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Album Review: Milliarden – „Betrüger“

Es scheint ganz so, als könnte ich meine Review-Reihe „Bands, die keinen Weichspüler trinken“ diesen Sommer einfach nahtlos fortsetzen. Seit Freitag ist Betrüger, das Debütalbum von Milliarden, in den Läden. Hierauf zeigt sich die Berliner Band genauso, wie ich sie im Frühjahr kennengelernt habe. Mit jeder Menge Energie, Leidenschaft und vielen großartigen Geschichten, verpackt in hartnäckigen Ohrwürmern.

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Vorgehört: „Tigeryouth“ von Tigeryouth

Weiter geht’s in meiner Runde „Ich schreibe über Singer/Songwriter, die keinen Weichspüler getrunken haben“. Dazu gehört auf jeden Fall auch Tigeryouth mit seinem neuen Album Tigeryouth, das am 12. August erscheint. Ich habe mir die Platte einen Nachmittag lang auf Dauerschleife reingezogen und meine Gedanken dazu fliegen lassen. Hier das Ergebnis. Vorgehört: „Tigeryouth“ von Tigeryouth weiterlesen

Bosse mit „Kraniche“ – CD Review

Vor zwei Jahren saß Bosse noch im Wartesaal zum Glücklichsein. Jetzt hebt er wieder ab, ist unter die Zugvögel gegangen: Am Freitag, 8. März, erscheint sein neues Album Kraniche. Frau LEISE/laut hatte Gelegenheit, schon vorab in das neue Werk reinzuhören.

Gleich vorweg: Es klingt ganz so, als ob Aki Bosse mit Kraniche endlich die Momente, ja die Geschichten (wieder)gefunden hat, auf die er vor zwei Jahren voller Sehnsucht und Melancholie auf Wartesaal wartete. Die immer währende unterschwellige Suche nach dem Glück, der Herzschmerz und die düstere Melancholie sind in den zwölf neuen Stücken deutlich leiser geworden. Ganz verstummt sind sie zwar nicht — Ein Bosse-Album ohne jegliche Melancholie und Sehnsucht wäre wahrscheinlich auch einfach kein echtes Bosse-Werk — Allerdings kommt die ganze neue Platte mit einer positiveren, im Vergleich zum vorigen Album, regelrecht zufriedenen Grundstimmung daher. Man verliert sich in der Vergangenheit („Schönste Zeit“), blickt aber auch hoffnungsvoll auf die schönen Momente der Gegenwart und freut sich auf das was da wohl noch kommen mag.

Inhaltlich und musikalisch versprüht Kraniche eine hoffnungsvolle Weltoffenheit, die es auf Taxi und Wartesaal so noch nicht zu hören gab. Während die Geschichten der letzten Alben irgendwo in einem Mikrokosmos zwischen Braunschweig, Nordseeinseln, Hamburg und Frankfurt/Oder bewegten, zieht es die Geschichten nun auch die europäischen Metropolen. Der Blick über den Tellerrand und die Erweiterung des Handlungshorizonts tut dem Sound Platte unglaublich gut. Statt schwermütiger Balladen überwiegen teilweise durchaus tanzbare Nummern mit internationalem Flair. Die leichten elektronischen Einflüsse („Vive la Danse“) und leicht orientalischen Elemente („Istanbul“) sorgen für frischen Wind in den klassischen Bosse-Klangmustern. Gleichzeitig finden sich auch auf dieser Platte wieder einfach tolle Melodien und schöne musikalische Spielereien, die die Texte sehr gut unterstützen und den einzelnen Stücken zu einer angenehmen Fallhöhe verhelfen.

Besonders textlich hat Bosse sich deutlich weiterentwickelt. Fast jeder Song erzählt eine abgeschlossene Geschichte („Familienfest“), malt ohne verkopftes Getue eindrucksvolle Bilder („Alter Affe Angst“, „Kraniche“) und zieht einen direkt in die Szenen hinein. Zwar gibt es immer mal wieder Stellen, die für einen Lyriker sicherlich eher holperig daher kommen, jedoch machen gerade diese Ecken und Kanten den besonderen Charme der Stücke aus. Insgesamt ist Kraniche ein schönes Album, das aus dem Trott der Gewohnheit ausbricht, neue Wege ausprobiert und dabei doch im Grunde genau eines ist: unverkennbar Bosse.


Bosse – Kraniche

1. Kraniche
2. Schönste Zeit
3. Vier Leben
4. So oder so
5. Istanbul
6. Alter Affe Angst
7. Vive La Danse
8. Familienfest
9. Brilliant
10. Müßiggang
11. Sophie
12. Konfetti

Foto: Universal Music

CD Review: The Soundtrack Of Our Lives – Throw it to the Universe

The Soundtrack Of Our Lives (TSOOL) trennen sich zum Ende des Jahres. Eine furchtbare Nachricht. Gott sei Dank gehen sie nicht ganz leise, sondern mit einem lauten Knall. Zum Abschied veröffentlicht die Band rund um Ebbot Lundberg nach 17 Jahren Bandgeschichte noch ein letztes Meisterwerk: Throw it to the Universe.

Dreizehn Tracks ohne Schnickschnack, keine Allüren sondern purer, reiner Rock’n’Roll, so wie ihn wohl unsere Eltern einst gehört haben. Zumindest fühlt es sich ab dem ersten Ton von Throw it to the Universe so an, als ob man sich auf eine Zeitreise durch eine Plattensammlung der ganz Großen begibt. TSOOL machen auch auf ihrer letzten Scheibe das, was sie am besten können: 1960s-Rock mit wunderschönen Melodien und psychodelischen Passagen.

Auch auf diesem Abschiedsgeschenk gelingt es den Schweden wieder, große Klangwände zu bauen, ohne dabei überheblich oder gar größenwahnsinnig zu klingen. Die Töne verzaubern, ziehen einen mit viel Feenstaub direkt in den Song hinein und lassen einen erst wieder los, wenn der letzte Beat aus den Boxen verhallt ist.

Noel Gallagher sagte angeblich vor kurzer Zeit in einem Interview: „Die Auflösung von The Soundtrack of Our Lives wäre für mich musikalisch so ziemlich das Schlimmste, was 2012 passieren könnte.“ Track Nummer 10 scheint ihm da traurig ins Gesicht zu rufen „Nothing lasts forever“. Ein bittersüßer Song, der durch seine Melodie und Energie einen sofort trifft und berührt. Tief drinnen in der Seele, ohne dass man sich dagegen wehren könnte.

Und so geht es einem auch mit den restlichen Songs des Albums. Großartige Melodien paaren sich mit Textzeilen, die den Nagel auf den Kopf treffen. Textzeilen, die motivieren und trotz Melancholie auch immer wieder vorsichtig optimistisch in die Sonne blinzeln, wenn sie sich denn dann mal zwischen all den grauen Wolken blicken lässt. Alles wird gut, mach dir keine Sorgen, das Leben geht weiter.

Es gibt Alben, bei denen man sich nach den ersten drei Tracks wundert, wann denn das Album wohl endlich zu Ende sein mag. Bei Throw it to the Universe ist das nicht der Fall. Man wundert sich eher, dass man schon am Ende angekommen ist. Hat man die CD nicht gerade erst in den Player geschoben? Die Nadel bei der LP auf Anfang gesetzt? Beim mp3-Player auf Start gedrückt? Laut Display sind seitdem wirklich schon 46 Minuten und 28 Sekunden vergangen. Wie im Flug, mit einem einzigen Flügelschlag.

Kann man sich in ein Album verlieben? Oh ja, man kann. Mit Throw it to the Universe möchte man sich an schlechten Tagen zudecken und einfach nur jede Textzeile glauben, die da voller Wärme aus den Lautsprechern schallt. „Shine on, there’s another day after tomorrow“ Schade, dass der Schlussakkord dieses Songs auch leider der letzte auf Throw it to the Universe ist.
 
Fazit:
The world would be a better place if there were more records like Throw it to the Universe

Reinhören kann man übrigens schon auf Spotify 😉

The Soundtrack Of Our Lives – ab 22.06.2012
Throw it to the Universe

Trackliste:
01. Throw It To The Universe
02. You Are the Beginning
03. When We Fall
04. Where’s the Rock?
05. Freeride
06. Waiting For the Lawnmowers
07. Faster Than the Speed of Light
08. Reality Show
09. Busy Land
10. If Nothing Lasts Forever
11. Solar Circus
12. What’s Your Story?
13. Shine On (There’s Another Day After Tomorrow)

Lauscher auf! – P:lot – Zuhören

P:lot sind wahrlich nicht erst seit gestern im Musikgeschäft. Am 24.02.2012 erscheint bereits ihr drittes Album „Zuhören“. Grund genug, mal die Lauscher zu spitzen und richtig hinzuhören.



Wer oder was ist P:lot?

Die Kölner Band P:lot spielt sich bereits seit 10 Jahren mit eingängiger, deutscher Indiepopmusik durch die Republik. Ihr erstes, selbstproduziertes Album mit dem Titel „Debüt“ veröffentlichte die Band 2004, trennte sich dann trotz Erfolg von ihrer Plattenfirma und schickte 2008 das zweite Album „Mein Name ist“ ins Rennen. Vier Jahre Später steht jetzt das dritte Album „Zuhören“ in den Startlöchern. Mit „Zuhören“ will P:lot weg von der traurig pessimistischen Melancholie, die man ihrer Meinung nach viel zu oft im deutschen Pop wieder findet, und die auch P:lot lange genug bedient hat.

Friede, Freude, Eierkuchen?

Weg von der Melancholie, hin zum Optimismus – So könnte man den Plan der Band zusammenfassen. Wenn man auch noch dem Albummotto „Zuhören“ folgt und besonders den Texten „einfach mal zuhört“, merkt man auch, dass P:lot diesen Plan relativ erfolgreich verwirklichen. Während einige Melodien zwar immer noch melancholisch getragen daher kommen, haben doch die meisten Stücke trotz allem einen positiven Grundtenor. Statt überwiegend herzverschmerzter Balladen reiht sich hier eine Midtempo-Popnummer mit leichtem 60er und 70er-Jahre-Rock-Einschlag an die andere. Die ruhigen Momente der Platte erinnern streckenweise an alte Ohrwürmer von Oasis, nur mit etwas weniger Schwere im Unterton. Dabei wirken die Nummern nie wie krampfhaft auf gute Laune oder Friede, Freude, Eierkuchen gebürstet.

Butter bei die Fische…

P:lot erfinden mit „Zuhören“ die deutschsprachige Popmusik nicht neu, verlieren sich aber auch nicht im gerade so präsenten Singer/Songwriter-Einheitsbreigedudel. Die Stücke sind mit viel Liebe fürs Detail arrangiert. Wer die Ohren spitzt, entdeckt immer wieder kleine instrumentale Spielereien, die sich im Radioalltag sonst kaum finden lassen. P:lot gelingt es, ihren ganz eigenen Sound zu basteln und weiter zu entwickeln. Statt auf künstliche Gefühlsduselei in den Texten zu setzen, sagt die Band ohne großen Kitsch wie es ist. Nur manchmal klingt die Stimme von Sänger Alexander Freund dabei fast schon etwas zu emotional, sodass man die positive Message der Songtexte erst richtig wahrnimmt, wenn man konzentriert zuhört. Aber das passt ja zu der Platte.

Bewertung:

Positive Energie: 4/5
Vielseitigkeit: 3,5/5
Klang-Kreativität: 4/5

CD Review: Johannes Strate – Die Zeichen stehen auf Sturm

Johannes Strate ist eigentlich die Stimme von Revolverheld. Mit seiner Band tourt er seit Jahren durch die Lande und macht erfolgreich „recht laute Musik“. Aber schon fast genauso lange schreibt Johannes kleine musikalische Geschichten und akustische Songs, die nicht so recht in den gewohnten Band-Kontext passen wollen, ja, die seiner Meinung nach einfach zu intim sind, als dass man sie zusammen mit vier anderen Jungs und verzerrten Gitarren in großen Hallen spielen könnte.

Entsprechend lässt sich bereits erahnen, dass die zwölf Songs auf Johannes‘ Soloalbum Die Zeichen stehen auf Sturm im Großen und Ganzen nicht mehr viel mit der „recht lauten Musik“ zu tun haben. Und richtig, verzerrte Gitarren und lautes Schlagzeug wird man auf diesem Album nicht finden. Es regiert die Akustikgitarre zusammen mit Piano, Posaune, Streichern, Banjo und Glockenspiel. Dabei immer im Vordergrund: Johannes unverkennbar markante Stimme, voller Gefühl und offener Emotion. Johannes Strate erzählt mit seinen Songs kleine gefühlsschwangere Geschichten über das Leben und die Liebe, die mal fröhlich optimistisch, aber noch öfter traurig melancholisch, kurze, sensible Einblicke in das Wesen des Sängers erlauben.

Teilweise erinnern die Stücke an Philipp Poisel, wie das zarte und leise „Wenn es um uns brennt“, „Ich mach meinen Frieden mit mir“ erinnert in seiner Gesamtwirkung an „This is the New Year“ vom New Yorker Singer/Songwriter Ian Axel. Leise, minimalistische Stücke a la „Gespenster“ koexistieren friedlich neben, dagegen fast schon pompös wirkenden, Nummern wie „Die Tür ist immer offen“. Wer genau hinhört, entdeckt stellenweise die Handschrift des isländischen Produzenten Helgi Jonsson, der unter anderem auch für den Sound von Tina Dico, Sigur Rós oder Damien Rice verantwortlich ist.

Strate überrascht auf seinem Solo-Werk mit aufwändigen Arrangements, filigranen Instrumentierungen und teilweise unerwartet ehrlichen und tiefgründigen Textpassagen, die einige Revolverheldfans vielleicht erst einmal überfordern, Neuentdecker aber umso mehr erfreuen dürften. Liest man zwischen den Zeilen, den einzelnen Tönen und Akkorden, serviert einem dieses Album gefühlt das gesamte Herzblut des 31-Jährigen auf dem Silbertablett – einfach, ehrlich, authentisch und ohne große Maskerade.

So überraschend wie das Album begonnen hat, endet es auch. Die 47-minütige Reise durch fast sieben Jahre Songwriting auf Die Zeichen stehen auf Sturm schließt mit „An Rosalinde“, einem kindlich verspielten Lied eines Worpsweder Liedermachers. „Das singe ich mit meinem Papa“, verrät Johannes im Interview mit unserem Magazin.

Mit Die Zeichen stehen auf Sturm präsentiert sich Johannes Strate von einer ganz anderen, unerwarteten Seite. Der Solo-Ausflug zeigt, dass er viel mehr kann, als nur einfach fröhlich-energetische, massenkompatible Poprocknummern zu singen und schnulzige Balladen zu trällern. Die Zeichen stehen auf Sturm – auch für einen Johannes Strate.

Johannes Strate
Die Zeichen stehen auf Sturm
VÖ: 30.09.2011
Columbia Four Music

Maxim – Asphalt

Der Kölner Songschreiber Maxim veröffentlicht am 23. September sein drittes Album Asphalt. Wir haben ein paar Wochen vorher schon mal reingehört.

Maxim – War das nicht mal ein Männermagazin?
Es gab zwar mal ein gleichnamiges Magazin, jedoch handelt es sich hier um den äußerst talentierten, 29-jährigen Songschreiber Maxim Richarz aus Köln, der mit Asphalt bereits sein drittes Album präsentiert.

Was macht Maxim für Mucke?
Maxim hat früher mal Reggae gemacht, damit hat das Album Asphalt aber nicht mehr viel zu tun. Manchmal schimmert seine ursprüngliche Verbundenheit zu Beats und Soul noch durch. Hier liefert der junge Mann aber eine solide Platte aus einfach instrumentierten Singer/Songwriter-Nummern mit deutschen Texten, die Dank guten Beats und effizienten Arrangements aber nie langweilig werden. Dazu wirken die Texte gerade durch Maxims etwas kratzige Stimme mit dem gewissen Etwas besonders authentisch.

Wo höre ich Maxims Asphalt am besten?
Da Maxims Musik von einer gehörigen Portion Melancholie und Zukunftsangst leben, sollte man die Songs lieber nicht in die nächste Party-Playliste packen. Wenn man beim Joggen aber mal richtig über das Leben nachdenken will, eignet sich Asphalt dagegen perfekt. Genug Beat, um sein Tempo zu halten, genug Tiefgang um neue Inspiration zu tanken.

Tiefgang: 4,5/5
Vielseitigkeit: 3,5/5
Melancholie: 4/5

Maxim – Asphalt (LP), VÖ: 23.09.2011, Label: Rootdown Records, 12 Tracks, ca. 16 Euro

Foto: Thomas Schermer

Wir haben auch noch ein kleines Interview mit dem sympathischen Musiker in der Röhre. Das lest Ihr hier in den nächsten Tagen.

MAXIM LIVE
20.10.2011 Kiel, Räucherei
21.10.2011 Münster, Skaters Palace Café
22.10.2011 Köln, Stereo Wonderland
24.10.2011 Berlin, Privatclub
25.10.2011 Potsdam, Waschhaus (Ruby’s Tuesday)
26.10.2011 Dresden, Scheune
15.12.2011 Hamburg, Haus III&70 (Solo Accoustic)
16.12.2011 Lüneburg, Salon Hansen (Solo Accoustic)

Ich schiebe keine Wolken weiter – Ein Manifest gegen die Dorfzensur

Wir sind in Deutschland. Theoretisch herrscht hier ja eigentlich Meinungs- und Pressefreiheit. Leider muss man als angehender Journalist immer häufiger einen Spagat zwischen journalistischen Berichten und reinen PR-Beiträgen machen. Im besten Fall findet man dabei ein gesundes Mittel, das man mit seinem journalistischen Gewissen vereinbaren kann. Manchmal tut so ein Spagat weh, und manchmal ist er eigentlich unmöglich. Trotzdem wird man aus verschiedenen Gründen dazu gezwungen. Man könnte einfach den Mund halten, aber dieses sich immer weiter verbreitende Phänomen der Dorfzensur kann so nicht weiter gehen. Es kann nicht sein, dass irgendwelche Dorfzensoren durch die Gegend laufen und teilweise sogar erfolgreich dafür sorgen, dass letztendlich die Pressefreiheit in ihrem Minimalkosmos eingeschränkt wird. Wo so etwas global hinführen kann, zeigen zahlreiche bekannte Beispiele in diversen Ländern dieser Erde. Mein wahrheitsliebendes Bloggerherz rebelliert bei diesem Gedanken so sehr, dass mir der Atem stockt.

Von guten Journalisten erwartet man eine unabhängige Berichterstattung. Diese beinhaltet naturgemäß nicht nur die glänzenden Sonnenstrahlen, sondern auch mal die grauen Regenwolken. „Für dich schiebe ich die Wolken weiter“ funktioniert eben nur symbolisch bei Yvonne Catterfeld, bei gewieften PR-Textern und PR-Beratern oder in gephotoshopten Urlaubskatalogen. Ich bin weder die Catterfeld, noch gehöre ich aktuell zu einer der beiden zuletzt genannten Zünfte. Deshalb regnet, stürmt und schneit es Gott sei Dank hin und wieder auch mal bei mir und in meinen Texten. Praktikern der Dorfzensur schmeckt das nicht – man betrachtet lieber die bearbeiteten Bildchen und den herrlichen Sonnenschein, auch wenn dieser, prozentual gesehen, eigentlich nur von kurzer Dauer war. Die Regenzeit wird kategorisch ignoriert. Wenn es nach ihnen ginge, dürften die Regentropfen auch niemals erwähnt werden. Wenn sie doch erwähnt werden, rückt lieber gleich der Dorfkatastrophenschutz aus. Schade, denn selbst die schönsten Blumen können nur mit Regen wachsen, auch in Dörfern.

Entsprechend möchte ich an dieser Stelle einmal die unzensierte, leicht tröpfelnde Version eines Absatzes, aus einem, wie ich finde, recht banalen Event-Bericht veröffentlichen, in dem wahrheitsbedingt eben auch eine kleine Regenwolke durch das sonst so sonnige Urlaubskatalogbild zog. Das Wölkchen war kein unbedachter Ausrutscher, sondern eine bewusst gewählte Zusammenfassung des allgemeinen Publikumverhaltens und der Reaktionen der betroffenen Personen. Eben die reine, nicht ganz so sonnige Wahrheit. Der Dorfzensur passte dieses Wölkchen nicht, und so wurde der Absatz mit viel Catterfeld-Einsatz und Lärm um nichts letztendlich aus der offiziellen Version eines Berichts entfernt.

„Frei nach dem Motto „Was der B..eler nicht kennt, das wählt er nicht,“ entscheidet sich das Publikum in der Vorrunde für lokale Popularität und nicht unbedingt immer für Qualität. Kandidaten mit zu kleinem Fanclub oder auch von weit her angereiste Teilnehmer wie Sandra aus Thüringen und Patrick aus Osnabrück sind im Grunde genommen von Anfang an chancenlos. Entsprechend gedrückte Stimmung herrscht bei diesen Kandidaten unmittelbar nach dem Vorrundenentscheid. Man hatte sich das Ganze doch wohl etwas anders vorgestellt. “ 


Nach diesem Fall der Dorfzensur bleiben mir eigentlich nur noch folgende Worte:

Liebe Dorfzensur,

der dieser Absatz nicht passt. Ich möchte Sie bitten, an Ihrer Kritikfähigkeit zu arbeiten und für zukünftige Dorfangelegenheiten, bei denen ein Hinweis auf Regen und Schlechtwetterfronten unerwünscht ist, Pressevertreter doch bitte wieder auszuladen und stattdessen eine PR-Agentur zu engagieren, die entsprechend langweilig sonnige Zuckerwattetexte rechtmäßig verfasst. Diese Schreiber können dann auch gerne Yvonne Catterfeld mimen, die Wolken weiter schieben, alles über den grünen Klee hinaus loben und guten Gewissens, ganz so wie im Reisekatalog, auch noch die angenehme, wohlklimatisierte Atmosphäre in der Lokalitäten vor Ort preisen, in denen in Wirklichkeit bei tropischer Hitze das Kondenswasser fast schon von der Decke tropft. Ich hingegen kann das nicht.
Ich bin leidenschaftliche Musikliebhaberin, Volontärin und angehende Journalistin und fühle mich daher nicht nur beruflich, sondern auch durch mein Gewissen, zu Objektivität und Wahrheit verpflichtet. Ich stehe zu meinen Regenwolken und werde es auch weiter regnen lassen, sollten sich wahrheitsgemäß und realitätsbedingt Gewitterwolken auftun.

Hochachtungsvoll,
KDL

Arctic Monkeys – Suck it and See

Viel Zeit ist vergangen, seit die Arctic Monkeys die erste Band waren, die durch das Internet berühmt wurde. Inzwischen ist die Kapelle aus England ein felsenfester Bestandteil der britischen Musiklandschaft und wird international gefeiert. Seit dem 3. Juni steht das nunmehr vierte Arctic Monkeys-Album „Suck It and See“ in den Startlöchern und wartet mit seinen zwölf brandneuen Stücken darauf, von Fans in aller Welt gehört zu werden.

Aufgenommen wurde das gute Stück im Winter in Kalifornien. Scheinbar beeinflusst der Aufnahmeort auch den Sound, zumindest fühlt man sich stellenweise in die Zeit der alten VW Bullis zurückversetzt, in denen die Insassen lebenslustig, frei und ohne große Sorgen den Highway No. 1 an der Küste entlang hoch- und runtergefahren sind. Sehr poppig, aber trotzdem frisch klingt das Ganze. Man spürt immer noch den Fahrtwind und die Seeluft im Gesicht, kann tief durchatmen und hat nicht das Gefühl, vor lauter Hitze und zu viel Sonnencreme gleich auf den alten Kunstledersitzen kleben zu bleiben, wie das bei so manch anderem Sommeralbum gerne der Fall ist.

„Suck It and See“ bildet in seiner Ganzheit eine Symbiose aus Old-School Rock`n`Roll mit Elvis-Feeling, Beatles-Beat, gestandenem Brit-Pop und eingängigem Indie-Rock. Aufwendige Arrangements und eine ordentliche Portion Retro sorgen für das beschriebene California-Cruising- Feeling, die Texte tun ihr Übriges.

„I poured my heart into a pop song / I couldn`t get the hang of poetry“ trifft den Nerv des Albums auf den Kopf. Zu wahrer Poesie reicht es auf „Suck It and See“ noch nicht, dafür aber für eine Menge ordentlicher, luftig-leichter Indie-Popsongs, die ihren reinen Unterhaltungszweck bestens erfüllen. Etwas düsterer, fast schon verruchter anmutende Stücke wie „Library Pictures“ und „All My Own Stunts“ bringen dazu etwas Abwechslung in die sonst schon beinahe etwas belanglos wirkende Pop-Atmosphäre und verhindern so gerade, dass das Album in einem schönen, eingängig melodiösen Friede-Freude-Indie-Einheitsbrei versinkt.

Die Arctic Monkeys haben mit ihrem neuen Album kein revolutionäres, wahnsinnig innovatives Album auf den Markt gebracht. Trotz ausgefeilter Arrangements beruft man sich musikalisch auf Altbewährtes: schöne Melodien in Kombination mit der beruhigenden Stimme von Alex Turner, die sich wie ein Bettlaken im sanften Sommerwind in den Songs bewegt. Streckenweise entdeckt man Elemente, die man sonst auch gerne bei Oasis oder The Gaslight Anthem wiederfindet. Nichtsdestotrotz ist „Suck It and See“ ein ordentliches, solides Album, das man am besten mit Sonnenbrille auf der Nase während der Fahrt mit einem alten VW Bulli hört. Und wenn man nicht gerade an einer Bucht am Highway No. 1 in Kalifornien anhält, tut es auch der Parkplatz am Deich an der Nordsee.

CD Review: Zuckerschock in Katy Perry’s TEENAGE DREAM

Zuckersüß. Wie Erdbeersahnebonbons. Das ist der erste Eindruck, den Katy Perrys zweites Album Teenage Dream macht. Schuld daran ist nicht unbedingt das Cover, auf dem sich Katy wie gewohnt nur leicht bekleidet und verführerisch räkelt. Vielmehr „duftet“ die CD selber subtil nach dieser süßen Versuchung.
Mit Erdbeerduft in der Nase geht es also ab dem ersten Ton auf die 12 Tracks andauernde turbulente Reise durch Miss Perrys Candy Store des „Teenage Dream“. Katy besingt darin Altbewehrtes. Party, Liebe, Freundschaft, Herzschmerz. Eben das, was kleine „California Gurls“ in den Irrungen und Wirrungen der (Post)Pubertät so beschäftigt. Da wundert es auch nicht, dass hier freche, elektronische Tanzbeats auf süßsaure, gefühlsduselige Mädchen-Poprock-Nummern treffen. Die Kombination liefert klebrigen, nett kunterbunten Plastikpop, der sein Ziel erreicht: Eingängigkeit.
Wie schon im Vorgänger One of the Boys erzählt jeder Song eine von Katy selbstgeschriebene Geschichte, in denen sie mal überspitzt scharf und dann wieder bittersüß wie Herrenschokolade die Typen auf‘s Korn nimmt. Das meiste davon schön schillernd verpackt, in mit künstlichen und natürlichen Aromastoffen gespickten Hooklines, die sich schneller als Karies ins Gehirn fressen und dort zum ausgewachsenen Ohrwurm mutieren. Ganz vorne mit dabei der Sommerhit „California Gurls“, „Last Friday Night (T.G.I.F.)“, „Firework“ und „Peacock“. 
Wie praktisch, dass all diese Tracks wie eine bunte Gummibärchenparade direkt aufeinander folgen. Das macht den einsetzenden Zuckerschock perfekt und betäubt so mit geballtem Ohrwurmpotential den Eindruck, manchen Song irgendwo schon mal gehört zu haben. „Last Friday Night“ scheint da nämlich der inhaltliche Aufguss von Katys „Waking Up in Vegas“ zu sein. Alkohol, vergessene Küsse und überstrapazierte Kreditkarten inklusive. 
Das freche „Peacock“ erinnert musikalisch dagegen stark an Gwen Stefani‘s „Hollaback Girl“. Man kann gar nicht anders, als sich plötzlich gedanklich inmitten lauter knallbunter Pom-Poms und aufreizend tanzender Cheerleader wieder zu finden. 
Wirkliche Zahnschmerzen bereitet in dieser Sirup getränkten Pop-Parade aber nur der Titel „E.T.“, der inklusive Außerirdischem irgendwo zwischen Tokio Hotel und „All the things she said“ vom russischen Kommerzlesbenduo t.A.T.u. ins Schokoladenfondue gefallen zu sein scheint. 
Das ist eben der Nachteil am Traum vom Candy Store. Am Ende wacht man auf, und die Süßigkeiten schmecken trotz bunter Farben, fantastischer Formen und schöner Spielereien doch fast alle gleich. Aber trotz drohender Bauchschmerzen kann man einfach nicht die Finger davon lassen – Ebenso wenig von Teenage Dream. 
Zuckerschock: 5/5
Originalität: 2,5/5
Ohrwurmattacke: 4/5

Foto: EMI Music