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Ist das noch Punk? – Die Toten Hosen – Gedanken zur Laune der Natour

Am 14. November haben Die Toten Hosen in der Barclaycard Arena in Hamburg gespielt. Quasi vor meiner Haustür, also musste ich da natürlich hin. Die Toten Hosen begleiten mich schon seit Ewigkeiten. Doch ist das noch Punk? Es ist Zeit, für einen etwas anderen Konzertbericht. Ist das noch Punk? – Die Toten Hosen – Gedanken zur Laune der Natour weiterlesen

Jahresrückblick 2012: Wenn Amanda Palmer den Weltuntergang verhindern könnte

Vor einigen Wochen bekam ich nach einem Vorstellungsgespräch bei einem großen Musikmagazin in Berlin die Aufgabe, eine zusätzliche Textprobe zu verfassen. Ein persönlicher musikalischer Jahresrückblick sollte es sein. Wie gut, dass die Maya für den 21. Dezember den Weltuntergang voraus gesagt haben, denn nur so konnte diese schräge, musikalische Superhelden-Geschichte entstehen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Glaubt man an den Kalender der Maya, geht am 21. Dezember 2012 die Welt unter. Vielleicht ist da sogar was dran. Wenn die Toten Hosen mit dem Schlager flirten und fast schon wie Pur klingen, Robbie Williams Kinderlieder singt, und sich die halbe Welt begeistert von einem verrückten Koreaner terrorisieren lässt, der auf seinem imaginären Schaukelpferd durch die Gegend reitet, kann das Ende nicht mehr weit sein. Eigentlich. Denn zum Glück gab es auch 2012 wieder eine ganze Reihe großer und kleiner musikalischer Superhelden, die uns mit Sicherheit noch einmal vor dem Untergang bewahren können.

Allen voran The Soundtrack of Our Lives. Wer an ihnen vorbei will, bekommt es mit dem Universum zu tun. Die Schweden gaben zwar im Frühjahr ihre bevorstehende Trennung bekannt, konnten sich aber mit ihrem Album „Throw it to the Universe“ noch ein letztes großes Denkmal setzen. Emotional, stark und erhaben. Neben ihnen schwingt Amanda Palmer ihr feministisches Superheldinnen-Schwert gegen den Niedergang der Musik. Oder lieber doch gleich gegen Carly Rae Jepsen. Amanda Fucking Palmer, der selbsternannten Queen des Crowdfunding, ist es gelungen, mit „Theatre is evil“ in Eigenregie ein neues Album voller Synthie-Rockdrama und Piano-Wahnsinn an den Start zu bringen, vor dem sich selbst der Sender Arte verneigen würde.

Als unverwüstliches Bollwerk versperren The Gaslight Anthem der Sturmflut des schlechten Musikgeschmacks unverfroren den Weg. Mit „Handwritten“ zeigen Brian Fallon und Co, dass es auch heute keiner irrsinnigen Technik bedarf, ein schlicht authentisches, bodenständiges Rockalbum zu produzieren. Sowohl textlich als auch musikalisch sucht diese Platte in seiner gesamten Intensität dieses Jahr seines gleichen. Derweil hüpfen Deichkind als Ablenkungskommando hyperaktiv auf dem Gaslight-Damm herum und verwirren die Radiomasse mit blinkenden LEDs, fetten Bässen und ihrem „Befehl von ganz unten“. Der lautete offensichtlich, sämtliche Flo-Rida und Rihanna-Fans moralisch zu untergraben und ihnen mit „Leider geil“ das verbale Duckface des Jahres in die Lipgloss-Gesichter zu tackern. Chapeau.

Hinter der Front singt zur gleichen Zeit das Country-Duo The Civil Wars die wiederauferstandene Nervensäge der Nation, a.k.a. Eurovision-Lena und all ihre von Stefan Raab gepushten Nachahmer, sofort zurück in den Schlaf. Mit den sanften Tönen und dem minimalem Arrangement des Albums „Barton Hollow“ können die beiden Amerikaner hierzulande so gerade noch Schlimmeres verhindern. Auch wenn es ihnen zugegeben nicht gelungen ist, Taylor Swift außer Gefecht zu setzen. Vollkommen unbeeindruckt von der Gefahr des drohenden Weltuntergangs ritten Gisbert zu Knyphausen und Nils Koppruch mit ihrer gemeinsamen Platte „Kid Kopphausen“ in die Schlacht. Das ritterliche Ergebnis: intelligente deutschsprachige Musik, weit weg vom aufgeblasenen Tim Bendzko-Platin-Trallala und Xavier Naidoo-Geheule. Leider kehrte Knyphausen allein vom Untergangskampf zurück. Mitte Oktober starb Nils Koppruch überraschend und hinterließ eine klaffende Lücke in der Hamburger Musiklandschaft.

Trotz dieses schmerzlichen Verlustes stehen die Zeichen weiterhin gut, dass uns der Weltuntergang im Dezember aus musikalischer Sicht noch einmal erspart bleibt. Die letzte Rettung für die verstrahlten Gangnam-Style-Tänzer ist Lukas Graham. Kurz vor knapp. Es müsste schon mit dem Teufel –oder Pardon, mit den Maya– zugehen, wenn der Däne mit dem frisch veröffentlichten Self-titled-Album nicht den Großteil dieser hoffnungslosen Fälle bekehren könnte. Die, die bei Lukas Graham nicht freiwillig vom imaginären Schaukelpferd fallen und lieber weiter vollkommen idiotisch durch die Gegend hüpfen, stecken sowieso mit den Maya unter einer Decke.

Natürlich gab es noch mehr tolle Bands, die dieses Jahr den Weltuntergang verhindern können. Allerdings gab es eine Zeichenbegrenzung bei dieser Aufgabe. Auch mit dabei sind auf jeden Fall noch Hot Water Music.

1Live Krone 2012 – Wenn die Szene und ein Sender sich selbst feiern

Vergangene Woche durfte ich für den lieben Marcel und sein Musikportal music2web.de bei der Einslive Krone dabei sein. Ein toller Abend. Das hier ist dabei herausgekommen.

Die Toten Hosen-Frontmann Campino zusammen mit Kraftklub bei der 1Live Krone. Foto: Katharina Leuck

Bochum. Am Donnerstag wurde zum 13. Mal in der Bochumer Jahrhunderthalle die 1Live Krone verliehen. Beim größten Radioaward Deutschlands feierte sich auch in diesem Jahr wieder der Radiosender selbst und die deutsche Musikszene nutzte die Gelegenheit, sich ausgiebig mitzufeiern.

Ein offenes Geheimnis: Die wenigsten der anwesenden Künstler und Promis interessieren sich wohl wirklich für die Kronen oder die Show. Die meisten sind eigentlich nur für die Aftershowparty gekommen. Bevor sie es aber nach der Show so richtig krachen lassen können, geht es über den Roten Teppich, vorbei an einer wilden Horde gestresster Fotografen und Journalisten. Diese versuchen mit lautem Geschrei, die Stars, Sternchen und geladenen Gäste mit teils abstrusen Posing-Wünschen vor der Fotowand ins rechte Licht zu rücken.

„Jetzt spring doch mal endlich!“

Wenn es nach einigen Fotografen ginge, sollte jeder männliche Promi-Verschnitt, der allein über die rote Auslegeware wandert, spektakuläre Luftsprünge für die Kamera machen. Bescheuert? Ein bisschen. Das findet auch „Unser Star für Baku“-Gewinner Roman Lob und verweigert. Alleinreisende Damen haben es ebenfalls nicht leicht: Wie viele Kusshände und laszive Blicke über die Schulter auf Zuruf geworfen werden müssen, lässt sich nur schwer überblicken.

Besonders kurios: Viele Fotografen wissen gar nicht, wen sie da gerade vor der Linse haben und werden von scheinbar lebenswichtigen Fragen geplagt: Waren das jetzt endlich Kraftklub? Nein, das waren Madsen. Muss man Fotos von Revolverheld machen, wenn der Sänger nicht dabei ist? Was für ein modischer Unfall ist das Outfit da von Model Sara Nuru? Warum lächelt Tim Bendzko eigentlich nie? Waren das jetzt endlich Kraftklub? Nein, das war Get Well Soon. Muss man David Werker kennen? Wer ist der komische Vogel mit dem schrägen Hut? Waren das jetzt Kraftklub? Nein, das waren die Donots. „Von Kettcar machen wir keine Fotos, die sind zu intellektuell für uns“, meint der Kollege von einer Promi-Agentur.

„Bitte keine Handys!“

Zum Glück ist der Teppich-Wahnsinn nach gut zweieinhalb Stunden vorbei. In der Halle weist ein Anheizer die angereisten Hörer ein, die ihre Showtickets in den vergangenen Monaten gewonnen haben und deshalb direkt an den drei Bühnen Platz nehmen dürfen: „Wenn ich hier unten so doof mit den Armen winke, müsst ihr klatschen. Und bitte, steckt die Handys weg. Die stören das Bild. Außerdem, bohrt nicht in der Nase. Die Oma zu Hause sieht alles. Und jetzt üben wir mal den Kronenapplaus. – Super macht ihr das!“

Während die Hörer vorne die gut zweistündige Show handylos begeistert verfolgen, brav lachen, wenn die Moderatoren Frau Heinrich und Chris Guse ihre Witzchen machen und jubeln, wenn ihre Lieblingsbands erwähnt werden, ist die Aufmerksamkeitspanne im Promiblock und im hinteren Teil der Halle nicht ganz so beständig. Es wird fleißig gesimst, getwittert und geflüstert. Wenn sich alle Kameras auf die Auftritte der Kronenband Kraftklub richten, nutzt man die Gelegenheit auch schon mal, um schnell an die Bar im Foyer zu huschen. Dabei sind gerade diese Showeinlagen eine willkommene Abwechslung und wirklich sehenswert. Schließlich sieht man die Chemnitzer nicht jeden Tag zusammen mit der Sängerin Leslie Clio, Punklegende Campino oder den Rappern Casper und Dendemann auf einer Bühne.

Und die 1Live Krone 2012 geht an…

Ansonsten plätschert die Awardshow so vor sich hin, irgendwo zwischen musikalischem Jahresrückblick und leichter Selbstbeweihräucherung des Senders. Zwischendurch die Live-Auftritte der Kronenband, Philipp Poisel und Cro. Das Publikum ist dankbar für jederlei Abwechslung und applaudiert brav für jede Kronen-Kategorie. Die Kronengewinner Kraftklub, Cro, Casper, Tim Bendzko, Frittenbude, Die Toten Hosen und Michael Mittermeier freuen sich ehrlich, als sie als Gewinner nach vorne auf die Bühne gebeten werden.

Genau einmal kommt an diesem Abend jemand auf der Bühne in den Genuss der absolut ungeteilten Aufmerksamkeit des Publikums in der Jahrhunderthalle. Es ist Smudo von den Fanta Vier. Er hält eine flammend bewegende Laudatio für die Gewinner der Sonderpreis-Krone: Pussy Riot. Zwei Damen des russischen Künstlerkollektivs nehmen die Krone stellvertretend entgegen. Sie haben sich mit ihren bunten Strumpfmasken vermummt. Ihre Namen dürfen nicht genannt werden. Personenschützer stehen im Hintergrund am Bühnenrand bereit. Begleitet von einer Dolmetscherin tragen die beiden jungen Frauen voller Inbrunst ihre Freiheitsmessage in die Jahrhunderthalle. Ihren Mut und Einsatz quittiert das Publikum mit Standing Ovations. Ein wahrer Gänsehautmoment und das einzige wahre Highlight des Abends. Für einen Augenblick scheint es, als hätte die 1Live Krone doch eine echte gesellschaftliche Bedeutung und sei nicht nur der Anlass für eine legendäre Aftershowparty.
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Wenig Fotos? In der Tat. Sobald mein neuer Computer da ist, gibt es auch extrem verspätet Fotos vom roten Teppich und Crops aus der Show. Bis dahin seht Ihr sie hier, bei music2web.de.