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Popsalon 6 – Der Donnerstag mit Beats und Schabernack

Endlich wieder Popsalon! Nach einem Jahr Pause ist gestern die Ausgabe Popsalon 6 des Osnabrücker Clubfestivals gestartet. The Lytics, OK KID und Schnipo Schranke haben mir gestern einen super Abend und einen tollen Start in die Festivalsaison beschert. Popsalon 6 – Der Donnerstag mit Beats und Schabernack weiterlesen

Interview mit Nneka – Es weht ein Wind der Veränderung

Die nigerianische Sängerin Nneka veröffentlicht am 7. Oktober ihr neues Album „Soul is Heavy“. Mit ihrer außergewöhnlichen Stimme und ihren tiefgründigen Texten bewegt die Musikerin Menschen weltweit. Selbst die amerikanische TV-Koryphäe David Letterman hat Nneka schon in seine Sendung eingeladen. Mit uns hat Nneka über ihre neue Platte, ihre Ängste und ihr Heimatland Nigeria gesprochen.





Du bist weltweit erfolgreich, trotzdem kennen viele unserer Leser deine Musik noch nicht. Wie würdest du unseren Lesern deine Musik beschreiben?

Ich finde sie sehr vielseitig, authentisch und eklektisch. Ich mische viele verschiedene Sounds. Afrobeats, Soul, R&B und auch Reggae.

Welche Themen behandelst du in deinen Texten?

Ich singe über viele verschiedene Themen. Das Leben, die Liebe, Korruption, Ungerechtigkeit, politische Themen, Rassismus. Im Prinzip geht es um mein alltägliches Leben, um Dinge die ich erlebe oder irgendwann einmal erlebt habe.

Woher nimmst du die Inspiration für deine Musik?

Vom Leben. Ich lasse mich von meinen Erfahrungen und den Erfahrungen anderer inspirieren. Gleichzeitig inspirieren mich auch einfach Menschen, die ich auf meinem Weg treffe.

Was ist dir persönlich am wichtigsten, wenn du einen Song schreibst?

Am wichtigsten ist, dass ich immer eine emotionale Bindung zu dem Song behalte und niemals mein Gefühl für den Song verliere. Es ist mir wichtig, meinen Kopf einzuschalten, aber gleichzeitig nicht zu rational mit meiner Musik umzugehen. Ich möchte ein Verbindung zu den Leuten da draußen herstellen, und ich glaube, dass wir alle gemeinsame Emotionen haben, die uns miteinander verbinden. Wenn man keine emotionale Bindung zu dem aufbaut, was man macht, dann kann man auch keine richtige Verbindung zu seinen Zuhörern schaffen.

Dein neues Album „Soul is Heavy“ erscheint am 7. Oktober. Was ist die Hauptessenz der Platte?

Naja, es ist ein drittes Album. Ich musste ein neues Album veröffentlichen. Das ist eine Sache. Aber ich mache natürlich immer Musik, egal ob ich ein neues Album herausbringen muss oder nicht. Die Musik, die man auf dem neuen Album hören wird, dreht sich um Erfahrungen, Gedanken und Emotionen, die ich in den letzten drei Jahren gesammelt habe. Einige Songs sind schon vor zwei Jahren entstanden, einige erst vor ein paar Monaten. Einige sind neu, einige sind alt. Es ist also eine Mischung aus all meinen Gefühlen und Emotionen der letzten drei Jahre. Ich habe versucht, zwischen allen Songs auf dem Album eine Verbindung zu schaffen. Jeder Song muss zu dem darauf folgenden passen, damit sie alle unter einem Hut Platz finden. So kann man die Platte als solche besser begreifen.

Meine persönliche Motivation für dieses Album ist mein ganzes mentales Durcheinander, das Chaos in meinem Kopf und all meine persönlichen Konflikte, die mich immer wieder einholen; der Gott in mir, der mir immer wieder ins Gewissen redet, der ganze Wahnsinn um mich herum und gleichzeitig diese Leere, die ich in mir spüre. Aber um all das wirklich zu verstehen, müsste man wohl in meinen Kopf hinein kriechen.

Welcher Song deines Albums bedeutet dir besonders viel?

Ich mag „Soul is Heavy“ wegen der Message und der Intensität des Songs. Ich beschwöre viele Geister großer, bereits verstorbener Menschen der Vergangenheit wieder hinauf, die alle für die Freiheit Afrikas gekämpft haben. Das ist einer meiner Hauptpunkte. Mit diesem Song will ich die Leute wachrütteln und zum einen zeigen, was in meiner Heimat passiert, zum anderen aber daran erinnern, wie die Welt miteinander verknüpft ist. Wie zum Beispiel die USA und Europa mit Afrika verbunden sind, die ganze Globalisierung und die dahinterstehende Korruption, aber auch der Zusammenhalt, den wir in Afrika für uns selbst erreichen müssen, damit sich die Lebensbedingungen verbessern.

Ein anderer Song, den ich sehr mag, ist „Do you love me now“. Man glaubt erst, dass es ein Liebeslied ist, aber in Wirklichkeit geht es um die Beziehung zwischen mir und dem System. Es geht darum, wie das System es geschafft hat, dass ich mich selbst aufgegeben habe um in diesem System zu funktionieren, allein für die Anerkennung und das Wohl dieser Gesellschaft. Also geht es darum, wie die Welt es geschafft hat, uns an eine unechte Realität glauben zu lassen. Wir benutzen unsere Sinne nicht mehr, jedenfalls nicht alle unserer Sinne. Wir wissen nicht mehr, wer wir wirklich sind. Jeder nimmt sich selbst viel zu ernst. Keiner weiß mehr, wofür er eigentlich steht. Es geht in dem Lied darum, dass man sich selbst verliert, nur um es einer anderen Person recht zu machen.

Du hast „Soul is Heavy“ erwähnt. Ist deine Seele auch schwer?

Ja, deshalb habe ich den Titel gewählt.

Du singst in deinen Songs über sehr wichtige Themen wie Rassismus, Unterdrückung, Politik, Religion, Armut und so weiter. Siehst du dich selbst eher als Künstlerin und Musikerin, oder vielleicht doch eher als eine politische Aktivistin, die ihre Musik dazu benutzt, ihre Nachricht in die Welt hinaus zu tragen?

Ich würde mich nicht unbedingt als Aktivistin bezeichnen. Ich bin einfach nur eine Person, die ihre Musik dazu benutzt um auf diese Themen aufmerksam zu machen. Diese Themen sind mir persönlich einfach sehr wichtig. Ich habe sie selbst erlebt und äußere daher nur meine Meinung, für mich selbst und für viele andere, die vielleicht nicht den Mut oder die Möglichkeit dazu haben, diese Dinge offen zu thematisieren. Es geht hier also keinesfalls um mich allein. Ich benutze nur meine Gabe, um diese Punkte direkt anzusprechen. Wenn   ich es nicht machen würde, würde jemand anderes aufstehen und sprechen.

Deine erste Single heißt „My Home“. Was bedeutet „zu Hause“ für dich?

Ganz ehrlich, zu Hause ist nirgendwo. Davon singe ich in diesem Song. Zu Hause ist einfach mein Anfang, meine Mitte, mein Ende – die Dreifaltigkeit des Nichts. Zu Hause ist kein Platz oder ein Ort, kein geografischer Punkt, den man an etwas Realem festmachen kann. In diesem Song ist Zu Hause ganz eng mit Gott verbunden, der unsichtbar ist und den wir uns eigentlich auch gar nicht vorstellen können. Also geht es in diesem Song darum, dass ich versuche, meinen Frieden mit mir und Gott zu machen.

Du gehst im Herbst wieder auf große Europatour. Gibt‘s ein Land oder eine Stadt, in der du besonders gerne spielst?

Nein, eigentlich nicht. Ich spiele einfach, nehme und gebe die Liebe weiter, egal wo ich gerade bin. Es ist immer etwas Besonderes, im positiven wie im negativen Sinne. Ich bin immer offen für neue Erfahrungen. Manchmal weiß ich auch gar nicht, wo ich gerade bin. Daher zählt für mich immer mehr der Moment an sich und nicht der Name der Stadt oder der Konzerthalle.

Bist du gerne auf Tour?

Ja, ich bin gerne auf Tour, so lange es nicht zu stressig ist. Wenn man viele Interviews am Tag hat und die ganze Zeit rumrennen muss, bevor man auf die Bühne geht, ist das schon etwas anstrengend. Wenn die Tour gut geplant ist und das Essen gut ist, ist alles in Ordnung. Was wirklich nervt, ist, dass man keine Kontrolle über sein Essen hat, besonders wenn man noch kein richtig großer Künstler ist und sich entsprechend noch kein eigenes Catering leisten kann. Das mag ich wirklich nicht. Aber sonst mag ich das Tourleben, auch weil ich wieder eine engere Verbindung zu meiner Band aufbauen kann. Dazu entwickelt sich auf Tour auch immer eine ganz besondere Beziehung zu mir selbst und zu Gott. Es ist einfach alles so anders. Es ist fast so, als ob man in den Krieg zieht.

Hat man dir schon mal richtig ekeliges Essen hingestellt?

(lacht)Nichts gegen die Niederlande, aber das Brot da ist wirklich furchtbar. Es ist wie Gummi. Oder wenn man im Backstage nur künstlichen Orangensaft hingestellt bekommt – ich will wirklich nicht hochnäsig klingen, wir sollten froh sein, dass wir überhaupt etwas zu trinken bekommen – aber auf lange Sicht ist das wirklich nicht gesund. Essen ist immer so eine Sache. Aber letztendlich müssen wir auch einfach dankbar sein, dass etwas zu essen auf den Tisch kommt, deshalb essen wir dann trotzdem immer.

Du hast in den letzten Jahren eine beachtliche Karriere hingelegt, warst bei Letterman in den USA in der Sendung und hast auch sonst einiges erreicht. Was bedeutet das für dich?

Es ist eine großartige Errungenschaft, aber ich versuche, nicht zu viel darüber nachzudenken. Ich will nicht, dass es mir zu Kopf steigt. Letterman war toll, allein diese Chance zu haben. Wenn man einmal bei Letterman war, bekommt man weltweite Aufmerksamkeit. Das war wirklich wunderbar. Aber ich wusste nicht einmal, wer Letterman überhaupt ist. Genauso wenig war mir die Tragweite bewusst, den mein Auftritt in seiner Show haben würde. Ich habe das erst nach der Sendung erfahren. Mir hat das auch zu mehr Anerkennung in Afrika verholfen. Aber auch Leute zu treffen wie NAS oder Erykah Badou, und mit ihnen auf einer Couch zu sitzen, das hätte ich mir nie träumen lassen. Es war so großartig, von diesen Leuten ermutigt zu werden, weiter Musik zu machen. Diese Erfahrung hat mich wirklich sehr inspiriert.

Hat noch ein anderer Moment in deiner Karriere einen bleibenden Eindruck bei dir hinterlassen?

Mich beeindruckt es immer noch schwer, dass ich überhaupt so wie jetzt Musik machen darf. Ich hätte mir das niemals träumen lassen, dass auch nur eine Person mir zuhört. Das kann ich manchmal immer noch nicht so recht glauben. Ich mache das jetzt bereits seit 7 Jahren, ich habe ein wunderbares Team hinter mir, Leute, die mich ermutigen. Ohne das Team wäre ich Niemand. Die Menschen, die so hart in diesem Team arbeiten, die mir vertrauen und an meine Musik glauben, haben mir sehr geholfen. Es ist für mich das allergrößte Geschenk, Teil einer so starken „Business Family“ zu sein.

Du bist in Nigeria aufgewachsen. Welche drei Dinge sollte man unbedingt über dein Heimatland wissen?

Wir sind auf dem Weg in bessere Zeiten. Ich beschäftige mich sehr viel mit dem Thema Korruption, bin aber von Hamburg zurück nach Nigeria gezogen um diese Dinge hautnah zu erleben und mit eigenen Augen zu sehen, wie sie sich weiter entwickeln. In Nigeria ist nicht alles rückständig. Es gibt so viele aufgeklärte, clevere junge Schwarze, die wieder nach Nigeria zurückkehren. Es weht der Wind der Veränderung. Das alles braucht Zeit, aber die Menschen investieren wieder ihr Wissen und ihre Energie in Afrika. Es ist dort also nicht alles rückständig, zwielichtig und korrupt. Das ist eine Sache, die man wissen sollte.

Übrigens laufen bei uns keine Löwen oder Tiger auf den Straßen herum, oder wilde Buschmänner in Blätterkleidern, die um ihre Hütten herumtanzen (lacht). Wir haben große Wolkenkratzer und 115 Millionen Menschen, die alle sehr aktiv sind. Und sie tragen alle Kleidung (lacht). Lagos Town ist fast wie ein afrikanisches New York, eine richtige Metropole. Hier arbeiten sogar einige Weiße. Weiße sind hier nicht verhasst, es gibt viele verschiedene Nationalitäten, die sich dort aufhalten, arbeiten und sich wohl fühlen.

Eine negative Sache ist Boko Haram. Boko Haram ist eine Art Ableger der Taliban, der sich im Norden Nigerias entwickelt hat. Ich weiß nicht genau, seit wann es sie gibt. Es gibt hier einen großen Religionskonflikt. Sie haben große Proteste organisiert und im Norden auch viele Menschen umgebracht. Sie glauben, dass der Islam die einzig wahre Religion für Afrika und die Welt ist, da der Islam viel früher in Afrika präsent war, schon lange bevor dir Christen dorthin kamen um den Kontinent zu kolonisieren. Sie sind sehr fundamentalistisch. Sie lehnen die westliche Zivilisation, westliche Erziehung und westliche Lebensart strikt ab.

Foto: Jens Boldt