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Maxim – Asphalt

Der Kölner Songschreiber Maxim veröffentlicht am 23. September sein drittes Album Asphalt. Wir haben ein paar Wochen vorher schon mal reingehört.

Maxim – War das nicht mal ein Männermagazin?
Es gab zwar mal ein gleichnamiges Magazin, jedoch handelt es sich hier um den äußerst talentierten, 29-jährigen Songschreiber Maxim Richarz aus Köln, der mit Asphalt bereits sein drittes Album präsentiert.

Was macht Maxim für Mucke?
Maxim hat früher mal Reggae gemacht, damit hat das Album Asphalt aber nicht mehr viel zu tun. Manchmal schimmert seine ursprüngliche Verbundenheit zu Beats und Soul noch durch. Hier liefert der junge Mann aber eine solide Platte aus einfach instrumentierten Singer/Songwriter-Nummern mit deutschen Texten, die Dank guten Beats und effizienten Arrangements aber nie langweilig werden. Dazu wirken die Texte gerade durch Maxims etwas kratzige Stimme mit dem gewissen Etwas besonders authentisch.

Wo höre ich Maxims Asphalt am besten?
Da Maxims Musik von einer gehörigen Portion Melancholie und Zukunftsangst leben, sollte man die Songs lieber nicht in die nächste Party-Playliste packen. Wenn man beim Joggen aber mal richtig über das Leben nachdenken will, eignet sich Asphalt dagegen perfekt. Genug Beat, um sein Tempo zu halten, genug Tiefgang um neue Inspiration zu tanken.

Tiefgang: 4,5/5
Vielseitigkeit: 3,5/5
Melancholie: 4/5

Maxim – Asphalt (LP), VÖ: 23.09.2011, Label: Rootdown Records, 12 Tracks, ca. 16 Euro

Foto: Thomas Schermer

Wir haben auch noch ein kleines Interview mit dem sympathischen Musiker in der Röhre. Das lest Ihr hier in den nächsten Tagen.

MAXIM LIVE
20.10.2011 Kiel, Räucherei
21.10.2011 Münster, Skaters Palace Café
22.10.2011 Köln, Stereo Wonderland
24.10.2011 Berlin, Privatclub
25.10.2011 Potsdam, Waschhaus (Ruby’s Tuesday)
26.10.2011 Dresden, Scheune
15.12.2011 Hamburg, Haus III&70 (Solo Accoustic)
16.12.2011 Lüneburg, Salon Hansen (Solo Accoustic)

Ich schiebe keine Wolken weiter – Ein Manifest gegen die Dorfzensur

Wir sind in Deutschland. Theoretisch herrscht hier ja eigentlich Meinungs- und Pressefreiheit. Leider muss man als angehender Journalist immer häufiger einen Spagat zwischen journalistischen Berichten und reinen PR-Beiträgen machen. Im besten Fall findet man dabei ein gesundes Mittel, das man mit seinem journalistischen Gewissen vereinbaren kann. Manchmal tut so ein Spagat weh, und manchmal ist er eigentlich unmöglich. Trotzdem wird man aus verschiedenen Gründen dazu gezwungen. Man könnte einfach den Mund halten, aber dieses sich immer weiter verbreitende Phänomen der Dorfzensur kann so nicht weiter gehen. Es kann nicht sein, dass irgendwelche Dorfzensoren durch die Gegend laufen und teilweise sogar erfolgreich dafür sorgen, dass letztendlich die Pressefreiheit in ihrem Minimalkosmos eingeschränkt wird. Wo so etwas global hinführen kann, zeigen zahlreiche bekannte Beispiele in diversen Ländern dieser Erde. Mein wahrheitsliebendes Bloggerherz rebelliert bei diesem Gedanken so sehr, dass mir der Atem stockt.

Von guten Journalisten erwartet man eine unabhängige Berichterstattung. Diese beinhaltet naturgemäß nicht nur die glänzenden Sonnenstrahlen, sondern auch mal die grauen Regenwolken. „Für dich schiebe ich die Wolken weiter“ funktioniert eben nur symbolisch bei Yvonne Catterfeld, bei gewieften PR-Textern und PR-Beratern oder in gephotoshopten Urlaubskatalogen. Ich bin weder die Catterfeld, noch gehöre ich aktuell zu einer der beiden zuletzt genannten Zünfte. Deshalb regnet, stürmt und schneit es Gott sei Dank hin und wieder auch mal bei mir und in meinen Texten. Praktikern der Dorfzensur schmeckt das nicht – man betrachtet lieber die bearbeiteten Bildchen und den herrlichen Sonnenschein, auch wenn dieser, prozentual gesehen, eigentlich nur von kurzer Dauer war. Die Regenzeit wird kategorisch ignoriert. Wenn es nach ihnen ginge, dürften die Regentropfen auch niemals erwähnt werden. Wenn sie doch erwähnt werden, rückt lieber gleich der Dorfkatastrophenschutz aus. Schade, denn selbst die schönsten Blumen können nur mit Regen wachsen, auch in Dörfern.

Entsprechend möchte ich an dieser Stelle einmal die unzensierte, leicht tröpfelnde Version eines Absatzes, aus einem, wie ich finde, recht banalen Event-Bericht veröffentlichen, in dem wahrheitsbedingt eben auch eine kleine Regenwolke durch das sonst so sonnige Urlaubskatalogbild zog. Das Wölkchen war kein unbedachter Ausrutscher, sondern eine bewusst gewählte Zusammenfassung des allgemeinen Publikumverhaltens und der Reaktionen der betroffenen Personen. Eben die reine, nicht ganz so sonnige Wahrheit. Der Dorfzensur passte dieses Wölkchen nicht, und so wurde der Absatz mit viel Catterfeld-Einsatz und Lärm um nichts letztendlich aus der offiziellen Version eines Berichts entfernt.

„Frei nach dem Motto „Was der B..eler nicht kennt, das wählt er nicht,“ entscheidet sich das Publikum in der Vorrunde für lokale Popularität und nicht unbedingt immer für Qualität. Kandidaten mit zu kleinem Fanclub oder auch von weit her angereiste Teilnehmer wie Sandra aus Thüringen und Patrick aus Osnabrück sind im Grunde genommen von Anfang an chancenlos. Entsprechend gedrückte Stimmung herrscht bei diesen Kandidaten unmittelbar nach dem Vorrundenentscheid. Man hatte sich das Ganze doch wohl etwas anders vorgestellt. “ 


Nach diesem Fall der Dorfzensur bleiben mir eigentlich nur noch folgende Worte:

Liebe Dorfzensur,

der dieser Absatz nicht passt. Ich möchte Sie bitten, an Ihrer Kritikfähigkeit zu arbeiten und für zukünftige Dorfangelegenheiten, bei denen ein Hinweis auf Regen und Schlechtwetterfronten unerwünscht ist, Pressevertreter doch bitte wieder auszuladen und stattdessen eine PR-Agentur zu engagieren, die entsprechend langweilig sonnige Zuckerwattetexte rechtmäßig verfasst. Diese Schreiber können dann auch gerne Yvonne Catterfeld mimen, die Wolken weiter schieben, alles über den grünen Klee hinaus loben und guten Gewissens, ganz so wie im Reisekatalog, auch noch die angenehme, wohlklimatisierte Atmosphäre in der Lokalitäten vor Ort preisen, in denen in Wirklichkeit bei tropischer Hitze das Kondenswasser fast schon von der Decke tropft. Ich hingegen kann das nicht.
Ich bin leidenschaftliche Musikliebhaberin, Volontärin und angehende Journalistin und fühle mich daher nicht nur beruflich, sondern auch durch mein Gewissen, zu Objektivität und Wahrheit verpflichtet. Ich stehe zu meinen Regenwolken und werde es auch weiter regnen lassen, sollten sich wahrheitsgemäß und realitätsbedingt Gewitterwolken auftun.

Hochachtungsvoll,
KDL

Y’akoto – Tamba EP

Außergewöhnlicher Name. Wer ist Y‘akoto?
Y‘akoto ist eine Sängerin mit außergewöhnlicher Stimme und, trotz ihren gerade mal 23 Jahren, wahnsinnig viel Lebenserfahrung. Y‘akoto wurde in Hamburg geboren, wuchs in Ghana auf, machte Zwischenstopps in Kamerun, Togo und dem Tschad. Inzwischen lebt sie wieder in Hamburg, Lomé und Paris.

„Tamba“. Was, wie, wo?
„Tamba“ ist die erste Single aus Y‘akotos Album Babyblues, das 2012 auf den Markt kommen wird. Die EP mit vier Tracks bietet jetzt schon einen tiefgründig, gefühlvollen Vorgeschmack auf das soulige Gesamtwerk der Ausnahmekünstlerin.

Und der Inhalt?
In „Tamba“ singt Y‘akoto über das grausame Schicksal afrikanischer Kindersoldaten. Kein fröhliches Thema. Aber Y‘akoto hat sich bewusst für diese Single entschieden: „Manchmal muss Musik wehtun, damit sie etwas bewirken kann.“

Y‘akoto – Tamba EP
VÖ: 12.08.2011
4 Tracks
ca. 5,99€

Nezzer – Red Plastic

Eine große, rote Plastikscheibe, die viele nur noch aus ihrer Kindheit oder von den Eltern kennen. Genau das bekommt man, wenn man sich Red Plastic der Osnabrücker Band Nezzer besorgt. Ganz so, wie es der Albumtitel verspricht, erscheint das Album der Band exklusiv in einer limitierten Vinyl-Auflage, die in rot geprägt wurde. Darauf sind elf knallende Rocksongs, die sich echt hören lassen und weit weg von gewöhnlichem Provinzpop sind.

Dass Nezzer das Potenzial haben, nicht sofort unter „ferner liefen“ in der Musiklandschaft unter zu gehen, beweisen die Nezzeraner überzeugend auf ihrem Album. Gleich mit dem ersten Titel des Albums „Radio“ geht es geradeaus und mit viel Druck nach vorne. Man hat fast das Gefühl, dass dieser Song einer Vorhersage gleich kommt: Wundern würde es nämlich nicht, wenn einige der Songs auch ihren Weg irgendwann ins Radio finden würden. Das Zeug dazu haben sie auf jeden Fall.

Beeinflusst von Velvet Underground, Joy Division und Duran Duran erinnern die Stücke auf „Red Plastic“ oft an klassische Rocknummern der Achtziger, gespickt mit einer frischen, eigenen Note und ein wenig Grunge der Neunziger, die ihnen eine gewisse Zeitlosigkeit verleihen. Besonders die markante, dunkle Stimme von Sänger Tifty sorgen für einen hohen Wiedererkennungsfaktor und fesselt die Ohren an die Lautsprecher.

Ordentliches Gitarrengeschrammel, ohrwurmverdächtige Hooklines, treibende Drumsounds und eine nette Prise Gefühl auf der Platte, machen Lust auf mehr und machen vor allen Dingen neugierig auf Nezzer live. Bei Songs wie „Wasted“, „Send me out“ oder „Insight“ sieht man unweigerlich Szenen von Haare schüttelnden, tanzenden, hüpfenden und klatschenden Menschen vor einer großen Bühne. Ausprobieren konnten das Nezzer schon zu genüge. Vom kleinen Kellergig bis zur Bühne im Rosenhof haben sie schon so einige Mengen begeistert und unter anderem mit Jupiter Jones und Tito & Tarantula die Bühne geteilt.

Trotz großer Kreativität in der Aufmachung, Liebe fürs Detail in der Produktion und spürbarem Herzblut in jedem einzelnen Song, hat das Album „Red Plastic“ aber doch einen kleinen Wermutstropfen. Auch wenn die Songs im Einzelnen großes Ohrwurmpotenzial haben und mitreißen können, wirkt das ganze Album auf einmal auf Dauer streckenweise etwas eintönig. Etwas mehr Abwechslung und Mut zu unterschiedlichen Sounds wären wünschenswert gewesen. Trotz alledem ist „Red Plastic“ ein ordentliches Debüt und kann sich insgesamt auf jeden Fall hören lassen.

„Red Plastic“ ist in Osnabrück in ausgesuchten Plattenläden wie zum Beispiel Shock Records zu haben. Ab dem 5. August gibt es das gute Stück auch in digitaler Form auf allen bekannten Download-Portalen. Wer sich außerdem von Nezzers Livequalitäten überzeugen will, hat dazu am 27. August Gelegenheit. Dann spielt die Band in Georgsmarienhütte beim Hütte Rockt Festival.

Norman Sinn – Was macht Sinn

Der Erfurter Zughafen mausert sich immer mehr zu einer der wichtigsten Talentschmieden in Deutschland. Bestes musikalisches Beispiel ist hier wohl Clueso, der sich als erfolgreichster Künstler aus dem Kreativ-Kollektiv des alten Erfurter Güterbahnhofs hervorgetan hat. Nun kommt Norman Sinn mit seinem neuen Album „Was macht Sinn“ um die Ecke, und ist auf dem besten Wege in Cluesos Fußstapfen zu treten. Bis vor kurzem firmierte der Musiker noch unter dem Bühnennamen Bates. Jetzt geht es für den 32-jährigen wieder zurück zu seinem echten Namen. Ein Neuanfang. Damit bleibt kaum noch eine Fassade, hinter der sich der Künstler verstecken kann.

„Was macht Sinn“ liefert 12 frische Tracks, die jeder für sich mit starken Texten ihre eigenen kleinen und großen Geschichten vom Leben erzählen. Aufrichtig und ehrlich, ohne Netz und doppelten Boden, legt Norman Sinn dem Hörer hier ein großes Stück seiner Seele zu Füßen. Die vielseitig geprägten Songs versprühen allesamt große Authentizität. Dabei verliert sich kein Song im Einheitsbrei eines festgelegten Genres: Zarter Pop trifft auf groovende Rap- und HipHop-Elemente, die sich gleichzeitig mit subtilen Indie-Klängen verbinden und dann auch mal vorsichtig rockig aus der Wäsche hervorgucken wollen.

Dabei ist häufig unüberhörbar, dass Clueso auf diesem Album seine Finger mit im Spiel hatte. So manch musikalische Pirouette wirkt vertraut und zeugt, nicht nur in den offensichtlichen Clueso-Gastspielen, von der direkten, kreativen Verwandtschaft zum Zughafen. Trotzdem steht hier ganz klar Norman Sinn für sich, der mit seinen vielschichtig arrangierten Stücken alle Chancen der Welt hat, die Ohren der Musikliebhaber zu erobern. Einen ganz Großen hat er damit bereits überzeugt: Herbert Grönemeyer hat den 32-jährigen Sänger kurzerhand als Support-Act für seine Stadiontour quer durch Deutschland engagiert.

Für alle, die nicht bei der Tour dabei sein können, steht als kleiner, viel versprechender Vorgeschmack „König“, die erste Single des Albums, seit dem 3. Juni in den Läden.

Facettenreichtum: 4,5/5
Seele: 4,5/5
Groove: 4/5

Norman Sinn – Was macht Sinn
12 Titel – ca. 12€
Label: Four Music (Sony Music)
VÖ: 24.06.2011

Arctic Monkeys – Suck it and See

Viel Zeit ist vergangen, seit die Arctic Monkeys die erste Band waren, die durch das Internet berühmt wurde. Inzwischen ist die Kapelle aus England ein felsenfester Bestandteil der britischen Musiklandschaft und wird international gefeiert. Seit dem 3. Juni steht das nunmehr vierte Arctic Monkeys-Album „Suck It and See“ in den Startlöchern und wartet mit seinen zwölf brandneuen Stücken darauf, von Fans in aller Welt gehört zu werden.

Aufgenommen wurde das gute Stück im Winter in Kalifornien. Scheinbar beeinflusst der Aufnahmeort auch den Sound, zumindest fühlt man sich stellenweise in die Zeit der alten VW Bullis zurückversetzt, in denen die Insassen lebenslustig, frei und ohne große Sorgen den Highway No. 1 an der Küste entlang hoch- und runtergefahren sind. Sehr poppig, aber trotzdem frisch klingt das Ganze. Man spürt immer noch den Fahrtwind und die Seeluft im Gesicht, kann tief durchatmen und hat nicht das Gefühl, vor lauter Hitze und zu viel Sonnencreme gleich auf den alten Kunstledersitzen kleben zu bleiben, wie das bei so manch anderem Sommeralbum gerne der Fall ist.

„Suck It and See“ bildet in seiner Ganzheit eine Symbiose aus Old-School Rock`n`Roll mit Elvis-Feeling, Beatles-Beat, gestandenem Brit-Pop und eingängigem Indie-Rock. Aufwendige Arrangements und eine ordentliche Portion Retro sorgen für das beschriebene California-Cruising- Feeling, die Texte tun ihr Übriges.

„I poured my heart into a pop song / I couldn`t get the hang of poetry“ trifft den Nerv des Albums auf den Kopf. Zu wahrer Poesie reicht es auf „Suck It and See“ noch nicht, dafür aber für eine Menge ordentlicher, luftig-leichter Indie-Popsongs, die ihren reinen Unterhaltungszweck bestens erfüllen. Etwas düsterer, fast schon verruchter anmutende Stücke wie „Library Pictures“ und „All My Own Stunts“ bringen dazu etwas Abwechslung in die sonst schon beinahe etwas belanglos wirkende Pop-Atmosphäre und verhindern so gerade, dass das Album in einem schönen, eingängig melodiösen Friede-Freude-Indie-Einheitsbrei versinkt.

Die Arctic Monkeys haben mit ihrem neuen Album kein revolutionäres, wahnsinnig innovatives Album auf den Markt gebracht. Trotz ausgefeilter Arrangements beruft man sich musikalisch auf Altbewährtes: schöne Melodien in Kombination mit der beruhigenden Stimme von Alex Turner, die sich wie ein Bettlaken im sanften Sommerwind in den Songs bewegt. Streckenweise entdeckt man Elemente, die man sonst auch gerne bei Oasis oder The Gaslight Anthem wiederfindet. Nichtsdestotrotz ist „Suck It and See“ ein ordentliches, solides Album, das man am besten mit Sonnenbrille auf der Nase während der Fahrt mit einem alten VW Bulli hört. Und wenn man nicht gerade an einer Bucht am Highway No. 1 in Kalifornien anhält, tut es auch der Parkplatz am Deich an der Nordsee.

Wir für Wen – Soweit alles Gut

Bereits über 120 Konzerte haben WirFürWen auf ihrem Band-Buckel. Nachdem die Live-Routine der vierköpfigen Truppe aus Bremen und Umgebung seit langem sitzt, ist seit April das neue Album „Soweit alles gut“ am Start, und wartet darauf, unter die Lupe genommen zu werden.

Mit „Soweit alles gut“ haben WirFürWen, die ihren deutschsprachigen Poprock stilistisch zur Bremer Schule zählen, zwölf Tracks ins Rennen geschickt, die sich mal heiter, mal wolkig ihren Weg in die Gehörgänge suchen. WirFürWen legen viel Wert auf ihre Texte, dessen Aussagen sie als augenzwinkernd bis appellierend charakterisieren. Beim ersten Hören merkt man sofort, dass für eben diese Texte Sänger und Gitarrist Daniel Hohorst selbst verantwortlich ist.  Seine Stimme transportiert spürbar jede Emotion, jeden versteckten, noch so kleinen Seitenhieb, wie es eben nur der Schreiber selbst kann. Dabei singt er von Alltagsproblemen, Liebe, Spaß und Sehnsucht. Teilweise wirken die so entstehenden Songgebilde dadurch fast schwerelos, an anderen Stellen beschwert die große, oft vorherrschende Melancholie das Album wie Blei und überschattet an einigen Stellen manchmal ein wenig die textliche Qualität.

Musikalisch wird das ganze von Daniels Bandkollegen Dennis Bokelmann, Jörg Niedderer und Torben Abt begleitet. Neben dem klassischen Rock-LineUp bringt die Band gerne Piano und Mundharmonika ins Spiel, um ihrem Sound eine eigene Note und einen Hauch von Abwechslung zu verleihen. Leider bleibt es oft bei dem Hauch. Je mehr man versucht, anders zu klingen, desto mehr ähneln sich die einzelnen Songs. Erst bei mehrmaligem Hören fallen die kleinen musikalischen Unterschiede auf, die beim einfachen Hören leider viel zu schnell übersehen werden.

Läuft das Album einmal, weiß man nach dem ersten Song „Mir ist schlecht“, der durch den eingebauten Keyboard-Orgel-Sound ein wenig an eine Schülerband erinnert, nicht so recht, ob man in diesem fahrenden Zug sitzen bleiben oder sich doch lieber einen Platz in der Nähe vom Ausgang suchen sollte um im Notfall schnell aussteigen zu können. Der Notfall kommt Gott sei Dank nicht, allerdings vermutet man hinter so manchem Tunnel doch noch die ein oder andere schwer einschätzbare Überraschung. Dabei erwarten einen erfreulicherweise auch einige positive. Der zweite Song „Ende vom Tag“ sowie der dritte „Auf der Suche“ gehören dazu, von denen letzterer auf dem ganzen Album wohl das größte Ohrwurmpotenzial mit sich herumträgt. Auch schön: die tiefgreifend melancholische Ballade „Du denkst zu viel“ oder der letzte Song des Albums „Nacht und Nebel“.

Insgesamt präsentiert sich hier eine Band mit viel musikalischem Potenzial, dass auf diesem Album an vielen Stellen jedoch erst beim zweiten und dritten Hören wirklich zu Tage tritt. „Soweit alles gut“ bietet einige wirklich schöne Ideen, Melodien und Arrangements, sowie fast durchweg gute Texte, nur gibt es auf der Platte einfach zu wenig Songs mit „Den muss ich jetzt sofort noch mal hören“-Charakter. Die so oft wiederkehrende Melancholie wiegt dazu zu schwer, sodass man nach der Reise durch „Soweit alles gut“ nicht unbedingt entspannt aussteigt, auch wenn die Aussicht gut war.

Mando Diao: „MTV Unplugged – Above and Beyond“

Nirvana, Pearl Jam, Alanis Morissette, Eric Clapton. Sie alle haben durch ihre teils unvergesslichen Akustik-Auftritte bei „MTV Unplugged“ gezeigt, dass Rock‘n‘Roll auch fast ganz ohne Stecker funktionieren kann. Jetzt dürfen sich auch Mando Diao in die Liste dieser internationalen Superstars einreihen. Anfang September zeichneten die fünf Schweden in den Studios der Union-Film in Berlin-Tempelhof ihr eigenes „MTV Unplugged“ auf, das jetzt auf seine weltweite TV-Premiere am 11. November wartet. Passend dazu steht ab dem 12.11. das Doppelalbum „MTV Unplugged – Above and Beyond“ in den Plattenläden.
„Above and Beyond“ führt musikalisch einmal quer durch beinahe 10 Jahre Mando Diao-Erfolgsstory. Der Silberling überzeugt durch die gute Mischung aus Altbewährtem, raren B-Seiten, bisher unveröffentlichten Songs und gelungenen Cover-Versionen. Dabei dürfen beliebte Live-Kracher wie „Dance with Somebody“, „Down in the Past“ und „Gloria“ zwischen den insgesamt 23 neuinterpretierten Tracks natürlich nicht fehlen.  
Die neuen Arrangements der Songs rücken die sonst gerne so lauten Schweden in ein ganz neues Licht. Mit viel Leidenschaft und voll Energie zeigen Mando Diao bei dieser Gelegenheit, dass sie eben nicht nur eingängig soliden Schwedenrock abliefern können. Was hier geboten wird, ist musikalisch durchaus anspruchsvoll und vielseitig. Besonders die Stimmen der Sänger Gustaf und Björn versprühen plötzlich eine bisher kaum gekannte Wärme mit einer ordentlichen Extraportion Oldschool-Rock‘n‘Roll-Sexappeal, und das nicht nur in den ruhigeren Nummern. Manchmal möchte man fast meinen, sie hätten Nachhilfe bei Elvis Presley oder Bruce Springsteen persönlich genommen. 
In der Tat haben Mando Diao nicht auf hochkarätige Live-Unterstützung verzichtet. Um der Magie früherer MTV Unplugged gerecht zu werden, haben sie kurzerhand die singende Hollywoodikone Juliette Lewis, den legendären The Kinks-Sänger Ray Davies und die amerikanische Newcomerin Lana Del Ray mit ins Boot geholt. Das Resultat ist beachtlich. Die Schwedenrocker liefern so zusammen mit Juliette Lewis mit „High Heels“ ein intensives, rauchig-heißes Duett ab, bei dem man das gespannte Knistern zwischen den Akteuren regelrecht in den Fingerspitzen spüren kann. Bei so viel Funkenflug muss man sich ganz schön unter Kontrolle haben, um sich nach fünf sexy pulsierenden Minuten nicht den Schweiß von der Stirn tupfen zu müssen. 
Insgesamt stehen Mando Diao ihren internationalen Vorreitern bei diesem „MTV Unplugged“ musikalisch in so gut wie nichts nach. Erfreulich abwechslungsreich und überraschend unvorhersehbar ist dieses Live-Album eine schöne Ergänzung der Plattensammlung – nicht nur für eingefleischte Fans. Und für alle, denen das nicht genug ist, steht die DVD mit dem kompletten Auftritt ab dem 3. Dezember in den Regalen. 
4,5/5 Sterne
Elvis-Tribute-Faktor: 5/5
Sex, Drugs, Rock‘n‘Roll: 5/5
Erstes-Date-Tauglichkeit: 3,5/5


Erschienen in: OScommunity.de – Das Magazin, Ausgabe 21 | November 2010

Monday Madness: Achtung, Werbung!

„I don’t like the product, but the music in their TV commercial is effing great!“

So geht es mir gerade mit den Spots für diverse Nikon Coolpix-Kameras. Ich bin überzeugte Canon-Userin, aber trotzdem hat Nikon es mit der aktuellen „I am a Nikon“-Kampagne selbst bei mir geschafft, die „product awareness“ zu „raisen“, wie man im feinsten Marketing-Denglisch so schön sagt. 
Schuld daran sind nicht die „tollen“ Bilder in den Spots. Nette Schnappschüsse und emotionale Ausschnitte eines Robbie Williams Konzerts. Robbie Williams ist mir ehrlich gesagt sogar sehr egal. Trotzdem habe ich bei diesem Spot regelmäßig Gänsehaut. Ehrlich gesagt jedes verflixte Mal. Spätestens bei der Szene des Blitzlichtgewitters – auf dem Robbie Williams Konzert. Eine höchst unfreiwillige Reaktion meinerseits.

Schuld an dieser plötzlich auftretenden und tief gehenden Emotionalität ist einzig und allein der verwendete Song: „Welcome Home“ von Radical Face, dem Soloprojekt von Ben Cooper, der sonst auch bei Electric President mitmischt.

YouTube spuckte mir auf der Suche danach das folgende, wunderschöne Video aus:

Der Künstler Justin Mitchell hat es wahnsinnig berührend geschafft, die Stimmung des Songs umzusetzen – Und das mit Nikon Objektiven, wie er mit einem Zwinkern in der Videobeschreibung anmerkt.

Maiwoche: Jupiter Jones rocken gegen Frostbeulen

Samstag, kurz nach 21 Uhr vor der Rosenhof Bühne am Herrenteichswall. Für einen kurzen Augenblick frage ich mich ernsthaft, ob ich mich nicht verlaufen habe, denn auf dem Platz vor der Bühne herrscht gähnende Leere – zumindest im Vergleich zum Vorabend, als Thomas Godoj hier seine DSDS-erprobte Fangemeinde bespaßt hat. Gerade steht die mir noch vollkommen unbekannte Chemnitzer Kombo Kraftklub auf der Bühne und versucht äußerst energiegeladen über Tatsache hinweg zu spielen, dass der erste Zuschauer direkt vor ihnen dort steht, wo gestern Abend in etwa Reihe 40 begann. Dazwischen gähnendes Nichts. 

Dafür herrscht unter der Handvoll Leute vor, oder besser gesagt in die Nähe der Bühne  trotz Sicherheitsabstands zur Band rege Tanzwut. Und das nicht nur um bei den gefühlten Weihnachtsmarkttemperaturen keine Frostbeulen zu bekommen. Das Spektakel der Jungs mit den schrägen Nerd-Brillen und College-Jacken klingt anders – jung und rotzig dynamisch. Irgendwo zwischen Indie Elektrorock, Fettes Brot und Atzen-Disco Pogo mit einer guten Portion Anabolika. Passend dazu der Titel ihrer ersten CD: Adonis Maximus. „Zugabe oder ich zieh mich aus!“ brüllt jemand dann am Ende des Sets. Mit so einer Drohung kann man eine Band natürlich auch wieder auf die Bühne zurück holen. Mit „Ich will nicht nach Berlin“, angeblich ungeprobt und noch nie live gespielt, verabschieden sich Kraftklub und machen den Weg frei für Jupiter Jones. 

Die brettern nach einer halben Stunde Umbaupause kompromisslos los. Inzwischen ist der Platz vor der Bühne auch nicht mehr wieder zu erkennen. Wo man vorhin noch die einzelnen Steinchen im Asphalt zählen konnte, stehen jetzt feierwütige junge Menschen so weit das Auge reicht. Von pogenden Punks bis zu knutschenden Pärchen sind alle ab dem ersten Ton dabei und feiern gemeinsam ausgelassen und recht feuchtfröhlich zusammen eine Riesenparty. Auch die Stagediver lassen nicht lange auf sich warten, so dass die Securities vorne im Graben alle Hände voll zu tun haben. 

Die Jungs von Jupiter Jones sind davon selber sichtlich begeistert und liefern mit Songs aus ihrem aktuellen Album „Holiday in Catatonia“ sowie den drei Vorgängern der Menge eine Rockshow, die sich gewaschen hat. Die Band aus Hamburg, Koblenz und der Eifel überzeugt neben eingängigen und mitreißenden Melodien ganz besonders mit ihren vollkommen ehrlichen, direkten deutschen Texten, die gespickt sind mit einer Menge bissig satirisch verpackter Gesellschaftskritik, aber gleichzeitig auch mit viel Humor und Gefühl. Gepaart mit ihrer absoluten Natürlichkeit ziehen die vier „Jungs vom Land“ so an diesem Abend fast jeden Besucher auf ihre Seite. 

Die Osnabrücker sind erstaunlich textsicher, gröhlen mit was das Zeug hält und verwandeln den Bereich direkt vor der Bühne zu einem wilden Hexenkessel, der sich auch vor größeren einschlägigen Festivals nicht verstecken brauch. Mit aller Macht gegen die Wintertemperaturen und vollem Körpereinsatz für die Musik. Als sich die Jungs nach knapp 80 Minuten verabschieden, werden sie von der Meute mit lautstarken Zugabe-Rufen auf die Bühne zurück zitiert. Dem Wunsch kommen die Herren gerne nach. Mit „Hallo Angst, du Arschloch!“ geht es noch mal richtig nach vorne. Bei „Jupp“ hingegen zeigen die (Wahl-)Hamburger, dass sie auch durchaus ruhige Töne anschlagen können – ganz ohne dabei ihren gesellschaftskritischen Biss zu verlieren. 
Die Masse hat sich bis zum Ende mehr als heißgetanzt – Frostbeulen muss heute Abend wohl keiner mehr befürchten.