte gehen und die ersten Reihen belagern. Ist das bei dir auch so?

Es gibt Fans der ersten Stunde, die das zu ihrem Hobby gemacht haben. Das finde ich total geil. Die fahren viele hundert Kilometer zu den Konzerten und sind quasi immer dabei. Die gucken sich so viele Konzerte an, dass sie eigentlich manche Moderationen fast schon mitsprechen können müssten. Aber das schöne ist ja, dass bei meinen Konzerten immer wieder etwas anderes und etwas Neues passiert, zumindest sagen sie das, und deshalb kommen sie immer wieder, weil eben jedes Konzert was Besonderes ist. Ich finde das toll. Da ich ja medial gesehen eigentlich gar nicht so bekannt bin, läuft bei mir vieles über Mund zu Mund-Propaganda und dazu braucht man natürlich viele treue Fans.

Wie ist das für dich, dann fast jeden Abend die gleichen Leute zu sehen?

Das sind alles nette Menschen und irgendwie gehören die schon mit zum Inventar. Man kennt sich mittlerweile. Ich freue mich dann immer darüber, dass da scheinbar so eine große Bindung zwischen der Musik und den Menschen besteht, dass sie diesen Aufwand auf sich nehmen. Wir haben aber auch keine Stalker, die dann rumnerven, sich im Tourbus verstecken oder sowas.

Das Musikvideo zu „1000 Menschen“ besteht aus ganz vielen Fan-Videos. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Die Idee hatten mein Mitbewohner, ein guter Freund und ich in einer lustigen Minute. Wir dachten uns, lass doch mal die Fans was drehen, dann haben wir weniger Arbeit (lacht). Nein, ich weiß, dass die Fans wahnsinnig aktiv und auch kreativ sind. Das hat wirklich gut funktioniert. Wir haben unter allen Teilnehmern Wohnzimmerkonzerte verlost und haben wirklich wahnsinnig viel geiles Zeug geschickt bekommen. Das lief jetzt sogar schon bei MTV.

Wie wichtig ist dir das, deine Fans in solche Aktionen einzubinden?

Ich habe das ehrlich gesagt noch gar nicht so oft gemacht. Bisher war ich immer eher faul, was solche Facebook-Aktionen anbelangt. Oder auch T-Shirts zu machen, das habe ich jetzt erst auf die Reihe bekommen. Aber man merkt jetzt auch, dass es den Leuten total Spaß macht und ihnen es viel bedeutet, bei solchen Aktionen wie dem Video mitzumachen. Von daher werden da in Zukunft sicher noch ein paar andere lustige Aktionen kommen.

Viele Medien stellen dir immer wieder Fragen zu deinem Privatleben, speziell zu deiner Beziehung zu Ina Müller. Wie geht’s dir damit? Wie findest du es, dass viele versuchen, Privates in die Öffentlichkeit zu zerren?

Eigentlich ist das recht entspannt. Es kommt ja immer darauf an, wie man darauf angesprochen wird oder ob es die einzige Sache ist, die denjenigen interessiert. In Deutschland gehört dieser Feenstaub auch einfach mit dazu, wenn man ein bisschen bekannt ist. Man hat es ja selber in der Hand, was man dazu sagt. Man kann sich dazu äußern und ewig lange Interview s in der Bildzeitung geben, oder man sagt einfach gar nichts. Letzteres ist dann eher meine Strategie.

Interview: Glänzende Zeiten für Frida Gold

Es ist noch nicht mal ein ganzes Jahr her, als in Deutschland kaum jemand etwas mit dem Namen Frida Gold anfangen konnte. Als Support für Revolverheld tingelte die Band aus dem Ruhrgebiet mit der hübschen Frontfrau Alina Süggeler im Winter 2010 durch die Republik und gab einige Kostproben aus ihrem für 2011 angekündigten Debüt „Juwel“ zum Besten. „Pop all the way“ betitelte die Band einst ihre musikalische Mischung aus poppigen Texten und elektronischen Indie-Elementen.
Inzwischen hat sich Frida Gold Dank intensiver Marketingbemühungen einer großen Plattenfirma zu einem der deutschen Pop-Phänomene des Jahres gemausert, ihre Songs „Zeig mir wie du tanzt“, „Wovon sollen wir träumen“ und „Unsere Liebe ist aus Gold“ sind aus dem Radio kaum noch wegzudenken und bohren sich dank eingängiger Hooks hartnäckig direkt ins Ohrwurmzentrum. Eine Support-Tour mit Kylie Minogue, eine erste eigene, ausverkaufte Headliner-Tour, zahlreiche Auftritte bei Großereignissen wie dem Eurovision Songcontest und dem Bundesvision Songcontest sowie eine massive mediale Präsenz lassen kaum einen Zweifel: Der Frida-Gold-Hype geht um.
Doch wie empfindet die Band selbst diese plötzliche, riesige Aufmerksamkeit, die ihr da zuteilwird? Im Interview stand Bassist Andreas Weizel alias „Andi“ unserem Magazin Rede und Antwort: „Der Hype wird mir immer erst dann bewusst, wenn man aufgezählt bekommt, was in den letzten Monaten alles passiert ist. Wir empfinden das aber alles eher als einen Prozess. Wir sind ja nicht erst vor einem Jahr aus dem Boden gestampft worden, sondern haben schon die letzten drei Jahre an unserem Album gearbeitet. Die Aufmerksamkeit und die Reaktionen, die wir gerade von den Fans bekommen, haben wir uns natürlich immer gewünscht. Das erleben wir selbst aber eigentlich nur, wenn wir auf der Bühne stehen. Ansonsten sind wir immer schon dabei, die nächsten Schritte zu planen und zu entwickeln. Wir wollen den Leuten schließlich auch etwas bieten.“ 
Wohlgeplante Schritte, persönliche Weiterentwicklung. Die Band Frida Gold folgtihrem Plan, lebt ihren Traum. Ihr Ehrgeiz treibt sie an. „Wir sind als Band sehr ehrgeizig und wollen als Band noch ganz viel erreichen“, erzählt Andi. „Man braucht einen starken Willen, um das alles wirklich durchziehen und diesen Lebensstil mit allen Konsequenzen leben zu können. Ständig unterwegs zu sein, immer aus dem Koffer zu leben und die freien Tage an einer Hand abzählen zu können, sind auf der einen Seite dabei natürlich die schwierigen Aufgaben. Aber gerade bekommen wir sehr viel positive Energie zurück und diese Energie-Symbiose treibt uns weiter voran.“
Die allgegenwärtige Medienpräsenz ist für die Band eine Aufgabe, in die sie erst hineinwachsen musste. Trotz des Hypes können die Bandmitglieder noch ungestört auf die Straße gehen. Sie sind ihrer Heimat, dem Ruhrgebiet, treu geblieben und verbringen nach eigenen Angaben jede freie Minute mit ihren Familien und alten Freunden. Vermutlich hilft ihnen gerade der Kontakt zur „normalen“ Welt auf dem Boden zu bleiben. Auf die Frage, was es für ein Gefühl ist, nach so kurzer Zeit schon dieses Jahr bei den MTV Europe Music Awards als „Best German Act“ nominiert zu sein, antwortet Andi schon fast verlegen. „Das ist einfach toll. Wir fühlen uns unglaublich geehrt, zwischen so großen Namen aufgezählt zu werden.“ Mit Frida Gold gehen unter anderem die Beatsteaks, Clueso, Culcha Candela und Lena ins Rennen. „Wir sind da schon ein bisschen sprachlos“, so Andi weiter.
Dabei bedeuten der Band Nominierungen und Awards im Vergleich zu einer normalen Liveshow eher wenig. „Mit Awards kann man sich zwar schmücken, und in gewisser Weise sind sie auch eine Bestätigung für das, was man macht. Es ist aber kein direkter Austausch, es ist keine Emotion, die man zurück bekommt. Auf Tour ist das ganz anders. Uns ist es im Verhältnis viel wichtiger, jeden Abend mit Fans und Freunden zu feiern, Emotionen zu geben und genauso Emotionen zurück zu bekommen.“ Trotz großem Ehrgeiz verfolgt die Band bei dem MTV EMAs das Motto „Dabeisein ist alles.“ Chancen, wirklich zu gewinnen, rechnet man sich nicht aus.
Dank vollgepacktem Tourplan ist bisher auch noch gar nicht klar, ob die vier Hattinger am 6. November überhaupt bei der Award Show in Belfast live dabei sein werden. Der zweite Teil ihrer „Juwel“ Tour 2011 treibt sie von Mitte Oktober bis Anfang Dezember kreuz und quer durch Deutschland. Dabei soll jede freie Minute genutzt werden, um kreativ zu sein und an neuen Songideen für ein zweites Album zu arbeiten, verrät Andi.
Am Montag, den 24. Oktober haben sie ein Gastspiel im Rosenhof in Osnabrück. Die Erwartungen der Zuschauer sind hoch, die Band freut sich auf ihre Tournee, der Bassist besonders auf den geregelten Tagesablauf. „Wir fahren jetzt zum ersten Mal mit einem großen Nightliner“, schwärmt Andi. „Das Schöne an so einer Tour ist, dass man nach der ersten Woche schon fast so etwas wie einen geregelten Tagesablauf hat. Man fährt nachts, wacht auf, frühstückt, macht Soundcheck, gibt Interviews und abends spielt man das Konzert. Das fordert dann zwar etwa 90 Prozent der Kraft des Tages, aber insgesamt sind die Tage viel strukturierter als sonst.“ In Anbetracht der kommenden Konzerte mit verbesserter Liveshow und der gemeinsamen Zeit nehmen sie die mangelnde Privatsphäre im Tourbus gerne in Kauf: „Die nächsten Wochen werden für uns eine Zeit der Nähe. Wir sind endlich wieder alle zusammen. Das wird sehr schön.“
Die Musikwelt hat viele Stars und Sternchen aufund untergehen sehen. Für viele gehypte Bands ging es genauso schnell wieder abwärts, wie sie einst in den Pop-Olymp geschossen wurden. Angst vor einem medialen Absturz hat die Band aber nicht. „Medial gesehen kann man natürlich wahnsinnig schnell wieder verschwinden. Wir sind als Band und einzeln in unseren Persönlichkeiten aber so sehr gefestigt, dass wir in der Konsequenz auch weiter Musik machen würden, auch mit der gleichen Beständigkeit. Was uns ausmacht, ist ja nicht, dass wir in den Medien präsent sind, sondern dass wir die Möglichkeit haben, mit unserer Musik Menschen zu berühren. Das hat für uns mehr Bestand als die Nachrichten.“ Entsprechend verfolgt die Band für die Zukunft ein recht bodenständiges Ziel: „Wir wollen uns selbst treu bleiben und gleichzeitig unsere Musik weiter entwickeln. Wir haben uns immer gewünscht, Menschen mit unserer Musik zu berühren. Daran arbeiten wir weiterhin mit all unserer Kraft.“ 
Foto: Robert Wunsch

Interview mit Nneka – Es weht ein Wind der Veränderung

Die nigerianische Sängerin Nneka veröffentlicht am 7. Oktober ihr neues Album „Soul is Heavy“. Mit ihrer außergewöhnlichen Stimme und ihren tiefgründigen Texten bewegt die Musikerin Menschen weltweit. Selbst die amerikanische TV-Koryphäe David Letterman hat Nneka schon in seine Sendung eingeladen. Mit uns hat Nneka über ihre neue Platte, ihre Ängste und ihr Heimatland Nigeria gesprochen.





Du bist weltweit erfolgreich, trotzdem kennen viele unserer Leser deine Musik noch nicht. Wie würdest du unseren Lesern deine Musik beschreiben?

Ich finde sie sehr vielseitig, authentisch und eklektisch. Ich mische viele verschiedene Sounds. Afrobeats, Soul, R&B und auch Reggae.

Welche Themen behandelst du in deinen Texten?

Ich singe über viele verschiedene Themen. Das Leben, die Liebe, Korruption, Ungerechtigkeit, politische Themen, Rassismus. Im Prinzip geht es um mein alltägliches Leben, um Dinge die ich erlebe oder irgendwann einmal erlebt habe.

Woher nimmst du die Inspiration für deine Musik?

Vom Leben. Ich lasse mich von meinen Erfahrungen und den Erfahrungen anderer inspirieren. Gleichzeitig inspirieren mich auch einfach Menschen, die ich auf meinem Weg treffe.

Was ist dir persönlich am wichtigsten, wenn du einen Song schreibst?

Am wichtigsten ist, dass ich immer eine emotionale Bindung zu dem Song behalte und niemals mein Gefühl für den Song verliere. Es ist mir wichtig, meinen Kopf einzuschalten, aber gleichzeitig nicht zu rational mit meiner Musik umzugehen. Ich möchte ein Verbindung zu den Leuten da draußen herstellen, und ich glaube, dass wir alle gemeinsame Emotionen haben, die uns miteinander verbinden. Wenn man keine emotionale Bindung zu dem aufbaut, was man macht, dann kann man auch keine richtige Verbindung zu seinen Zuhörern schaffen.

Dein neues Album „Soul is Heavy“ erscheint am 7. Oktober. Was ist die Hauptessenz der Platte?

Naja, es ist ein drittes Album. Ich musste ein neues Album veröffentlichen. Das ist eine Sache. Aber ich mache natürlich immer Musik, egal ob ich ein neues Album herausbringen muss oder nicht. Die Musik, die man auf dem neuen Album hören wird, dreht sich um Erfahrungen, Gedanken und Emotionen, die ich in den letzten drei Jahren gesammelt habe. Einige Songs sind schon vor zwei Jahren entstanden, einige erst vor ein paar Monaten. Einige sind neu, einige sind alt. Es ist also eine Mischung aus all meinen Gefühlen und Emotionen der letzten drei Jahre. Ich habe versucht, zwischen allen Songs auf dem Album eine Verbindung zu schaffen. Jeder Song muss zu dem darauf folgenden passen, damit sie alle unter einem Hut Platz finden. So kann man die Platte als solche besser begreifen.

Meine persönliche Motivation für dieses Album ist mein ganzes mentales Durcheinander, das Chaos in meinem Kopf und all meine persönlichen Konflikte, die mich immer wieder einholen; der Gott in mir, der mir immer wieder ins Gewissen redet, der ganze Wahnsinn um mich herum und gleichzeitig diese Leere, die ich in mir spüre. Aber um all das wirklich zu verstehen, müsste man wohl in meinen Kopf hinein kriechen.

Welcher Song deines Albums bedeutet dir besonders viel?

Ich mag „Soul is Heavy“ wegen der Message und der Intensität des Songs. Ich beschwöre viele Geister großer, bereits verstorbener Menschen der Vergangenheit wieder hinauf, die alle für die Freiheit Afrikas gekämpft haben. Das ist einer meiner Hauptpunkte. Mit diesem Song will ich die Leute wachrütteln und zum einen zeigen, was in meiner Heimat passiert, zum anderen aber daran erinnern, wie die Welt miteinander verknüpft ist. Wie zum Beispiel die USA und Europa mit Afrika verbunden sind, die ganze Globalisierung und die dahinterstehende Korruption, aber auch der Zusammenhalt, den wir in Afrika für uns selbst erreichen müssen, damit sich die Lebensbedingungen verbessern.

Ein anderer Song, den ich sehr mag, ist „Do you love me now“. Man glaubt erst, dass es ein Liebeslied ist, aber in Wirklichkeit geht es um die Beziehung zwischen mir und dem System. Es geht darum, wie das System es geschafft hat, dass ich mich selbst aufgegeben habe um in diesem System zu funktionieren, allein für die Anerkennung und das Wohl dieser Gesellschaft. Also geht es darum, wie die Welt es geschafft hat, uns an eine unechte Realität glauben zu lassen. Wir benutzen unsere Sinne nicht mehr, jedenfalls nicht alle unserer Sinne. Wir wissen nicht mehr, wer wir wirklich sind. Jeder nimmt sich selbst viel zu ernst. Keiner weiß mehr, wofür er eigentlich steht. Es geht in dem Lied darum, dass man sich selbst verliert, nur um es einer anderen Person recht zu machen.

Du hast „Soul is Heavy“ erwähnt. Ist deine Seele auch schwer?

Ja, deshalb habe ich den Titel gewählt.

Du singst in deinen Songs über sehr wichtige Themen wie Rassismus, Unterdrückung, Politik, Religion, Armut und so weiter. Siehst du dich selbst eher als Künstlerin und Musikerin, oder vielleicht doch eher als eine politische Aktivistin, die ihre Musik dazu benutzt, ihre Nachricht in die Welt hinaus zu tragen?

Ich würde mich nicht unbedingt als Aktivistin bezeichnen. Ich bin einfach nur eine Person, die ihre Musik dazu benutzt um auf diese Themen aufmerksam zu machen. Diese Themen sind mir persönlich einfach sehr wichtig. Ich habe sie selbst erlebt und äußere daher nur meine Meinung, für mich selbst und für viele andere, die vielleicht nicht den Mut oder die Möglichkeit dazu haben, diese Dinge offen zu thematisieren. Es geht hier also keinesfalls um mich allein. Ich benutze nur meine Gabe, um diese Punkte direkt anzusprechen. Wenn   ich es nicht machen würde, würde jemand anderes aufstehen und sprechen.

Deine erste Single heißt „My Home“. Was bedeutet „zu Hause“ für dich?

Ganz ehrlich, zu Hause ist nirgendwo. Davon singe ich in diesem Song. Zu Hause ist einfach mein Anfang, meine Mitte, mein Ende – die Dreifaltigkeit des Nichts. Zu Hause ist kein Platz oder ein Ort, kein geografischer Punkt, den man an etwas Realem festmachen kann. In diesem Song ist Zu Hause ganz eng mit Gott verbunden, der unsichtbar ist und den wir uns eigentlich auch gar nicht vorstellen können. Also geht es in diesem Song darum, dass ich versuche, meinen Frieden mit mir und Gott zu machen.

Du gehst im Herbst wieder auf große Europatour. Gibt‘s ein Land oder eine Stadt, in der du besonders gerne spielst?

Nein, eigentlich nicht. Ich spiele einfach, nehme und gebe die Liebe weiter, egal wo ich gerade bin. Es ist immer etwas Besonderes, im positiven wie im negativen Sinne. Ich bin immer offen für neue Erfahrungen. Manchmal weiß ich auch gar nicht, wo ich gerade bin. Daher zählt für mich immer mehr der Moment an sich und nicht der Name der Stadt oder der Konzerthalle.

Bist du gerne auf Tour?

Ja, ich bin gerne auf Tour, so lange es nicht zu stressig ist. Wenn man viele Interviews am Tag hat und die ganze Zeit rumrennen muss, bevor man auf die Bühne geht, ist das schon etwas anstrengend. Wenn die Tour gut geplant ist und das Essen gut ist, ist alles in Ordnung. Was wirklich nervt, ist, dass man keine Kontrolle über sein Essen hat, besonders wenn man noch kein richtig großer Künstler ist und sich entsprechend noch kein eigenes Catering leisten kann. Das mag ich wirklich nicht. Aber sonst mag ich das Tourleben, auch weil ich wieder eine engere Verbindung zu meiner Band aufbauen kann. Dazu entwickelt sich auf Tour auch immer eine ganz besondere Beziehung zu mir selbst und zu Gott. Es ist einfach alles so anders. Es ist fast so, als ob man in den Krieg zieht.

Hat man dir schon mal richtig ekeliges Essen hingestellt?

(lacht)Nichts gegen die Niederlande, aber das Brot da ist wirklich furchtbar. Es ist wie Gummi. Oder wenn man im Backstage nur künstlichen Orangensaft hingestellt bekommt – ich will wirklich nicht hochnäsig klingen, wir sollten froh sein, dass wir überhaupt etwas zu trinken bekommen – aber auf lange Sicht ist das wirklich nicht gesund. Essen ist immer so eine Sache. Aber letztendlich müssen wir auch einfach dankbar sein, dass etwas zu essen auf den Tisch kommt, deshalb essen wir dann trotzdem immer.

Du hast in den letzten Jahren eine beachtliche Karriere hingelegt, warst bei Letterman in den USA in der Sendung und hast auch sonst einiges erreicht. Was bedeutet das für dich?

Es ist eine großartige Errungenschaft, aber ich versuche, nicht zu viel darüber nachzudenken. Ich will nicht, dass es mir zu Kopf steigt. Letterman war toll, allein diese Chance zu haben. Wenn man einmal bei Letterman war, bekommt man weltweite Aufmerksamkeit. Das war wirklich wunderbar. Aber ich wusste nicht einmal, wer Letterman überhaupt ist. Genauso wenig war mir die Tragweite bewusst, den mein Auftritt in seiner Show haben würde. Ich habe das erst nach der Sendung erfahren. Mir hat das auch zu mehr Anerkennung in Afrika verholfen. Aber auch Leute zu treffen wie NAS oder Erykah Badou, und mit ihnen auf einer Couch zu sitzen, das hätte ich mir nie träumen lassen. Es war so großartig, von diesen Leuten ermutigt zu werden, weiter Musik zu machen. Diese Erfahrung hat mich wirklich sehr inspiriert.

Hat noch ein anderer Moment in deiner Karriere einen bleibenden Eindruck bei dir hinterlassen?

Mich beeindruckt es immer noch schwer, dass ich überhaupt so wie jetzt Musik machen darf. Ich hätte mir das niemals träumen lassen, dass auch nur eine Person mir zuhört. Das kann ich manchmal immer noch nicht so recht glauben. Ich mache das jetzt bereits seit 7 Jahren, ich habe ein wunderbares Team hinter mir, Leute, die mich ermutigen. Ohne das Team wäre ich Niemand. Die Menschen, die so hart in diesem Team arbeiten, die mir vertrauen und an meine Musik glauben, haben mir sehr geholfen. Es ist für mich das allergrößte Geschenk, Teil einer so starken „Business Family“ zu sein.

Du bist in Nigeria aufgewachsen. Welche drei Dinge sollte man unbedingt über dein Heimatland wissen?

Wir sind auf dem Weg in bessere Zeiten. Ich beschäftige mich sehr viel mit dem Thema Korruption, bin aber von Hamburg zurück nach Nigeria gezogen um diese Dinge hautnah zu erleben und mit eigenen Augen zu sehen, wie sie sich weiter entwickeln. In Nigeria ist nicht alles rückständig. Es gibt so viele aufgeklärte, clevere junge Schwarze, die wieder nach Nigeria zurückkehren. Es weht der Wind der Veränderung. Das alles braucht Zeit, aber die Menschen investieren wieder ihr Wissen und ihre Energie in Afrika. Es ist dort also nicht alles rückständig, zwielichtig und korrupt. Das ist eine Sache, die man wissen sollte.

Übrigens laufen bei uns keine Löwen oder Tiger auf den Straßen herum, oder wilde Buschmänner in Blätterkleidern, die um ihre Hütten herumtanzen (lacht). Wir haben große Wolkenkratzer und 115 Millionen Menschen, die alle sehr aktiv sind. Und sie tragen alle Kleidung (lacht). Lagos Town ist fast wie ein afrikanisches New York, eine richtige Metropole. Hier arbeiten sogar einige Weiße. Weiße sind hier nicht verhasst, es gibt viele verschiedene Nationalitäten, die sich dort aufhalten, arbeiten und sich wohl fühlen.

Eine negative Sache ist Boko Haram. Boko Haram ist eine Art Ableger der Taliban, der sich im Norden Nigerias entwickelt hat. Ich weiß nicht genau, seit wann es sie gibt. Es gibt hier einen großen Religionskonflikt. Sie haben große Proteste organisiert und im Norden auch viele Menschen umgebracht. Sie glauben, dass der Islam die einzig wahre Religion für Afrika und die Welt ist, da der Islam viel früher in Afrika präsent war, schon lange bevor dir Christen dorthin kamen um den Kontinent zu kolonisieren. Sie sind sehr fundamentalistisch. Sie lehnen die westliche Zivilisation, westliche Erziehung und westliche Lebensart strikt ab.

Foto: Jens Boldt

Interview mit Johannes Strate: Stürmische Zeiten für einen Revolverhelden

Viele kennen Johannes Strate nur als „Johannes von Revolverheld“. Selbst 1Live-Moderatorin Sabine Heinrich war in einer Talkshow überrascht, dass dieser junge Mann auch einen Nachnamen hat. Seit heute morgen steht Johannes Strates Soloalbum „Die Zeichen stehen auf Sturm“ in den Plattenläden. Warum aber macht der vorderste Revolverheld plötzlich solo? Darüber hat er mit mir vor einigen Wochen am Telefon gesprochen und hat dabei auch ein paar persönliche Einblicke in die Entstehung der Songs und des Albums gewährt.



Johannes, was hat dich dazu bewegt, ein Soloalbum aufzunehmen?

Ich habe während der letzten Jahre viele kleine, akustische, sehr persönliche Songs geschrieben. Das sind Songs, die thematisch sehr persönlich auf mich gemünzt sind, eben meine eigenen kleinen Geschichten. Viele davon hätten nicht zu Revolverheld gepasst. Die Songs sind dazu auch textlich ein bisschen anders, sodass ich sie einfach nicht in unsere Band-Demokratie hineingeben wollte. Bei uns in der Band ist das eigentlich so, dass einer von uns mit einer Idee um die Ecke kommt, man sich im Proberaum trifft und jeder seinen Senf dazu gibt. Am Ende hat man dann einen Song, bei dem wirklich jeder von uns fünf involviert ist. Das ist super und hat bis jetzt auch immer gut funktioniert. Dieses Mal wollte ich aber nicht über die Textzeilen und das Arrangement diskutieren, ich wollte einfach einmal alles selber entscheiden. 



Hast du Bedenken, dass man dich nicht als Solokünstler wahrnimmt, sondern immer nur als die Stimme von Revolverheld?



Diese Gedanken habe ich tatsächlich. Ich kann mir schon von vorstellen, dass manche mich nur als Sänger von Revolverheld sehen und das Ganze nicht als eigenständig wahrnehmen. Aber dann ist das halt so und bringt mich jetzt auch nicht um. Dieser Prozess an sich im letzten halben Jahr war für mich schon sehr schön und befriedigend. Ich bin unglaublich froh, dass ich dieses Album überhaupt machen konnte und meine Jungs mich dabei so sehr unterstützen. Mir bedeutet es echt viel, wenn jetzt der ein oder andere aus meiner Familie und meinem engeren Umfeld zu mir kommt und mir sagt, dass er oder sie sich auf das Album freut. Wenn dann ähnliche Reaktionen auch von geschätzten Kollegen kommen und zum Beispiel ein Rea von Reamonn oder ein Bosse bei mir anruft und sagt, dass er mein Album richtig toll findet, freue ich mich riesig. Wenn dann noch ein paar Leute da draußen sind, denen das Album gefällt, die es kaufen, und die vielleicht auch gar nicht aus dem Revolverheld Kontext heraus auf mich kommen, dann freut mich das natürlich auch sehr.


Was kannst du solo transportieren, was mit Revolverheld nicht geht? 

Ich glaube, es sind auf der einen Seite die Geschichten, die doch einfach sehr persönlich sind. Ich singe da von Orten, wo die anderen noch nie waren und von Momenten, die ich allein erlebt habe, wo die anderen nicht dabei waren. Auf der anderen Seite konnte ich mir beim Arrangement einfach viel mehr Freiheiten nehmen. Viele Bläser und Streicher, auch mal ein Banjo, alles einfach sehr akustisch. Die verzerrten Gitarren sucht man ja vergebens auf diesem Album. Ich musste das alles selbst entscheiden und mit mir selbst diskutieren.



Über welchen Zeitraum sind die Songs von „Die Zeichen stehen auf Sturm“ entstanden?

Geschrieben habe ich die Songs schon während der letzten sechs, fast sieben Jahre und aufgenommen habe ich das Album im letzten halben Jahr. Im Januar ging‘s los.



Du hast das Album an vielen verschiedenen Orten aufgenommen. Welcher davon hat dich am meisten beeindruckt?



Schwierig zu sagen, weil ich an so vielen großartigen Orten war. Anfang des Jahres war ich zusammen mit Philipp Steinke, meinem Producer, in der italienischen Einsamkeit in einem Häuschen seiner Eltern. Das war wirklich total schön, da so auf sich gestellt zu sein und keinen Einfluss von außen zu haben. Da kam nur hin und wieder Nachbars Katze vorbei. Die ganze New Yorker Zeit bei Ari Hest im Apartment war auch echt großartig, gerade auch wegen all der Leute wie Greg Holden und Jonatha Brooke und so. Am meisten beeindruckt hat mich aber doch Island. Da war ich jetzt gerade zum vierten Mal, als wir dort das Video zur Single gedreht haben. Zur Produktion war ich auch dort und habe mit meinem alten Kumpel Helgi Jonsson zusammen aufgenommen. Das ist wirklich ein geiles Land. Jeder dritte spielt da ein Instrument, und das mit einer Intensität, die echt beeindruckend ist. Das Land beeindruckt mich eigentlich jedes Mal wieder, dieses Mal ganz besonders.



Wusstest du vorher schon, dass Island so musikalisch ist? Warum bist du nach Island gegangen?



Ich weiß das schon seit ein paar Jahren, weil ich ja, wie gesagt, mit Helgi Jonsson befreundet bin, der sonst so Sigur Rós, Damien Rice, Tina Dico und Teitur produziert. Ich bin seinetwegen dahin gegangen. Wir wollten immer schon mal etwas zusammen machen und bei dem Album bot sich das jetzt eben an. Er hat dann angeboten, dass wir das einfach dort bei ihm aufnehmen könnten. Da habe ich natürlich nicht nein gesagt. Ich bin dann dort hin gefahren und habe da in seiner Garage aufgenommen. Das muss man sich mal vorstellen, der nimmt wirklich für Damien Rice in seiner kleinen, rumpeligen Garage auf. Aber der Raum klingt auch geil und hat einfach eine tolle Atmosphäre. Dort haben wir dann zusammen die ganzen Bläser aufgenommen und sind dann noch ins Greenhouse Studio gegangen, wo er die Streicher arrangiert hat, die von ein paar Mädels des isländischen Sinfonieorchesters gespielt wurden. Und nebenan war Feist! Die kam dann plötzlich rüber und meinte „Oh, was ist das denn? Hi, ich bin übrigens Leslie,“ und wir nur so: „Ja, äh, wissen wir.“ (lacht) Jetzt habe ich ihr gerade meine Platte geschickt und wir haben wirklich ein bisschen Emailkontakt – völlig abgefahren eigentlich.



Für wen hast du die Songs auf deinem Album geschrieben?

Für mich selber. Ich habe meine Momente und Geschichten der letzten Jahre festgehalten und aufgeschrieben. Während des Songwritings habe ich gar nicht darüber nachgedacht, für wen oder was das sein soll. Das ist einfach so aus mir hinaus geflossen. 



Der Titel des Albums ist „Die Zeichen stehen auf Sturm“, was bedeutet das für dich?

Für mich ist das immer so ein maritimes Bild von einem alten Seemann, der am Strand steht und aufs Meer hinaus guckt. Das Meer ist ruhig und weit, man denkt alles ist gut, aber er sagt: „Die Zeichen stehen auf Sturm. Ich kann das spüren.“ Er kann zwar nicht sagen, warum, aber er weiß, da wird etwas kommen. So ist das auch für mich mit dem Album. Da kommt eine Veränderung, man kann sie schon spüren und so ist das Album für mich auch, eine große Veränderung. Dann gibt es natürlich auch noch den Song „Die Zeichen stehen auf Sturm“, der auf eine Beziehung gemünzt ist. Man merkt, dass da ein Unwetter kommen wird, aber man kann noch nicht genau einordnen wie und wann. 



Du bedienst dich in deinen Texten an auffällig vielen maritimen Bildern. Hast du eine besondere Verbindung zum Meer?

Ich bin ein Kind des Nordens, bin immer dicht am Meer aufgewachsen und war teilweise mehrmals im Jahr auf der Insel Spiekeroog, von der ich auch immer wieder singe. Daher bin ich sehr meerverbunden. Wind, Regen und Meer sind einfach meins.

An welchem Song hast du am längsten gebastelt?

„Die Tür ist immer offen“.

Warum?

Da haben wir so viel ausprobiert und sehr lange dran herum arrangiert. Eigentlich war das nur so ein kleiner Song mit Akkustikgitarre. Dann haben wir den immer dicker aufgeblasen, haben wahnsinnig viel Percussion aufgenommen, Helgi hat noch Bläser drauf gespielt und Streicher und dann hat er noch so Vocal-Percussion-Elemente drauf gesungen. Es wurde immer mehr, und immer mehr. Am Ende hatten wir Tonnen von Spuren und der Typ, dem wir es zum Mixen gegeben haben, hat die Hände überm Kopf zusammen geschlagen (lacht). Wir haben den Song wirklich wahnsinnig oft gesungen und ewig daran geschraubt. Es ist ein Epos geworden. Irgendwie ganz geil.


Was ist deiner Meinung nach das wichtigste Stück des Albums?

Kann ich so gar nicht sagen. Es ist glaube ich das Kollektiv. „Ich mach‘ meinen Frieden mit mir“ ist schon ein wichtiger Song, würde ich sagen, aber die Auswahl des ganzen Albums macht einfach das Ganze aus. Mit einem Song wäre das nicht erklärt.

„Ich mach‘ meinen Frieden mit mir“ erinnert mich sehr an „This is the New Year“ von Ian Axel.

Krass. Echt? Ach geil.

In „This is the New Year“ geht es ja um einen Neuanfang. Bedeutet „Ich mach‘ meinen Frieden mit mir“ auch einen Neuanfang für dich?

Bei dem speziellen Song ist die Geschichte für mich so ein bisschen von Sting inspiriert. Ich habe von meiner Mama eine DVD zu Weihnachten gekriegt, und zwar Sting mit dem Chicago Symphony Orchestra. Wahnsinnig geil! Im Extra Footage erzählt er, dass er sich zum Songschreiben oft in andere Personen hinein versetzt. Einen Song hat er zum Beispiel aus der Sicht eines Vampirs geschrieben, „Moon over Bourbon Street“, und einen anderen hat er aus der Sicht eines transsexuellen Strichers geschrieben. Ich habe „Ich mach meinen Frieden mit mir“ so ein bisschen aus der Sicht eines alten Mannes geschrieben, der auf sein Leben zurück blickt, und sagt, das war gut, das war ein bisschen schräg, aber ich mach da jetzt einen Strich drunter und mache alles in allem meinen Frieden mit mir. Deswegen sind die Worte vielleicht ein bisschen groß für einen 31-Jährigen, aber das ist die Geschichte, die dahinter steht. Allgemein habe ich natürlich in den letzten Jahren auch gelernt, meinen Frieden mit mir zu machen.


Was brauchst du zur Inspiration, damit ein Song von dir entstehen kann?

Reisen. Viel unterwegs zu sein inspiriert mich immer sehr. Wenn ich mich dann wirklich hinsetze und schreibe, brauche ich Ruhe, Zeit, keinen Stress und es muss mir gut gehen. Die traurigsten Songs schreibe ich eigentlich eher, wenn es mir gut geht. Erst danach geht es mir wieder richtig schlecht, weil der Song ja so traurig ist. Unter Stress oder Zeitdruck kann ich nur ganz schlecht schreiben. Also, an einem Tag wie heute würde ich sicher keinen Song schreiben, weil ich weiß, dass ich noch acht Interviews vor der Nase habe. Ich habe so eine Textzeilensammlung, in die ich gute Sätze schreibe, die mir in den Kopf kommen. Manchmal greife ich dann darauf zurück und dann kommt mir eine neue Idee. Ich muss schon Sachen erleben, damit ich was schreiben kann.

Ich habe ein paar Songs ausgesucht, zu denen du mir was erzählen darfst.

Gerne!

„Du bist mit dir allein“ – Für wen ist der Song, und ging‘s dir auch schon mal so?

„Du bist mit dir allein“ ist ein Song, der eigentlich für mich selber ist. Sehr melancholisch und traurig. Ich rede da mit mir selbst und gehe auch ganz schön hart ins Gericht. Aber man trägt ja immer viele Persönlichkeiten in sich, frei nach dem Satz ‚Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?‘. Das ist die eine Seite von mir, die einfach sehr streng mit sich ist und alles sehr kritisch sieht, was ich da so mache, lebe und repräsentiere. Diese Seite hat den Song geschrieben.

Man hat dabei den Eindruck, als ob dir das alles in den letzten Jahren vielleicht ein bisschen zu viel gewesen ist.

Genau, es gibt ja verschiedene Seiten. Da gibt es sicher einen Teil der sagt, mir wird das hier alles viel zu viel, ich stoße hier an meine Grenzen. Andere Teile sagen ‚Juhu! Ich feier das ab, ich find‘s geil!‘

„Wenn es um uns brennt“ – Der Song erinnert mich immer an Philipp Poisel.

Ja, Philipp ist ein echt guter Freund von mir und ich höre seine Platten sehr gerne. Der Song ist allerdings entstanden, bevor ich seine Platten kannte, also vor drei, vier Jahren. Für mich ist dieser Song sehr maßgeblich für das Album. Das war eigentlich der Song, bei dem ich erstmalig gemerkt habe, okay, den musst du irgendwann mal rausbringen. Ich wusste aber noch nicht in welchem Kontext. Ich habe den hier bei mir im Arbeitszimmer, in meinem Mini-Studio aufgenommen. Als wir dann nach Italien gefahren sind, haben wir ewig daran herum geschraubt, haben dann aber entschlossen, dass dieses Demo, was da so knattert und knistert und rauscht, genau die richtige Emotion für den Song hat. Der fertige Mix auf der Platte ist sozusagen das Demo, dass ich damals in meinem kleinen Zimmerchen in einer Stunde aufgenommen habe.

„Es tut mir weh dich so zu sehen“ – Warum hast du gerade den Song als Single ausgesucht?

Das ist ein Song, der für die Platte sehr maßgeblich ist, der aber natürlich, wenn man jetzt ans Radio denkt, auch noch ein Schlagzeug drin hat. Wenn du mit „Wenn es um uns brennt“ zu einem Radiosender kommen würdest, dann würden die sagen, ‚mein Freund, vergiss das! Wenn wir den durch‘s Radio ziehen, fahren uns alle Autofahrer gegen den nächsten Baum. Wir brauchen einen Beat!‘ „Es tut mir weh dich so zu sehen“ ist ein Song, auf den ich mich mit mir selbst ganz gut als Single einigen konnte.

Kann es sein, dass „Es tut mir weh dich so zu sehen“ die logische Fortsetzung der letzten Revolverheld-Single „Halt dich an mir fest“ ist?

Stimmt, thematisch passt das total. Guter Gedanke, das habe ich noch gar nicht so gesehen. Wenn „Halt dich an mir fest“ nicht funktioniert hat, kommt irgendwann „Es tut mir weh, dich so zu sehen.“ Die Songs sind auf jeden Fall auch genau in der Reihenfolge entstanden. Zuerst „Halt dich an mir fest“ und „Es tut mir weh dich so zu sehen“ dann ein halbes Jahr später oder so.

Das ist eine sehr traurige Geschichte, wenn man sich nach Jahren wieder trifft und es geht einem mit der gemeinsamen Vergangenheit gut, aber man merkt, dass der andere nicht richtig darüber hinweg gekommen ist und ihm es damit unheimlich schlecht geht. Für beide Seiten ist das ein sehr trauriger Moment, wenn man sich da wieder trifft. Der Person, der es schlecht geht, gibt der Moment wahrscheinlich eh schon einen Stich ins Herz und man selbst hat dann fürchterliche Mitleidsgefühle. Für mich ist das wirklich ein todtrauriger Song. Und das Video, das wir dazu in Island gedreht haben, ist auch so furchtbar traurig geworden. Aber auch schön.

„An Rosalinde“ – Der Song ist so ganz anders, als alles andere auf deinem Album. Wer singt das mit dir und wie ist der Song auf dein Album gekommen?

Das singt mein Papa. Mein Papa ist auch Sänger und Gitarrist, und singt immer so Chansons und auch solche schönen, niedlichen Sachen wie „An Rosalinde“. Er wird auf Spiekeroog der Dünensänger genannt und sitzt da seit 1966 immer im Sommer in den Dünen und singt dort dreimal die Woche mit den Leuten. Inzwischen kommen da immer so 300 bis 500 Menschen, teilweise Familien in dritter Generation und das ist echt immer ganz süß. Ich bin sehr mit seiner Musik aufgewachsen und meine Familie ist auch sehr mit der Insel verwurzelt. Meine Eltern haben sich da kennengelernt. Ich wollte das mit dem Album gerne verbinden und einen gemeinsamen Song wie „An Rosalinde“ noch mit auf die Platte nehmen. Darüber hat sich mein Papa natürlich tierisch gefreut. „An Rosalinde“ war mein Kindheitslied, das habe ich schon als Baby immer mitgesungen. Also, als ich dann Text sprechen konnte (lacht). Ich bin dann nach Worpswede gefahren, wir haben uns bei meiner Mama ins Wohnzimmer gestellt, Philipp Steinke hat Gitarre gespielt und wir beide haben den Song einfach mal eingesungen. Das ist so niedlich geworden, dass ich gesagt habe, ab auf die Platte damit.

Du hattest schon deine ersten Solo-Gigs. Wie war das, zum ersten Mal ohne deine gewohnte Band aufzutreten?

Das war schon sehr viel aufregender als sonst. Mit Revolverheld ist es natürlich schon alles sehr routiniert. Wir haben mittlerweile eine große Crew die mit uns mitfährt und wir spielen die Songs schon seit Jahren. Das macht auch Spaß. Du gehst auf die Bühne, bist entspannt, gehst dann wieder von der Bühne runter, trinkst einen Wein und fährst weiter. Jetzt allein war das schon sehr aufregend. Neue Songs, neue Konstellation der Band. Es war echt fast wie früher. Als ich dann aber auf die Bühne raus bin und zwei, drei Songs gespielt habe, ging es dann aber auch. 



Im Dezember steht deine Solo-Tour an. Revolverheld ist live immer laut, bist du jetzt immer leise?

Also wirklich laut wird es bei mir wahrscheinlich nicht. Es wird schon eine sehr akustische Tour, aber ich habe ja auch eine Band dabei, und wir werden schon ein bisschen Alarm machen. Es wird auf kein Brett vorn Kopf, sondern auf jeden Fall eine sehr emotionale Tour.

Was ist jetzt dein persönliches Ziel, mit dem Album und allgemein?

Ach, ich möchte einfach dieses Album rausbringen und freue mich, wenn viele Leute sagen, „das hat mich sehr berührt“, oder „ich mag den Song oder den, weil mich mit der Geschichte auch etwas verbindet“, oder „du hast da echt was schönes geschaffen“. Das würde mir schon reichen. Und wenn die Tour dann auch noch voll wird, kann ich zufrieden ins neue Jahr gehen.

Fotos: Matthias Arni Ingimarsson

Sepalot im Interview – Den Wolken hinterher jagen

Sepalot alias Sebastian Weiss hat ein Herz für den Topf. Bei der HipHop-Band Blumentopf ist er seit Jahren als DJ für ordentliche Beats und besten Sound verantwortlich. Wenn Sepalot nicht gerade mit dem Topf auf der Bühne steht, produziert er künstlerisch wertvolle Solotracks und jagt mit den dabei geborenen Klängen den Wolken hinterher – ganz frisch auf seinem neuen Album Chasing Clouds, das diesen Freitag in die Läden kommt. Der sympathischen Bayer hat mit mir ein bisschen über die neue Platte gequatscht und verraten, wie er solche Tracks eigentlich produziert.

Du bringst am Freitag dein neues Album Chasing Clouds auf den Markt. Jagst du auch den Wolken hinterher oder was bedeutet der Titel für dich?

Der Titel bedeutet wörtlich natürlich das, was du gesagt hast. Den Wolken hinterher jagen. Gleichzeitig hat er aber auch so etwas fantastisches, etwas nicht greifbares, auch so ein bisschen was verträumtes. Für mich ist das ein schönes Sinnbild für alle Dinge, die schwer zu umschreiben und nur schwer begreiflich sind, genauso wie Musik das manchmal ist.

Wo und wie soll man dein Album am besten hören?

Wenn man ein Album macht, sollte immer eine Vision im Kopf haben, wo die Reise hingehen und welche Emotion dieses ganze Album transportieren soll. Man sollte sich also nicht nur Gedanken über jeden einzelnen Song machen, sondern sich die Zeit nehmen, das Album als ein Gesamtkunstwerk zu betrachten, was am Ende dann einen prägnanten Sound hat und eine bestimmte Stimmung transportiert. Das finde ich zum Beispiel immer sehr spannend. Wo jetzt jeder einzelne am besten in die passende Stimmung für das Album kommt, hängt natürlich vom Hörer ab. Bei einem ist es sicher die grüne Wiese, beim nächsten ist es der Strand und wieder beim nächsten ist es die Autobahnfahrt. Mit 120 km/h oder so. Ich weiß es nicht genau. Musik braucht den Hörer, der Ort ist nicht vorgegeben, wo man das Album am besten hört. Das muss jeder selber wissen.

Wo hörst du dein Album denn am liebsten?

Für mich ist das ein Album, was ich sehr gut zu Hause hören kann. Das heißt jetzt nicht, dass es bei mir rauf und runter läuft, aber ich finde es nicht so sehr cluborientiert. Es ist einfach ein Album, das auch sehr gut außerhalb der Tanzfläche funktioniert. Da sind so ein paar leicht melancholische, fast schon depressive Stimmungen drauf und das mag ich sehr gerne. Für mich ist es ein perfektes Autofahreralbum.

Chasing Clouds ist dein zweites Soloalbum. Viele haben an so ein zweites Album hohe Erwartungen. Hat dich das unter Druck gesetzt?

Von den Erwartungen anderer Leute fühle ich mich nicht unter Druck gesetzt. Es ist dann eher so der Druck, den man sich selbst macht, denn man will sich ja schließlich neu erfinden und mit seiner neuen Musik selbst begeistern. Die Suche nach dem speziellen Sound für das Album setzt einen dann unter Druck. Da war ich gerade am Anfang der Produktion noch etwas orientierungslos, weil ich nicht genau wusste, wo es hingehen sollte. Ich wollte nichts machen, was sehr elektronisch klingt. Ich wollte was machen, was sehr organisch, warm und sample-lastig klingt, wollte aber auch nicht, dass es sich wie ein HipHop-Album aus den 90er Jahren anhört. Das war so die Aufgabe, die ich mir im Kopf gestellt hatte, bei der ich aber lange Zeit nicht wusste, wie ich die lösen kann.

Woher nimmst du die Inspiration zu deiner Musik?

Die meisten musikalischen Inspirationen habe ich tatsächlich, wenn ich andere Musik höre. Das ist sehr breit gefächert, alle Genre inspirieren mich. Ich werde jetzt nicht nur von Soul oder HipHop inspiriert, das ist alles total offen. Das sauge ich alles auf wie ein Schwamm, zu meinem eigenen Leidwesen.

Wieso zu deinem eigenen Leidwesen?

Weil es einem manchmal unmöglich macht, einfach nur Musik zu hören, ohne dass der Kopf mitläuft.

Wenn du eine Idee hast, wie entsteht dann so ein typischer Sepalot-Track?

Mittlerweile mache ich fast alles unterwegs. Ich habe so ein kleines mobiles Studio. Die meisten Ideen oder Layouts sind tatsächlich in irgendwelchen ICE-Zügen oder auf Autofahrten hinten auf der Rückbank entstanden. Es gibt gar nicht so einen festen Weg. Manchmal ist es ein Melodiefragment, das mir im Kopf hängen bleibt, mal ist es eine Textzeile oder eine Emotion, die ich gerne in einem Song verarbeiten würde. Dann schaltet man am besten den Kopf aus, soweit das geht, und versucht dann einfach, irgendwelche Skizzen zu komponieren. Ich versuche das immer alles ganz kurz und knapp festzuhalten und lasse es dann erst mal eine Weile liegen. Erst wenn man sich das Ganze später dann noch mal mit etwas Abstand anhört, kann man feststellen, ob die Idee oder die Essenz des Songs es wert ist, daran weiter zu arbeiten. Wenn die Ursprungsidee des Songs nicht stark genug ist, kann man ihn wieder vergessen.

Funktioniert dein kreativer Prozess auch so, wenn du mit Blumentopf zusammenarbeitest?

Da ist der kreative Prozess ganz anders. Wenn ich solo einen Song mache, ist das etwas vollkommen egoistisches und irrationales. Man braucht auf nichts und niemanden Rücksicht zu nehmen. Am besten denkt man auch gar nicht daran, wie und ob das anderen Leuten gefallen könnte und lebt man sich als Künstler voll aus. Erst nachher guckt man, ob man diese Songs verwerten kann. Nur so schafft man wirklich kreative Impulse. In einem Bandkontext kann man nicht so egoistisch vorgehen. Da geht es dann ja darum, dass sich fünf Leute in dem Song verwirklichen und final wieder finden können. Das bedeutet natürlich viele Kompromisse, die nicht immer leicht sind. Bei fünf Leuten hat man aber auch fünf mal so viel Input wie allein. Das hat dann einfach eine ganz andere Dynamik. Da sind dann auf einmal Ideen da, auf die man allein niemals gekommen wäre.

Die erste Single deines Albums ist der Song „Rainbows“. Erzähl doch mal, was steckt dahinter?

„Rainbows“ ist vom Genre ein totaler Zwitter. Es klingt ein bisschen nach Disko, gleichzeitig aber auch nach Indierock, Soul und ist für mich einfach wahnsinnig schwierig einzuordnen. Der Song transportiert eine ganz starke, relativ melancholische Stimmung. Darin steckt auch die maßgeblich Textzeile „You better find someone to love you, someone who‘s gonna paint rainbows above you“. Das ist etwas sehr trauriges, etwas sehr abschließendes, so nach dem Motto „such dir jemanden der dich liebt, ich bin es nicht“. Gleichzeitig ist dieser Song aber auch sehr hoffnungsvoll und hat sehr viel Freude, sodass eine ganz intensive Spannung zwischen dem Depressiven und der Hoffnung entsteht.

Das Video zu dem Song ist sehr gelungen. Woher kam die Idee?

Die Idee habe ich zusammen mit dem Kameramann entwickelt. Es greift im Endeffekt diese Emotion auf; jemand verabschiedet sich von seiner Liebe. In dem Fall fährt derjenige zu seiner eigenen Beerdigung und ich bin der Chauffeur, der diese ganze Story erzählt. Ich kutschiere ein 60er, 70er Jahre High Society Pärchen durch die Gegend, sie macht ihm andauernd Szenen, er ist schon total resigniert, am Schluss steht sie nur noch allein da und er hat sich verabschiedet.

Du arbeitest auf deinem Album unter anderem auch mit Fashawn zusammen. Wie kam es zu der Kollaboration?

Ich fand Fashawns Sachen schon immer richtig gut, auch die letzten Alben, ganz großartig. Ich hatte diesen Song „Change“ schon fertig, ohne Vocals, und habe Fashawn einfach drauf gehört und dachte, das ist die perfekte Kombination. Fashawn und das Instrumental. Zu der Kollaboration kam es dann ganz unromantisch, ich habe ihn einfach angefragt und dann gab‘s den Song.

Du hattest auf deiner Homepage auch die Aktion „Change“ feat. Fashawn and You – Add your 16 Bars, bei der deine Fans ihre eigene Strophe dazu schreiben konnten. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Die Idee kam mir, weil ich so viel Feedback auf das Instrumental von „Change“ bekommen habe, nachdem ich das Anfang des Jahres schon mal auf meiner Homepage gepostet hatte. Leute haben dazu gerappt, ihre Konzerte damit eröffnet und so. Dann habe ich den Track mit Fashawn gemacht und wollte auch, dass er nur eine Strophe und einen Chorus rappt, weil ich nicht so einen langen Rapsong haben wollte. Ich wollte immer, dass die Gäste auch die Gäste auf meiner Musik bleiben und nicht den ganzen Song übernehmen. Das finde ich immer relativ langweilig bei so Producer-Alben. Da verstehe ich mich auch zu sehr als Künstler, als dass ich da meinen ganzen Platz für den Gast aufgeben könnte. Aber da ich immer so viel Feedback auf den Track bekommen habe, dachte ich mir, dass die anderen Leute einfach einen zweiten Part dazu schreiben könnten. Größtenteils sind da wahnsinnig tolle Sachen gekommen und es hat mich echt gefreut, dass sich so viele Leute auf so kreative Art mit meiner Musik auseinandersetzen und dazu neue Texte schreiben. Richtig cool!

Du hast im Juni auch noch dein „Beat Konducta – Bavaria“ mit 10 Tracks als Free Download herausgebracht. Was hat es damit auf sich?

Das war eine Idee, die ich schon länger im Kopf hatte, bei der ich aber nicht wusste, in welchem Rahmen ich das veröffentlichen kann. Ich wollte daraus kein reguläres Sepalot-Album machen. Dafür ist das Projekt einfach zu abgeschlossen und zu limitiert. Kurz zur Erklärung, ich habe mich ausschließlich bayrischer Musik und irgendwelcher Traditionals bedient, habe die auseinander gesägt, neu zusammengesetzt und daraus ein Instrumental-Beat-Album gemacht. Ich hatte damit schon öfters experimentiert und hatte hier einiges liegen, aber es war doch immer eher nur eine Idee. Ich wusste noch nicht, wohin damit. Dann bin ich irgendwann wieder über die Instrumental-Alben von Madlip gestolpert. Der hat die Serie „Beat Konducta“ herausgebracht. Dabei gibt es die Folgen Africa und Asia. Da habe ich mir gedacht, alles klar: Africa – Asia – Bavaria, das ist es! Das war dann auch der perfekte Name für so ein Projekt, denn das Ganze soll jetzt nicht als drittes Sepalot-Album verstanden werden, sondern ist vielmehr eine Studie bayrischer Musik in Bezug auf HipHop – nicht mehr, nicht weniger. Jetzt macht das gerade die ganz große Runde, was ich mir nie erträumt hätte. Inland, Ausland, überall kommt es wahnsinnig gut an, echt interessant. Ich bin mal gespannt, ob das Oktoberfest der Sache noch mal Extraschub gibt.

Wie baut man so einen Track überhaupt?

Bei diesem Beat Konducta Ding habe ich ausschließlich Tonquellen aus der Originalaufnahme genommen und habe also nicht noch zusätzlich Gitarre oder mit Keyboards darüber gespielt. Bei dem Ding wollte ich zeigen, wie sehr man diese einzige Aufnahme durch den Wolf drehen und etwas Neues daraus formen kann, ohne Geschmacksverstärker und künstliche Zusatzstoffe. Da ist es dann wirklich so, dass man sich einzelne Soundschnipsel auf Tasten legt, und dann damit etwas Neues einspielt. Das ist dann zum Beispiel eine freistehende Snare oder Bass Drum, ein Bläser-Akkord oder so. Bei meiner Platte war das natürlich ein bisschen anders, da habe ich auch einiges selbst eingespielt, aber hier war das ja eine Studie darüber, was man aus diesen alten Aufnahmen alles bauen kann.

Du gehst jetzt auf Tour. Was kann man da denn so erwarten?

Ich werde alles mögliche spielen. Natürlich sehr viel von meinen eigenen Sachen, von diesem aber auch vom letzten Album, aber ich werde auch viel Musik von anderen Leuten auflegen. Das sollen einfach sehr schöne, breit gefächerte Clubabende werden.

Was sind jetzt deine Ziele? Wo willst du mit der ganzen Geschichte hin?

Die nächste Etappe nach der Veröffentlichung ist dann natürlich, die ganzen Konzerte oder vielmehr DJ Gigs zu spielen. Da freue ich mich schon sehr drauf. Das macht letztendlich auch immer sehr viel Spaß, endlich wieder aufzulegen und den Leuten die Musik zu präsentieren, die man zum einen selbst gemacht hat, zum anderen aber auch die man selber gut findet. Danach muss man einfach mal gucken, wo es einen noch hintreibt. Ende des Jahres steht auch wieder ein neues Blumentopf Album an, wir werden also ins Studio gehen und wieder kreativ arbeiten. Bei mir stehen sonst noch ein paar Auslandstermine auf dem Plan und man muss jetzt einfach mal gucken, wo die Reise hingeht. Das Feedback auf das Album ist jetzt schon riesig. Ich bin gespannt, was sich da noch so ergibt.

Chasing Clouds von Sepalot erscheint am 30. September 2011.

„Chasing Clouds“ Club Tour 2011
29.09.11 Mainz, Audiotreats Red Cat
01.10.11 Krefeld, Bosi Club
07.10.11 Bayreuth, Kolping Haus
08.10.11 Lüneburg, Salon Hansen
15.10.11 Erfurt, Centrum Club
20.10.11 München, Bob Beaman Club
22.10.11 Augsburg, Schwarzer Scharf
29.10.11 Münster. Skaters Palace

Foto: Brecheis

Maxim im Interview – „Zahlen und ich sind Feinde“

Melancholische Musik, Nachdenklichkeit, Zukunftsangst. Diese Themen bestimmen Maxims neues Album „Asphalt“, das am Freitag frisch in die Regale kommt. Der Singer/Songwriter hat sich nicht immer der emotionalen, akustischen Gitarrenmusik verschrieben – früher hat der sympathische Musiker aus Bonn bereits zwei Reggae-Platten rausgebracht. Passend zum Release seines neuen Albums habe ich ihm ein bisschen auf den Zahn gefühlt um herauszufinden, was für eine Person Maxim ist, was ihn inspiriert und was er macht, wenn er mal gerade keine Klampfe in der Hand hat.

Wenn dich jemand auf der Straße trifft und du ihm erzählst, dass du Musik machst – wie würdest du so einer zufälligen Begegnung deine Musik beschreiben?

Das ist Gitarrenmusik mit geilen Texten. Nein, Spaß. Es ist einfach Musik mit Fokus auf Gesang, auf Texte und Gitarre. Das Problem ist, dass man es nicht so richtig einordnen kann. Für Musik, die da irgendwo zwischen Pop und Singer/Songwriter wandelt, gibt es ja keine richtige Schublade, die da einen richtigen Sinn ergibt. Nicht so wie bei Heavy Metal. Wenn man Heavy Metal sagt, weiß ja jeder, was gemeint ist. Bei meiner Musik ist das schwierig zu beschreiben. Sie ist auf jeden Fall noch melancholisch.

Woher nimmst du die Inspiration für deine Musik?

Ich kann jetzt nicht genau sagen, welche Künstler mich zu welchem Song inspiriert haben, aber ich glaube schon, dass es im Prinzip ein Gedächtnis für Harmonien gibt, oder für Stimmungen, an die man sich dann irgendwann wieder erinnert und die dann mit in die Musik einfließen. Wenn man einen Song oft hört, den geil findet, und der einen prägt, versucht man ja nicht direkt danach, den eins zu eins oder ähnlich noch mal so zu machen. Das würde man nie tun, man will sich ja unterscheiden. Aber wenn man das dann verarbeitet hat und Zeit vergangen ist, glaube ich schon, dass das mit in die eigene Musik einfließt. Dann erinnert man sich vielleicht auch gar nicht mehr daran, dass das in Wirklichkeit genau die fünf Akkorde von dem einen Lied sind, dass man vor Jahren irgendwann mal geil fand.

Hast du irgendwelche Künstler, die dich beeinflusst haben?

Ja klar. Bob Marley, Dylan, vieles von meinem Vater. Ich glaube, dass die musikalische Erziehung, die man unbewusst durch seine Eltern bekommt, dass diese Musik einen krass prägt. Bei meinem Vater war das auch viel Singer/Songwriter Kram wie Bob Dylan, Hannes Vader, deutsche Liedermacher oder sogar die Dire Straits. Im Nachhinein ist das teilweise zwar gar nicht immer so geil, aber ich glaube trotzdem, dass das einen beeinflusst. Aktuell finde ich „The Tallest Man On Earth“ extrem geil. Das ist auch ein Typ nur mit Gitarre, extrem geiler Künstler. Aber ich höre auch nach wie vorne gerne Nas und Damian Marley. Also eine ganz bunte Mischung quer durch‘s Beet.

Wie entsteht bei dir ein Song? Erst der Text oder erst die Musik?

Beides gleichzeitig. Ich sitze da, habe die Gitarre in der Hand und spiele rum. Ich kann das gar nicht so richtig beschreiben. Mir fallen dabei Wörter ein, die ganz geil sind und die es wert sind, weiter zu schreiben. Dann schreibe ich auch weiter, aber es kann dann auch sein, dass ich die Akkorde noch mal verändern muss oder anders herum. Auf jeden Fall sitze ich immer mit meiner Gitarre da und irgendwann gibt es nen Song, den ich dann mit dem Text und der Melodie so jemandem vorsingen könnte. Das mache ich dann auch. Wenn ich dann mal irgendwo nur mit Gitarre spiele, probiere ich vor den Leuten auch gerne mal ganz neue Songs aus um zu sehen, wie das so klappt.

Gibt‘s dann auch Songs, die du nach so einem Vorspiel noch mal umschreibst, wenn das Publikum nicht so darauf reagiert wie erhofft?

Ja, oder anders. Das kann schon passieren. Jetzt nicht direkt beim ersten Mal. Da ist das oft noch schwer zu beurteilen, weil das ja keine Musik zum Abfeiern ist. Die Leute brauchen auch nicht laut zu klatschen. Ich fordere die Leute auch nicht auf „jetzt seid mal laut“ oder so‘n Kram, das würde ja auch gar nicht zu der Musik passen. Manchmal ist das ein bisschen schwer zu durchschauen, was finden sie geil, was finden sie nicht geil. Da muss man dann schon erkennen ob die Augen leuchten oder nicht. Wenn einem dann die großen Scheinwerfer ins Gesicht ballern, ist das natürlich nicht so einfach, aber man spürt natürlich was gut ankommt und was nicht. Wenn ich das ein paar mal gemacht habe, merke ich einfach ob sich das richtig oder falsch angefühlt hat. Je nach dem würde ich den Song dann so beibehalten oder wieder verwerfen und noch mal neu versuchen.

Was machst du, wenn du keine Musik machst?

Musik (lacht). Nein, was mache ich denn? Langweilige Sachen, die jeder sonst auch macht. Am Rhein ein bisschen Joggen gehen, durch die Stadt latschen, auf der Brücke ein Bierchen trinken oder, was mache ich denn noch gerne, wenn ich keine Musik mache? Ich mache ziemlich viel Musik, das ist gar keine leichte Frage. Man muss sich ja auch immer noch um so viel Mist kümmern, wie Emails checken, die Steuererklärung und so Zeug. Natürlich auch noch Freunde treffen, Familie treffen und was jeder sonst auch so macht.

Hast du dein ganzes Leben lang schon Musik gemacht, oder hast du beruflich auch schon mal andere Versuche gestartet?

Nicht wirklich. Ich habe schon mal so Studierversuche gestartet, die dann auch immer nach dem ersten Semester wieder direkt gescheitert sind. Ich war eigentlich ganz gut in der Schule. Es ist also nicht so, dass ich es nicht könnte, aber es interessiert mich einfach extrem wenig. Studium ist so eine Situation, mit der ich einfach nicht klarkomme. Da ist jemand, der dir sagt, jetzt muss du das und das lernen. Das fand ich in der Schule immer schon schlimm, da habe ich mich da aber irgendwie durchgebissen, weil es auch gar nicht anders geht. Schule muss man ja nunmal machen. Aber nach dem Abi hatte ich ganz krass das Gefühl „so was will ich nie wieder haben“. Ich will nur noch Sachen machen, die mir konkret was bringen. Ich habe auch nicht Musik studiert, ich habe mich einfach hingesetzt und versucht besser zu werden, in dem was ich mache. Learning by Doing halt. Insofern kann ich wirklich nicht behaupten, dass ich ernsthaft schon mal andere Sachen versucht hätte.

Wenn‘s so klappt, ist doch super. Studieren kann man ja immer noch, wenn man dann irgendwann wirklich Lust dazu hat. Das läuft einem ja nicht weg.

Ich hoffe es. Ich habe schon ein bisschen Angst davor, wenn dann so eine riesige Lücke dazwischen entsteht, zwischen den Dingen, die man lernen muss aber gar nicht lernen will, und dann muss man doch noch mal dahin zurück. Da habe ich echt Panik vor, wieder zurück in den Hörsaal zu gehen. Oder zu rechnen, das ist das allerschlimmste. Wenn man die ganze Zeit mit Sprache und Musik auseinandersetzt, dann gehen Zahlen einfach nicht mehr. Zahlen und ich sind einfach Feinde. Je mehr man sich mit Sprache und Texten beschäftigt, desto mehr löscht man seine Beziehung und sein Verständnis für Zahlen, habe ich das Gefühl. 

 

Du bringst am 23.09. dein neues Album „Asphalt“ an den Start. Insgesamt ist das bereits dein dritter Longplayer. Was ist im Vergleich zu deinen letzten Alben anders?

Vieles ist anders. Es ist gibt darauf keinen Reggae mehr, außerdem gibt es einen klaren Focus auf Gitarre und Texte. Dazu ist wesentlich weniger fröhlich. Meine Stimme hat sich auch verändert, aber das ist normal. Über die Jahre verändert sich eine Stimme eben.

Insgesamt ist „Asphalt“ mit allen Singles und EPs schon dein zwölfter Release. Du wirst aber immer noch als „Newcomer“ betitelt, zum Beispiel von N-JOY als „Newcomer des Monats“. Was ist das für ein Gefühl, nach so langer Zeit immer noch so gesehen zu werden?

Tja, keine Ahnung. Ich denke da nicht wirklich drüber nach, kann das aber auch verstehen. Bei mir ist es eben nicht so, dass ich der „Star“ bin, noch nicht (lacht). Insofern ist doch klar, die N-JOY-Hörer kennen mich nicht, weil die dort meine Musik nicht gespielt haben, deshalb bin ich für die der Newcomer. Das ist vollkommen ok. Ich war zwar auch schon mit meinem ersten Album „Newcomer des Jahres“ in der Riddim, der Reggae Zeitschrift. Das ist auch schon 1000 Jahre her, aber ich versuche mir einzureden, dass das nichts mit der Qualität meiner Musik zu tun hat.

Gibt‘s auf dem Album einen Song, der dir besonders am Herzen liegt?

Nein, kann ich gar nicht sagen. Es sind einige Songs und immer eher einzelne Zeilen, die mir am Herzen liegen. Ich kann mich auf keinen Fall selbst zitieren, das ist ekelhaft. Aber dass ich sage, der Song spiegelt mich perfekt wieder und die anderen stehen da drunter, kann ich überhaupt nicht sagen. Ich glaube, es ist einfach ein gutes Album.

Abhängig von der Tagesform, welchen Song würdest du heute als Anspieltipp rausgeben?

Heute wäre das „Meine Worte“. Da haben wir gerade auch ein Video zu gedreht, das hat mega Spaß gemacht. Deshalb habe ich mega Bock auf den Song und würde den zeigen.

Was bedeutet der Titel „Asphalt“ für dich?

Eigentlich hängt das an dem Song. Man bewegt sich in der Stadt, mit all den Möglichkeiten, die man da eigentlich hat, aber man findet trotzdem nicht richtig Halt. Es gibt so eine Zerrissenheit, die unsere Generation auch ein bisschen spiegelt. Man möchte nicht so ein Spießerleben führen, alles durchgeplant und festgefahren ist, und irgendwann gibt‘s Hochzeit und Kinder, aber man möchte auch nicht komplett nur die Stadt und die Nächte fliegen. Man sucht irgendwo Halt. Man ist immer so ein bisschen hin und her gerissen zwischen den Zukunftsängsten. Man will frei sein, aber auch nicht einsam sein. Also immer so Sachen, die niemals klappen werden. Es ist ja immer so, dass nie etwas perfekt ist und dass man nie das bekommt, was man eigentlich will. Um diese ganzen Sachen dreht sich dieser Song und er spiegelt ganz gut meine allgemeine Situation und die vieler Leute in meinem Alter wieder. Deswegen habe ich diesen Titel gewählt. Außerdem kam dann auch noch dazu, dass ich in der Endphase des Albums einen extremen Asphalt-Koller hatte. Man ist ja ständig davon umgeben und ich hatte das ganz krasse Bedürfnis da raus zu kommen, aber das ging leider nicht. Ich musste weiter in den Keller und Musik machen, ich konnte nicht einfach in den Wald ziehen oder an den Strand gehen. Im Endeffekt geht es einfach um Zerrissenheit und das mangelnde Talent, glücklich zu sein.

Bist du denn aus deinem Asphalt-Koller wieder raus gekommen?

Ja, wir haben das Video dazu komplett in der Natur gedreht. Einen Tag oben in Kiel, noch ein bisschen weiter nördlich, direkt am Meer. Ein Tag kann alles schon wieder besser machen. Dann ist auch noch die Sonne rausgekommen. Ein riesiger menschenleerer Strand, wunderschön.

Erzähl uns doch bitte noch etwas zu ein paar Songs: „Schüsse in die Luft“.

Um ganz ehrlich zu sein, geht es bei „Schüsse in die Luft“ und „Alles versucht“ weniger um mich und eher um familiäres Geschehen. Meine Eltern haben sich scheiden lassen, das auch sehr spät. Irgendwann war das alles passiert und man hat das alles verarbeitet, dann findet das Ganze seinen Weg in den Song. Wenn man dann die Eltern wieder sieht, die so lange zusammen waren, und dann ist plötzlich alles vorbei, fühlt sich das an wie Schüsse in die Luft. Man hat halt viel investiert, und am Ende ist es eigentlich nichts geworden. Genauso bei „Alles versucht“. Die beiden Songs sind thematisch sehr ähnlich. 

„Gefährliche Zeiten“ – Worum geht‘s?

„Gefährliche Zeiten“ ist ein Song über Big Brother. Man kann immer alles darauf schieben, dass ja alles so gefährlich ist, und deswegen muss hier noch eine Kamera aufgestellt und hier das Internet überwacht werden. Da ist so der prägnante Satz, man ist in einem Glashaus, doch die Scheiben sind verspiegelt. Die können dich sehen, du kannst sie nicht sehen. Das ist so ein paranoides Gefühl und darum geht es in dem Lied.

Du gehst im Oktober auf Tour. Was ist das besondere an deinen Livegigs?

Ich tue mich immer schwer damit zu sagen, bei mir ist irgendwas besonders. Im Endeffekt mache ich mit zwei Leuten einfach Musik, wir sind ein Trio, wie jedes andere auch. Ich mache halt Mucke auf der Bühne, fertig aus. Für mich ist das was besonderes, weil ich mich dabei ausleben kann. Das ist viel intensiver als im Studio. Man schafft das nie, die gleiche Stimmung, die krasse Energie und das Gefühl, das man live hat, im Studio nachzubauen. Ich hoffe einfach, dass es auch für das Publikum einige Momente gibt, die für den Zuschauer besonders sind. Aber das könnten die Leute dann auch nicht beschreiben.

Was ist dein Lieblingsmoment bei Konzerten?

Meistens gibt es so nach zwei Songs einen Moment, in dem es richtig geil wird. Da pendelt sich das Adrenalin dann wieder auf ein normales Level ein. Der erste Moment ist nämlich immer ganz besonders aufgeladen und energetisch. Der Moment ist auch extrem cool. Man will ja unbedingt raus und muss dann so lange warten, bis man endlich auf die Bühne darf. Wenn man dann draußen auf der Bühne ist, ist das auch sehr erleichternd. Natürlich ist auch immer ein toller Moment, wenn man den Song spielt, den man aktuell am schönsten findet.

Gibt‘s ein Konzert, an das du dich immer wieder erinnerst?

So spontan fällt mir das Chiemsee Reggae Summer ein, vor zwei oder drei Jahren. Das war super geil. Wir hatten eine gute Zeit, klatschnass geschwitzt von oben bis unten. Das war auf jeden Fall ein super geiles Konzert. Ich erinnere mich aber auch Akustikkonzerte ein, wo ich ganz alleine war und mir die Leute zwei Stunden lang an den Lippen geklebt haben. Das ist schon was besonderes für einen Künstler. Im Endeffekt schreibe ich das, was mich interessiert und nicht das, was dem Publikum gefallen könnte. Wenn du das dann singst, und die Leute es auch interessiert, ist das natürlich ein Segen.

Spielen wir ein bisschen „Dein/e letzte/r…“. Was war das letzte Album, dass du dir gekauft hast?
Ich weiß gar nicht genau wie es heißt, weil ich es gerade erst heruntergeladen habe. Es ist aber auf jeden Fall von Warpaint. Gleichzeitig habe ich mir aber noch „Viva la Vida“ von Coldplay geholt.

Dein letzter Film?

Das ist schon ein Weilchen her, da muss ich kurz nachdenken. „True Grit“ müsste das gewesen sein.

Dein letztes Konzert, dass du dir privat angesehen hast?


Das war The Tallest Man on Earth.

Fotos: Thomas Schermer

CD Review: Johannes Strate – Die Zeichen stehen auf Sturm

Johannes Strate ist eigentlich die Stimme von Revolverheld. Mit seiner Band tourt er seit Jahren durch die Lande und macht erfolgreich „recht laute Musik“. Aber schon fast genauso lange schreibt Johannes kleine musikalische Geschichten und akustische Songs, die nicht so recht in den gewohnten Band-Kontext passen wollen, ja, die seiner Meinung nach einfach zu intim sind, als dass man sie zusammen mit vier anderen Jungs und verzerrten Gitarren in großen Hallen spielen könnte.

Entsprechend lässt sich bereits erahnen, dass die zwölf Songs auf Johannes‘ Soloalbum Die Zeichen stehen auf Sturm im Großen und Ganzen nicht mehr viel mit der „recht lauten Musik“ zu tun haben. Und richtig, verzerrte Gitarren und lautes Schlagzeug wird man auf diesem Album nicht finden. Es regiert die Akustikgitarre zusammen mit Piano, Posaune, Streichern, Banjo und Glockenspiel. Dabei immer im Vordergrund: Johannes unverkennbar markante Stimme, voller Gefühl und offener Emotion. Johannes Strate erzählt mit seinen Songs kleine gefühlsschwangere Geschichten über das Leben und die Liebe, die mal fröhlich optimistisch, aber noch öfter traurig melancholisch, kurze, sensible Einblicke in das Wesen des Sängers erlauben.

Teilweise erinnern die Stücke an Philipp Poisel, wie das zarte und leise „Wenn es um uns brennt“, „Ich mach meinen Frieden mit mir“ erinnert in seiner Gesamtwirkung an „This is the New Year“ vom New Yorker Singer/Songwriter Ian Axel. Leise, minimalistische Stücke a la „Gespenster“ koexistieren friedlich neben, dagegen fast schon pompös wirkenden, Nummern wie „Die Tür ist immer offen“. Wer genau hinhört, entdeckt stellenweise die Handschrift des isländischen Produzenten Helgi Jonsson, der unter anderem auch für den Sound von Tina Dico, Sigur Rós oder Damien Rice verantwortlich ist.

Strate überrascht auf seinem Solo-Werk mit aufwändigen Arrangements, filigranen Instrumentierungen und teilweise unerwartet ehrlichen und tiefgründigen Textpassagen, die einige Revolverheldfans vielleicht erst einmal überfordern, Neuentdecker aber umso mehr erfreuen dürften. Liest man zwischen den Zeilen, den einzelnen Tönen und Akkorden, serviert einem dieses Album gefühlt das gesamte Herzblut des 31-Jährigen auf dem Silbertablett – einfach, ehrlich, authentisch und ohne große Maskerade.

So überraschend wie das Album begonnen hat, endet es auch. Die 47-minütige Reise durch fast sieben Jahre Songwriting auf Die Zeichen stehen auf Sturm schließt mit „An Rosalinde“, einem kindlich verspielten Lied eines Worpsweder Liedermachers. „Das singe ich mit meinem Papa“, verrät Johannes im Interview mit unserem Magazin.

Mit Die Zeichen stehen auf Sturm präsentiert sich Johannes Strate von einer ganz anderen, unerwarteten Seite. Der Solo-Ausflug zeigt, dass er viel mehr kann, als nur einfach fröhlich-energetische, massenkompatible Poprocknummern zu singen und schnulzige Balladen zu trällern. Die Zeichen stehen auf Sturm – auch für einen Johannes Strate.

Johannes Strate
Die Zeichen stehen auf Sturm
VÖ: 30.09.2011
Columbia Four Music