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Foo Fighters – Wasting Light

Die Neunziger sind zurück, und das im absolut positiven Sinne. Mit ihrer neuen Scheibe „Wasting Light“ gehen die Foo Fighters „back to the roots“ und zeigen der heutigen Bubblegum- und Plastikpop-Branche, wie man richtig Musik macht.

Aufgenommen wurde das gute Stück bei Sänger Dave Grohl in der heimischen Garage, vollkommen analog. Keine Computer, kein technischer Schnickschnack. Herausgekommen ist ein Album mit Ecken, Kanten und einer ordentlichen Portion Lautstärke und Wahnsinn. Wer „das härteste Foo Fighters Album aller Zeiten“ einmal in den Händen hält, wird es nicht so schnell wieder hergeben wollen.

Teilweise mag das natürlich daran liegen, dass sich auf dieser Platte ein großer Teil des Who is Who des 1990er-Rock und Grunge wiedervereint hat: Neben vielen anderen hatten keine Geringeren als Butch Vig, Produzent des Nirvana-Albums „Nevermind“, und Nirvana-Bassist Krist Novoselic höchstpersönlich die Finger im Spiel. Ihre Aura schwingt und rockt sich quer durch die ganze Scheibe, und dass obwohl sie gar nicht in jedem Song zu hören sind.

„Wasting Lights“ prescht ab der ersten Sekunde zügellos nach vorne, kompromisslos und direkt. Mit dem ersten Ton von „Bridge is Burning“ fesseln die Foo Fighters den Hörer, peitschen ihn mit gnadenlos treibenden Gitarrenriffs auf die Tanzfläche ihres Wohnzimmerteppichs zurück in die gute, alte Zeit und jagen ihm, trotz aller Härte, dank Dave Grohls unverkennbarer Stimme immer wieder angenehm kribbelnde Gänsehautschauer über den Rücken. Nach 16 Jahren Bandgeschichte und noch viel mehr Rock-‘n‘-Roll-Erfahrung beherrscht man einfach diese Kunst, unglaubliche Lautstärke und Kompromisslosigkeit mit einer gehörigen Portion Gefühl und Emotionen verschmelzen zu lassen.

Unter den elf Songs finden sich mit „These Days“ und „I Should Have Known“ einige beinahe hymnische Tracks, die alte „My Hero“- Erinnerungen wachrufen. Direkt neben diesen trotzdem druckvollen, aber im Kontext von „Wasting Lights“ fast sanft wirkenden Nummern gesellen sich laute Rockbretter wie „White Limo“, die erste Single „Rope“ oder „Walk“. Bei diesen wünscht man sich sofort Dave Grohls Haarpracht auf den Kopf, um diese standesgemäß, ohne Rücksicht auf Schäden an der Halswirbelsäule im Takt der Musik mit vollem Körpereinsatz durchzuschütteln und dabei seine Luftgitarrenkünste zu perfektionieren. Schweißflecken an allen möglichen und unmöglichen Stellen sind hierbei vorprogrammiert und sollten nach guter, alter Neunziger-Rock-‘n‘-Roll-Attitüde mit Stolz und Coolness getragen werden.

„Wasting Light“ legt die Messlatte der Rockalben verdammt hoch. Es dürfte für andere Bands in diesem Jahr äußerst schwer werden, diesem Album das Wasser zu reichen.

„Wasting Light“ erscheint in Deutschland am 8. April.

„Das Album entscheidet wann es fertig ist.“ – Clueso im Interview

Am 25. März ist Cluesos neues Album „An und für sich“ erschienen. Viel Zeit hat er sich mit der neuen Platte gelassen. Ich durfte mit dem sympathischen Erfurter telefonieren und mich mit ihm über sein neuestes Werk unterhalten.


Du hast im Dezember entschieden, dein Album auf März zu verschieben. Wie kam‘s dazu?

Man kann viel planen und kalkulieren, aber wenn das Album nicht fertig ist, ist es nicht fertig. Ich schreibe am liebsten so, dass nicht ich entscheide, wann das Album fertig ist, sondern das Album selbst.

„An und für Sich“ – Wie geht‘s dir jetzt mit dem Album?

Streckenweise fordert mich das Album und an manchen Ecken stolpere ich auch. Die kleinen Stolperfallen habe ich mir aber selber eingebaut. Mir macht es Spaß, die Strecke mit verbundenen Augen zu rennen, hinzufliegen und dabei Neues zu entdecken. Ich finde es wesentlich urbaner und verspielter als den Vorgänger. Ich habe versucht, alles was ich an den Alben vorher gerne besser gemacht hätte, frech in dieses Album zu packen. Alles ist so, wie es mir gefällt. Darauf bin ich wahnsinnig stolz.

Was steckt eigentlich hinter dem Albumtitel – „An und für sich“?

Für mich ist „An und für sich“ ein Kosmos an Erklärungen, den meine Freunde erst nicht verstanden haben. Geiles Album aber komischer Titel (lacht). Ich hab‘s dann versucht zu erklären. Ich kann meine Musik bis heute nicht definieren, die steht einfach für sich. Ich mache es aber nicht mehr nur für mich ausschließlich, ich mache es auch für die Musik, die kommt. Wenn der Song kommt, dann muss ich ihn einfach machen bis er fertig ist, bis er für sich steht. Deshalb ist das ganze auch etwas an mich selbst adressiert. Man macht das Album an und hört sich selbst. Da sind tausend Dinge drin. Ich kann da so viele Seiten immer wieder neu aufklappen und noch ganz viel erzählen, weil ich jedes Mal wieder Neues in dem Namen entdecke. Ich habe sehr viel Spaß daran, wenn Leute etwas lesen und dann für sich etwas daraus ziehen müssen. Wenn man dann noch die Redewendung im Internet sucht, findet man, dass sich sogar schon Philosophen über diese Redewendung gestritten haben. Da kommt das weltliche und das menschliche zusammen, an sich, für sich. Ich finde das toll.
Woher nimmst du die Inspiration zu deinen Songs?

Die Hauptinspiration nehme ich von meinen Mitmenschen. Ich höre gerne zu, bastele gerne mit ihnen zusammen an neuen Sachen und rede mit ihnen über Gefühle, schwierige Situationen und Ideen.

Hast du auf dem Album einen Song, der dir besonders am Herzen liegt?

Das schwankt jeden Tag. Das ist so ein Album geworden, dass man erst mal einen Tag weg legt, wenn man es gehört hat, weil man danach echt satt ist. Dann macht man es einen Tag später wieder rein und freut sich. Ich freue mich bei „Die Straßen sind leer“ über den Elektrobeat, der viel zu lang ist. Ich mag „Beinah“, weil er so einfach ist – das ist auch ein programmiertes Stück – nur Drumset, Orgel, Gitarre und Gesang. Ich finde aber auch „Erklär mir“ schön, weil er einfach das Album auf den Punkt bringt. Diese Irrfahrt, bei der man sich fragt, warum man Erfahrungen nicht einfach eins zu eins auf das nächste Projekt übertragen kann. Weil‘s dann einfach langweilig wäre.

Auf deinem Album besingst du „Das alte Haus“. Worum geht‘s da?

Überall in den Städten werden diese angeblich tollen neuen Wohnungen beworben. Dafür werden aber Häuser abgerissen, die eine viel größere Geschichte erzählen und eigentlich mehr Charme haben. Ich finde, dass dadurch Raum flöten geht, in dem Kreativität entsteht. Die Städte verlieren ihr Geheimnis und das ist sehr gefährlich.

Kannst du dir vorstellen, zusammen mit Max Herre ein ganzes Album aufzunehmen?

Kann ich mir sofort vorstellen, müsste man nur die Zeit für finden. Vielleicht passiert das ja auch mal irgendwann.

Hast du ein spezielles Ritual, bevor du auf die Bühne gehst?

Wir schreien alle zusammen „Raketenpuller!“ – Lustige Geschichte: Der kleine Sohn von einem Musikerkumpel hatte nen Ständer und gesagt „Guck mal Papa, Raketenpuller“. Wir haben uns weg geschmissen, als er uns das erzählt hat. Seitdem ist das unser Schlachtruf.

Welche Musik hörst du privat?

Alles mögliche, querbeet. Ich mag zum Beispiel The Black Keys oder Veto. Der Soundtrack von „Up in the Air“ ist zum Runterkommen aber auch richtig cool.

Letztes Jahr warst du mit der StÜBA-Philharmonie unterwegs. Planst du wieder so etwas?

Nächstes Jahr vielleicht wieder. Ich muss die StÜBA dieses Jahr ein bisschen an den Rand drängen. Ich habe aber tierisch Bock, wieder mit denen zu spielen. Jetzt habe ich noch ein Jazztrio, mit dem wir jetzt eine kleine Radiotour machen. Da werden wir dann auch vielleicht Spontan-Gigs in Cafés geben. Haltet die Augen offen.

Foto: Tino Sieland

Guido Donot im Interview: „Ich mache Urlaub in Münster“

Rekord für die Donots: Nach nur einer Woche waren alle Karten für ihr Jahresabschlusskonzert am 27.12. im Rosenhof weg. Grund genug für die Band aus Ibbenbüren, eine Zusatzshow am 28.12. anzuhängen. Gitarrist Guido Knollmann hat vorab mit uns über verrückte Shows in Japan, Urlaub in Münster und soziales Engagement gesprochen. 
Eure „The Long Way Home“-Tour ist jetzt erst mal vorbei. Was waren Eure Highlights? 

Da waren schon eine Menge geiler Konzerte dabei. In Wiesbaden war der Laden mit 1600 Leuten rappelvoll und wir haben uns echt gefragt, „für wen sind die denn jetzt alle gekommen?“ Richtig geil war aber auch unsere „Short Way Home“-Tour mit drei Konzerten von ganz klein bis ganz groß in Münster. Erst in der Gorilla Bar, dann im Gleis 22 und dann in der Halle Münsterland vor 3000 Leuten. Wahnsinn!
Das Konzert in der Halle Münsterland war das größte eigene Eurer Bandgeschichte. Was ist das für ein Gefühl, wenn man da steht und weiß „die 3000 Leute sind jetzt nur für uns gekommen“?

Die tun mir dann erst mal alle Leid, weil die ja total verwirrt sein müssen, wenn die wirklich alle nur für uns gekommen sind! (lacht) Das ist schon ein geiles Gefühl, dass das jetzt nach 16 Jahren Bandgeschichte so nach vorne geht. Wir haben die Band gegründet um live zu spielen und wenn dann 3000 Leute bei der Sause mitmachen, ist das um so genialer. 
Anfang Dezember stehen Euch noch ein paar Gigs in Japan ins Haus. Wie kam‘s dazu? 

Das wird jetzt schon unsere sechste Japantour. Über den Import haben die da früher schon laufend Platten von uns gekauft, aber wir wussten da gar nichts von. Als wir dann irgendwann mal in New York gespielt haben, sind wir von ein paar Japanern angesprochen worden. Als sie unseren Bandnamen gehört haben, waren sie ganz begeistert und meinten, dass wir in Japan total angesagt wären. Wir dachten, das wäre nur japanische Höflichkeit, aber es war wirklich so und unsere alte Plattenfirma hat uns dann da drüben rausgebracht. Es macht aber echt Spaß dort zu spielen. Die Leute sind total verrückt, haben immer gute Laune und alles ist bunt. 
Was ist bei den Konzerten da drüben anders als hier?

Die Leute dort leben ihren Alltag ja sehr geregelt und lassen dafür auf den Konzerten dann so was von die Kuh fliegen. Unfassbar! Es gibt auf jeden Fall Unterschiede. Beim ersten Mal haben wir unseren ersten Song gespielt, dann gab es 4 oder 5 Sekunden tierischen Applaus und plötzlich war Totenstille. Wir dachten schon wir hätten was falsch gemacht. Das war aber nach jedem Song so. Die Leute wollen einfach die Ansagen nicht unterbrechen, so höflich sind die. Das muss man auch erst mal wissen. 
Auf Festivals bringen die ihren eigenen tragbaren Aschenbecher mit, weil die nicht auf den Boden Aschen wollen. In Deutschland sieht‘s nach Konzerten ja meistens aus, als ob da gerade „Herr der Ringe“ gedreht wurde. Alles ist im Arsch. Da drüben räumen alle nach den Konzerten zusammen auf. Das ist echt Wahnsinn! 
Was für eine Rolle spielt der traditionelle Jahresabschluss in Osnabrück für Euch?

Das ist schon was ganz besonderes. Ein richtig schönes Fest mit ein bisschen in die Saiten hauen. Über die Jahre hat sich das so etabliert. Das geile ist, dass es keine normale Donots-Show ist. Wir spielen da jedes Mal ein komplett anderes Set als sonst und lassen uns auch ganz spezielle Sachen für die echten Die-Hard-Fans einfallen. Das ist schon was besonderes weil alle unsere Freunde und Familien auch da sind. Ich hab‘s ja nicht so mit Lampenfieber aber wenn meine Eltern da sind, geht mir schon ein bisschen der Kackstift. Da ist dann der Ehrgeiz alles richtig zu machen.  
Wenn man Euch im Netz verfolgt hat man fast den Eindruck dass Ihr jetzt so beliebt seid wie noch selten. Wie geht ihr damit um?

Darüber machen wir uns eigentlich nicht so viele Gedanken. Wir genießen das einfach und freuen uns, das jetzt so viele Leute zu unseren Shows kommen. Das bockt einen als Band auch noch mal ein bisschen an, und wenn es dann jetzt so viele Leute interessiert, was wir machen, ist das umso geiler. 
Wird Euch die zusätzliche Aufmerksamkeit durch das Internet manchmal auch zu viel?

Man darf sich da einfach nicht stressen lassen. Wir haben alle noch eigene Facebook-Profile und wenn ich da online gehe, dauert das keine 3 Minuten und mir schreiben 20 Leute gleichzeitig im Chat „Hey, wie geht‘s?“ und alle fragen immer dasselbe. Ich versuche zwar meistens alles zu beantworten. Aber das ist dann schon etwas schwer, wenn man eigentlich mit seinen richtigen Freunden schreiben will. Das klappt dann nicht immer. 
Wie viele „Freunde“ hast du da?

Puh, so knapp 3000 etwa, glaube ich. Ich kenne mich in dem Laden so schlecht aus.
Respekt, wenn du da versuchst wirklich noch jedem zu antworten.

Ja, ich probier das zumindest. Es ist ja auch erst mal schön, wenn sich die Leute für einen interessieren. Das nimmt zwar manchmal etwas überhand, aber dann sag ich den Leuten halt, dass ich gerade keine Zeit zum Antworten habe. 
Ihr beginnt Euer Bandjahr 2011 mit drei Konzerten im Januar. Was macht ihr danach?

Wir werden uns schon wieder an die neue Scheibe setzen. Ich bin auch jetzt schon wieder dabei, neue Songideen zu sammeln und zu schreiben. Das ist zwar immer ein langwieriger Prozess, aber wir wollen jetzt nicht lange warten, sondern sehr bald ein neues Album nachlegen. Und ich hab schon wieder so Bock auf Studio! Das ist immer das lustige, wenn wir auf Tour sind, will ich ins Studio und im Studio kann ich‘s kaum erwarten wieder auf die Straße zu kommen. Das ist immer ne ganz schöne Abwechslung. 
Also keine Pause?

Richtig Pause gönnen wir uns jetzt vielleicht einen Monat, wo wir gar nichts machen. Ich bleib in Münster, ich weiß, nicht ob die anderen weg fahren. Ich werde auf jeden Fall weiter Songs schreiben und Urlaub in Münster machen. In meiner Lieblingskneipe nebenan, da kann man super Urlaub machen (lacht). Danach werden wir uns dann im Probenraum zusammensetzen und an neuen Songs basteln. 
Du sagst du gönnst dir nur einen Monat Ruhe. Was bedeuten Pausen für Euch?

Ich weiß nicht, woran das liegt, aber ich stehe komischerweise gar nicht so auf Urlaub. Ich hab auch schon ein bisschen Bammel vor dem Monat, weil mir da echt schnell die Decke auf den Kopf fällt. Deshalb mache ich da auch nicht die ganze Zeit Pause, sondern schreibe weiter Songs und bleibe hier in Münster. Wenn ich mal wegfahre, ist mir nach einer Woche so stinklangweilig, unglaublich. Die anderen freuen sich immer, wenn sie richtig wegfahren können, wenn wir frei haben. Ich bin da einfach froh, wenn ich mal am Stück zu Hause bin und richtig was mit meinen Freunden in Münster unternehmen oder einfach meine Eltern in Ibbenbüren besuchen kann. Das ist eigentlich so mein Urlaub. 
Ihr unterstützt viele soziale Organisationen wie Viva con Agua oder Peta. Welchen Stellenwert hat soziales Engagement für Euch?

Generell sind wir keine Band, die großartig politische Texte hat. Aber uns ist es wichtig, dass wir uns auch engagieren. So Geschichten wie Viva Con Agua, die Trinkwasserquellen ausbauen, sollte man unterstützen. Das ist echt ne gute Sache. Wenn man als Band schon so eine Art Vorbildfunktion hat, muss man den Leuten auch mal sagen, dass es nicht immer nur Party gibt, sondern auch noch wichtigere Sachen.
Könntet Ihr Euch vorstellen, selber so etwas ins Leben zu rufen?

Das ist natürlich ne Menge Arbeit und wir haben einfach wahnsinnig viel um die Ohren, weil wir ja unser eigenes Label haben. Aber wenn da mal irgendwann etwas mehr Luft wäre, fände ich so etwas in die Richtung aber auch ganz cool.
16 Jahre Punkrock made in Ibbenbüren, Shows in Japan, große Festivals. Ihr habt schon sehr viel erreicht. Wo wollt Ihr mit Eurer Band noch hin?

Das klingt zwar wie ein Klischee, aber eigentlich ist ja der Weg das Ziel. Ich bin einfach dankbar, dass ich das so machen darf. Ich kann von meiner Musik leben, ich bin mein eigener Chef, lerne viele Leute kennen, fahre quer durch die Weltgeschichte und hab ne gute Zeit. Das ist eigentlich das Größte. In dem Sinne haben wir wirklich das Leben bei den Eiern gepackt. Ich will nichts anderes. Wenn das alles so bleibt wie es jetzt ist, wäre dass das allerschönste für mich.

Mando Diao: „MTV Unplugged – Above and Beyond“

Nirvana, Pearl Jam, Alanis Morissette, Eric Clapton. Sie alle haben durch ihre teils unvergesslichen Akustik-Auftritte bei „MTV Unplugged“ gezeigt, dass Rock‘n‘Roll auch fast ganz ohne Stecker funktionieren kann. Jetzt dürfen sich auch Mando Diao in die Liste dieser internationalen Superstars einreihen. Anfang September zeichneten die fünf Schweden in den Studios der Union-Film in Berlin-Tempelhof ihr eigenes „MTV Unplugged“ auf, das jetzt auf seine weltweite TV-Premiere am 11. November wartet. Passend dazu steht ab dem 12.11. das Doppelalbum „MTV Unplugged – Above and Beyond“ in den Plattenläden.
„Above and Beyond“ führt musikalisch einmal quer durch beinahe 10 Jahre Mando Diao-Erfolgsstory. Der Silberling überzeugt durch die gute Mischung aus Altbewährtem, raren B-Seiten, bisher unveröffentlichten Songs und gelungenen Cover-Versionen. Dabei dürfen beliebte Live-Kracher wie „Dance with Somebody“, „Down in the Past“ und „Gloria“ zwischen den insgesamt 23 neuinterpretierten Tracks natürlich nicht fehlen.  
Die neuen Arrangements der Songs rücken die sonst gerne so lauten Schweden in ein ganz neues Licht. Mit viel Leidenschaft und voll Energie zeigen Mando Diao bei dieser Gelegenheit, dass sie eben nicht nur eingängig soliden Schwedenrock abliefern können. Was hier geboten wird, ist musikalisch durchaus anspruchsvoll und vielseitig. Besonders die Stimmen der Sänger Gustaf und Björn versprühen plötzlich eine bisher kaum gekannte Wärme mit einer ordentlichen Extraportion Oldschool-Rock‘n‘Roll-Sexappeal, und das nicht nur in den ruhigeren Nummern. Manchmal möchte man fast meinen, sie hätten Nachhilfe bei Elvis Presley oder Bruce Springsteen persönlich genommen. 
In der Tat haben Mando Diao nicht auf hochkarätige Live-Unterstützung verzichtet. Um der Magie früherer MTV Unplugged gerecht zu werden, haben sie kurzerhand die singende Hollywoodikone Juliette Lewis, den legendären The Kinks-Sänger Ray Davies und die amerikanische Newcomerin Lana Del Ray mit ins Boot geholt. Das Resultat ist beachtlich. Die Schwedenrocker liefern so zusammen mit Juliette Lewis mit „High Heels“ ein intensives, rauchig-heißes Duett ab, bei dem man das gespannte Knistern zwischen den Akteuren regelrecht in den Fingerspitzen spüren kann. Bei so viel Funkenflug muss man sich ganz schön unter Kontrolle haben, um sich nach fünf sexy pulsierenden Minuten nicht den Schweiß von der Stirn tupfen zu müssen. 
Insgesamt stehen Mando Diao ihren internationalen Vorreitern bei diesem „MTV Unplugged“ musikalisch in so gut wie nichts nach. Erfreulich abwechslungsreich und überraschend unvorhersehbar ist dieses Live-Album eine schöne Ergänzung der Plattensammlung – nicht nur für eingefleischte Fans. Und für alle, denen das nicht genug ist, steht die DVD mit dem kompletten Auftritt ab dem 3. Dezember in den Regalen. 
4,5/5 Sterne
Elvis-Tribute-Faktor: 5/5
Sex, Drugs, Rock‘n‘Roll: 5/5
Erstes-Date-Tauglichkeit: 3,5/5


Erschienen in: OScommunity.de – Das Magazin, Ausgabe 21 | November 2010

Interview: Tocotronic „Wir sind nicht intellektuell“


Tocotronic sind inzwischen wahre Urgesteine der deutschen Musikszene. Am 20. Oktober spielen sie im Rosenhof. Frontmann Dirk von Lowtzow hat erzählt, was er von zu viel Anerkennung, Charts und Heimat hält. 


Ihr seid als Band ja schon fast Dinosaurier.
Naja, das klingt jetzt nicht sehr charmant (lacht). 
Das ist aber positiv gemeint. Es gibt nur wenige Bands, die so lange präsent sind und so einen großen Einfluss haben und von so vielen anderen jungen Bands als musikalisches Vorbild angesehen werden. Was ist das für Euch persönlich für ein Gefühl?
Ich finde es grauenvoll. Vorbild zu sein ist etwas, was man nie sein möchte. Ich fände es besser, wenn junge Bands uns zum Kotzen finden würden und alles genau anders herum machen wollen. Zu viel Anerkennung ist auch nicht schön. Man fühlt sich natürlich geschmeichelt, aber man muss sehr aufpassen, sonst wird man schrecklich eitel. Wenn man das selber erlebt, hat das auch oft was Unangenehmes.
Wie geht es Euch dann damit, dass Euer aktuelles Album „Schall und Wahn“ auf die 1 gegangen ist? Langgehegter Traum oder Zufall?
Das war eher ein Zufall und das hat jeder unterschiedlich aufgenommen. Auf der einen Seite war es natürlich eine schöne Erfahrung für uns und all die Leute, die mit uns in Kontakt stehen und zusammen arbeiten. Mir persönlich bereitet so etwas aber immer eher Angst und fand es daher weniger angenehm. Eher verstörend.
Stereotypisch gesehen ist die 1 ja die höchste Ehre, die einem als Musiker zuteil werden kann. 
Als Ehre würde ich das nicht bezeichnen. Ich habe grundsätzlich eine wahnsinnige Abneigung gegen Listen und Charts. Diese ganze Versportlichung finde ich fürchterlich. 
Welche Bedeutung hat der Albumtitel „Schall und Wahn“ für Euch?
Das Interessanteste daran ist, dass er geklaut ist.  
Von wem konkret?
Von William Faulkner. Der Roman heißt auf Deutsch „Schall und Wahn“, auf Englisch „The Sound and the Fury“. Das fanden wir so als Gedanken schön, weil es nicht authentisch ist. Und es ist ja sogar noch doppelt unauthentisch, denn es ist ja nicht mal der Originaltitel sondern nur die sehr freie Übersetzung. 

Am 20. Oktober kommt Ihr auf Tour nach Osnabrück. Was macht Ihr denn jetzt vor der Tour noch?
Da machen wir gar nichts. Das ist das Schönste. Als Musiker oder Künstler ist auch ganz wichtig Phasen zu haben, in denen man gar nichts macht. Das Permanente Machen ist ganz gefährlich.
Wie würdest Du ein typisches Tocotronic-Konzert beschreiben? Gibt es das überhaupt, das typische Tocotronic-Konzert?
Ganz schwierig. Es ist ein Rockkonzert, es gibt Licht und Dunkelheit, es glänzt und es ist laut.
Gibt es spezielle Sachen, die immer dabei sein müssen? Bestimmte Songs oder Rituale, neben Glanz und Dunkelheit?
Nein, eigentlich nicht. Uns genügt es vollauf, einfach auf die Bühne zu gehen und zu spielen. In den letzten 18 Jahren war das für uns einfach die beste Herangehensweise. Es gibt natürlich andere Bands, die auf Spielchen mit dem Publikum oder akrobatische Einlagen setzen. Das ist aber nicht so unsere Tasse Tee.
Ihr nehmt regelmäßig politisch Stellung und engagiert Euch. Warum macht ihr das und wie seht ihr Bands, die das nicht tun?
Das kann jeder für sich selber entscheiden, ob man als Band oder Künstler politisch Stellung beziehen möchte oder nicht. Bei uns gibt es immer wieder Sachen, über die wir uns so wahnsinnig aufregen, dass wir sie entweder selber in die Songtexte hinein packen, uns dazu öffentlich äußern oder politische Aktionen unterstützen. Trotzdem finde ich, dass das keine Pflicht ist. Ich persönlich finde nur, dass dieses totale Bekenntnis zum vermeintlich Unpolitischen nur in den seltensten Fällen im neutralen Sinne wirklich unpolitisch ist. 
Was für Ziele habt für die Zukunft? Wie lange wollt ihr noch weitermachen?
Das größte Ziel, das wir als Band haben, ist weiterzumachen solange wir noch etwas relevantes zu sagen haben und Leute die uns zuhören. So dramatisch das klingt, die Möglichkeit Aufzuhören, sollte man sich immer vor Augen führen. Ich finde es ist künstlerisch genauso wertvoll, aufzuhören oder einfach etwas mal nicht zu machen. 
Umzug von Hamburg nach Berlin. In wiefern hat dieser Tapetenwechsel Eure Musik beeinflusst?
Unsere Musik könnte auch genauso gut in Budapest, Wuppertal oder Timbuktu entstehen. Natürlich arbeitet es sich besser an Orten, an denen man sich halbwegs wohl fühlt, aber ich möchte das auch nicht überbewerten. Ansonsten finde ich diesen Diskurs zu Heimat und dem Benennen wo man zu Hause ist, ziemlich doof. In meinen Augen spielt das im Bezug auf die Musik keine Rolle. 
In einem alten Interview mit Euch stand, dass Eure „Texte die Herzen von Germanistikstudenten höher schlagen lassen“ würden. Muss man Germanistikstudent sein, um den tieferen Sinn hinter Euren Texten zu verstehen?
Das finde ich überhaupt nicht. Ich finde die Annahme, dass man einen bestimmten Bildungsgrad bräuchte, um unsere Texte zu verstehen, ganz grauenhaft. Jeder kann das was wir machen verstehen. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass jeder auch das machen kann was wir machen. Man muss nur Spaß daran haben. Dieses Pochen darauf, dass eine Band ein bestimmtes Klientel mit einem bestimmten Bildungsgrad hat, finde ich total elitistisch und einfach doof. Wir sind nicht intellektuell. 


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Das noch komplettere, ungekürzte Interview gibt hier es beim „Mutterschiff“ stayblue.de zu lesen.

LO PARKER aus Bersenbrück live bei Rock am Ring!

Sie sind heißbegehrt, die Slots für einen Auftritt bei Rock am Ring. Die ganz besondere  Ehre, beim 25-jährigen Jubiläum des größten Festivals in Deutschland aufzutreten, hat jetzt die junge Rockband LO PARKER aus Bersenbrück – Beim Finale des Rock am Ring Band Contest 2010 in der ausverkauften Zeche Karl in Essen hat sie sich mit ihrem spanischen Rock in die Herzen der Fans gespielt und sich im Publikumsvoting in einer denkbar knappen Entscheidung gegen die vier anderen Final-Bands durchgesetzt. 
Die vier Jungs Daniel Liening-Ewert (Gesang/Gitarre), Florian Gahm (Gitarre), Christian Reinke (Bass) und Johannes Fels (Drums) dürfen nun diesen Samstag um 16:15 Uhr auf der Clubstage ordentlich Alarm machen. Ein absoluter Ritterschlag für die Band, schließlich treten bei dem Festival dieses Jahr internationale Bands wie Muse, Rammstein, Kiss und Rage Against the Machine auf.
Seit gestern sind LO PARKER „on the road“ Richtung Süddeutschland, wo ihnen jetzt wie den alten Hasen bei Rock am Ring unter anderem TV-Termine bevorstehen. Heute Abend sind sie um 22:15 Uhr auf dem digitalen Sender ARD EinsPlus in der Sendung in.puncto zu Gast. Hier werden sie Moderatorin Nicole Köster erzählen wie es sich anfühlt, vor dem größten Auftritt ihres Lebens zu stehen. Natürlich darf hier eine Live-Kostprobe ihrer musikalischen Qualitäten nicht fehlen!
Wie es den Jungs in diesen Tagen bei all diesem Trubel ergeht, könnt Ihr in ihrem Blog nachlesen: www.LoParker.de 
Auf einen Blick
LO PARKER im TV:
01.06.2010 – EinsPlus, in.puncto – 22:15 Uhr
LO PARKER bei Rock am Ring:
05.06.2010 – Clubstage – 16:15 Uhr
Noch mehr Infos auf www.myspace.com/loparkerband

FEELS LIKE HOME #3: Ein Abend voll berührender Musik und schwarzem Humor

Hamburg. Eine große weiße Taube hängt über der Bühne im Knust. Wenn sich dann darunter nationale und internationale Musiker sowie bekannte deutsche Autoren versammeln, um eine soziales Projekt zu unterstützen, ist es wieder Zeit für die Music & Reading Benefiz-Reihe FEELS LIKE HOME.

Bereits zum dritten Mal lud die kleine Brieftaube mit einem hochkarätigen Line-Up für den guten Zweck in ihr musikalisch-literarisches Wohnzimmer ein. Dieses Mal um mit den Erlösen des Abends den Verein Live Music Now Hamburg zu unterstützen. Dieser macht sich seit Jahren dafür stark, Musik zu Menschen zu bringen, die selber nicht mehr auf Konzerte gehen können.
„Keine Abendkasse!“
Ausverkauftes Haus. Kein Wunder bei dem Künstleraufgebot: Singer/Songwriter Matt Hires (Florida) und Molly Jenson (Kalifornien), die  diese Woche beide zum ersten Mal in Deutschland auftraten, sowie den „Special Guests“ Philipp Poisel und Ralf Husmann, bekannt als Drehbuchautor der Serien Stromberg und Dr. Psycho.
Dabei war für viele im Publikum sicherlich Philipp Poisel als Highlight der ausschlaggebende Grund zu kommen. Aber auch Matt Hires und Molly Jenson wurden vom Publikum mit offenen Armen empfangen.
Der 24jährige Matt Hires, der gegen 21:30 Uhr als erstes die kleine Bühne betrat, stimmte das Publikum mit Songs aus seinem gefühlvollen Gitarrenpop-Album „Take us to the Start“ auf den Rest des Abends ein. Dabei wickelte er so manche Dame im Publikum nicht nur mit seiner markanten Stimme um den Finger. Sein charmantes, leicht schüchternes Auftreten gepaart mit typischem Florida-Sunnyboy-Lächeln tat bei vielen das Übrige. 
Gar nicht schüchtern, sondern forsch und vollgepackt mit gehörig schwarzem Humor bestritt als nächster Ralf Husmann das literarische Intermezzo des Abends. Der Drehbuchautor sorgte mit vier Auszügen aus seinen Werken und einem humoristischen Rundumschlag durch die „Reizthemen“ Gewalt, Kinder, Beziehung und Selbstmord für ordentliches Lachmuskeltraining –  zumindest bei denjenigen, die auf bitterbösen, trockenen Humor stehen. Stromberg lässt grüßen.
Songs mit Hintergrund
Molly Jenson – Eine Frau alleine mit ihrer Gitarre, irgendwo zwischen Jonatha Brooks und Ingrid Michaelson. Mit ihrer natürlichen, sympathischen Art mit dem Publikum umzugehen und den Zuhörern die Geschichten hinter ihren Songs auf dem Album „Maybe Tomorrow“ zu erzählen – die auffallend viel mit Ex-Freunden zu tun hatten – zog sie nicht nur schnell die Leute auf ihre Seite, sondern es gelang ihr auch genau die intime Wohnzimmeratmosphäre aufzubauen, die den beiden Feels Like Home-Initiatoren Dannie Quilitzsch und Revolverheld-Sänger Johannes Strate so wichtig ist.
Diese heimelige Atmosphäre griff der heimliche Star des Abends Philipp Poisel schließlich nahtlos auf. Mit musikalischer Unterstützung von Florian Ostertag an Gitarre, Akkordeon und Klavier sorgte er mit seinen tiefgründigen Songs voller berührender Geschichten nicht nur einmal für Gänsehaut. Besonders seine Zugabe „Herr Reimer“, die von einem Fabrikarbeiter handelt, dessen Traum es ist, zum ersten Mal in den Urlaub fliegen, sobald er in Rente geht, stimmte so manchen Zuschauer nachdenklich.
Zu später Stunde verabschiedeten sich alle Künstler mit einer gemeinsamen Zugabe vom bestens gelaunten Publikum aus dem Feels Like Home-Wohnzimmer und rundeten mit „You are my Sunshine“ einen gelungen Abend ab. 
Eine einmalige Chance
Dass ein Auftritt bei Feels Like Home auch durchaus ein Sprungbrett für die internationalen Singer/Songwriter in Deutschland sein kann, zeigt das Beispiel Ari Hest. Im Dezember hatte der New Yorker im Zeichen der Taube seinen ersten Auftritt in Deutschland. Ein knappes halbes Jahr später hat er einen Plattenvertrag mit Arctic Records und plant eine Tour durch Deutschland. Man darf also gespannt sein, wo und ob einem Molly Jenson und Matt Hires auch einmal wieder begegnen werden.


Fotos: Katharina Leuck


Mehr Fotos gibt es hier.

CD-Review: Deftones – Diamond Eyes

In mehr als zwanzig Jahren Bandgeschichte haben die Deftones so einige Höhen und Tiefen erlebt. Der größte Schlag traf sie jedoch vor zwei Jahren, als ihr Bassist Chi Cheng bei einem Autounfall schwere Kopfverletzungen davon trug und seither im Koma liegt. 

Allein aus diesem Grund hätte man beim aktuellen Studioalbum Diamond Eyes, das in Deutschland seit dem 30. April in den Läden steht, durchaus eine traurige Platte erwarten können. Aber so einfach hat es sich die Band aus Kalifornien nicht gemacht.
Diamond Eyes hat in einigen seiner elf Tracks zwar dank sphärischer Melodien und der herausstechenden Stimme von Chino Moreno streckenweise durchaus traurig-melancholische Züge, kommt aber trotzdem druckvoll, und wenn man das in einem von tiefer gestimmten Gitarren und Bassgewittern geprägten Genre so überhaupt sagen kann, gerade zu „schön“ daher. 
Zugegeben, um diese Schönheit zu entdecken, muss man dem Album eine Chance geben und es mehrmals hören. Diamond Eyes gehört definitiv zu der Sorte Platten, die mit jedem Hören besser wird, da es immer wieder neue Kleinigkeiten zu entdecken gibt. Spätestens beim dritten Mal fallen die ausgefeilten Arrangements aus komplizierten Gitarren-, Schlagzeug- und Basslines gepaart mit Morenos emotionsgeladener Stimme voll ins Gewicht. In manchen Stücken haben sich gar einige klassische Streicher versteckt, die zusammen mit subtilen Key-Effekten den teilweise brachialen Soundwänden der Stücke zusätzlich zu einer ganz anderen klanglichen Tiefe verhelfen. 
Insgesamt wirkt Diamond Eyes anders als alles was bisher von den Deftones veröffentlicht wurde. Es klingt gereifter, noch experimenteller und besticht Stück für Stück durch eine kaum geahnte Vielseitigkeit. Um diese aber wirklich genießen zu können, muss man sich auch richtig auf die Platte einlassen, denn Diamond Eyes ist definitiv kein „Easy Listening“-Album. Wenn man sich aber richtig mit dem Werk auseinandersetzt, eröffnet sich einem ein großes Schattenspiel zwischen Licht und Dunkel, laute und leise, sanften Tönen und schreienden Gitarren, gekrönt von hypnotisierenden, energiegeladenen Vocals. Diese bestechen besonders in den Songs „976-Evil“, „Sextape“, „Cmnd/Ctrl“, „Prince“ und „Rocket Skates“.
Alles in allem ist Diamond Eyes ein ordentliches, überraschendes Album, dass sowohl alte eingefleischte Deftones-Fanatiker als auch neue Anhänger der härteren musikalischen Gangart überzeugen kann. Da man sich aber erst mal reinhören muss, gibt es „nur“ 4 von 5 Sternen.

Maiwoche: Jupiter Jones rocken gegen Frostbeulen

Samstag, kurz nach 21 Uhr vor der Rosenhof Bühne am Herrenteichswall. Für einen kurzen Augenblick frage ich mich ernsthaft, ob ich mich nicht verlaufen habe, denn auf dem Platz vor der Bühne herrscht gähnende Leere – zumindest im Vergleich zum Vorabend, als Thomas Godoj hier seine DSDS-erprobte Fangemeinde bespaßt hat. Gerade steht die mir noch vollkommen unbekannte Chemnitzer Kombo Kraftklub auf der Bühne und versucht äußerst energiegeladen über Tatsache hinweg zu spielen, dass der erste Zuschauer direkt vor ihnen dort steht, wo gestern Abend in etwa Reihe 40 begann. Dazwischen gähnendes Nichts. 

Dafür herrscht unter der Handvoll Leute vor, oder besser gesagt in die Nähe der Bühne  trotz Sicherheitsabstands zur Band rege Tanzwut. Und das nicht nur um bei den gefühlten Weihnachtsmarkttemperaturen keine Frostbeulen zu bekommen. Das Spektakel der Jungs mit den schrägen Nerd-Brillen und College-Jacken klingt anders – jung und rotzig dynamisch. Irgendwo zwischen Indie Elektrorock, Fettes Brot und Atzen-Disco Pogo mit einer guten Portion Anabolika. Passend dazu der Titel ihrer ersten CD: Adonis Maximus. „Zugabe oder ich zieh mich aus!“ brüllt jemand dann am Ende des Sets. Mit so einer Drohung kann man eine Band natürlich auch wieder auf die Bühne zurück holen. Mit „Ich will nicht nach Berlin“, angeblich ungeprobt und noch nie live gespielt, verabschieden sich Kraftklub und machen den Weg frei für Jupiter Jones. 

Die brettern nach einer halben Stunde Umbaupause kompromisslos los. Inzwischen ist der Platz vor der Bühne auch nicht mehr wieder zu erkennen. Wo man vorhin noch die einzelnen Steinchen im Asphalt zählen konnte, stehen jetzt feierwütige junge Menschen so weit das Auge reicht. Von pogenden Punks bis zu knutschenden Pärchen sind alle ab dem ersten Ton dabei und feiern gemeinsam ausgelassen und recht feuchtfröhlich zusammen eine Riesenparty. Auch die Stagediver lassen nicht lange auf sich warten, so dass die Securities vorne im Graben alle Hände voll zu tun haben. 

Die Jungs von Jupiter Jones sind davon selber sichtlich begeistert und liefern mit Songs aus ihrem aktuellen Album „Holiday in Catatonia“ sowie den drei Vorgängern der Menge eine Rockshow, die sich gewaschen hat. Die Band aus Hamburg, Koblenz und der Eifel überzeugt neben eingängigen und mitreißenden Melodien ganz besonders mit ihren vollkommen ehrlichen, direkten deutschen Texten, die gespickt sind mit einer Menge bissig satirisch verpackter Gesellschaftskritik, aber gleichzeitig auch mit viel Humor und Gefühl. Gepaart mit ihrer absoluten Natürlichkeit ziehen die vier „Jungs vom Land“ so an diesem Abend fast jeden Besucher auf ihre Seite. 

Die Osnabrücker sind erstaunlich textsicher, gröhlen mit was das Zeug hält und verwandeln den Bereich direkt vor der Bühne zu einem wilden Hexenkessel, der sich auch vor größeren einschlägigen Festivals nicht verstecken brauch. Mit aller Macht gegen die Wintertemperaturen und vollem Körpereinsatz für die Musik. Als sich die Jungs nach knapp 80 Minuten verabschieden, werden sie von der Meute mit lautstarken Zugabe-Rufen auf die Bühne zurück zitiert. Dem Wunsch kommen die Herren gerne nach. Mit „Hallo Angst, du Arschloch!“ geht es noch mal richtig nach vorne. Bei „Jupp“ hingegen zeigen die (Wahl-)Hamburger, dass sie auch durchaus ruhige Töne anschlagen können – ganz ohne dabei ihren gesellschaftskritischen Biss zu verlieren. 
Die Masse hat sich bis zum Ende mehr als heißgetanzt – Frostbeulen muss heute Abend wohl keiner mehr befürchten.

„We want more!“ – Music Junkies on Tour

Doro (26) gibt zu, sie ist süchtig. Nicht etwa nach Internet, Schokolade, Alkohol oder Zigaretten. Nein, ihre Droge ist Live-Musik.

Konzerte sind wahrlich nichts ungewöhnliches. Früher, so erzählt Doro, war sie auch auf höchstens 5 Konzerten im Jahr. Die bei denen sie selber auf der Bühne stand mitgezählt. Dann begann irgendwann der Wahnsinn. Aus einem Konzert im halben Jahr wurde ein Konzert pro Monat, später pro Woche und zu ganz extremen Zeiten auch schon mal pro Tag. Allein seit Anfang 2006 war Doro auf rund 200 Konzerten und Festivals in ganz Deutschland, Österreich, Luxemburg und der Schweiz. Der Tacho ihres Autos behauptet, dass sie alleine für die Konzerte um die 60.000 Kilometer zurück gelegt haben muss. Es könnten auch mehr sein. Doro gibt zu, dass sie inzwischen den Überblick verloren hat.

Aus Doros Sicht ist an alledem wahrscheinlich ihre Tante Schuld. Die schusterte ihr 1998 VIP-Pässe für die Bravo-Super-Show zu und ließ sie damit zum ersten mal „Backstage-Blut“ lecken. Doro wollte mehr. Sofort. Aber auch Tanten können nur einmal im Leben zaubern. Also musste sie warten.

Bis 2006. Da hielt Doro es einfach nicht mehr aus in ihrem kleinen Pfälzer Uni-Kaff und musste dringend mal raus. Ausbrechen. Weg. Den Kopf freimachen. Mit einer Freundin fuhr sie ziellos durch Karlsruhe und landete zufällig am Substage. „Der Club war kurz zuvor von einer großen Musikzeitschrift zu einem der 50 besten Live-Clubs in Deutschland gekürt worden“, so Doro. „Auf gut Glück gingen wir rein.“

Drinnen bereitete sich gerade eine damals noch recht unbekannte Hamburger Band auf ihren Auftritt vor und bretterte kurz darauf derart los, dass Doro zum ersten Mal seit Jahren der Mund offen stehen blieb. „Zugegeben, die Texte waren etwas platt, aber dafür umso ehrlicher. Die Gitarren waren unglaublich laut, die Jungs hatten meinen norddeutschen Humor und sie sprachen mir einfach aus der Seele,“ erzählt Doro. Eingehüllt in die Klangwände konnte sie für 2 Stunden die ganze Welt um sich herum vergessen. Ihr einziger Gedanke: „Endlich frei!“

Diesem unbeschreiblichen Freiheitsgefühl jagt sie seither nach. Mal treibt es sie dafür in riesige Stadien in Deutschlands Metropolen, dann wieder in winzige Clubs oder auf Festivals im Nirgendwo. Mal steht auf der Bühne ein internationaler Top-Act, dann wieder eine Lokalband, die Doro irgendwo im Internet entdeckt hat. Manchmal ist es auch wieder die Hamburger Band, die sie damals „angefixt“ hat.

Doro ist damit nicht alleine. Auf ihren Trips quer durch Deutschland hat die Studentin viele Leute kennen gelernt, denen es genauso geht wie ihr. Manche von diesen Leuten stehen dabei auch auf der Bühne. Andere dahinter. „Wir sind wie eine große, verrückte Familie, die ihren Jahresurlaub lieber „auf Tour“ in kleinen verrauchten Clubs oder auf Festivals verbringt als mit Pauschaltourismus auf Mallorca,“ erklärt Doro. „14 Tage, 11 Konzerte. Der Weg ist das Ziel.“

TOP 5 Anzeichen, dass du Konzertsüchtig bist:

5. Du findest wirklich überall bei dir Ohrstöpsel, in jeder Form und Farbe.

4. In deiner Geldbörse sind mehr alte Konzertkarten als Geldscheine.

3. Die häufigste Suchanfrage auf deinem PC ist «Gewinnspiel Tickets für „Lieblingsbands“».

2. Für dich sind Entfernungen relativ. Bis 200 Kilometer ist für ein Konzert um die Ecke, bis 500 Kilometer ist normal und weit fängt erst ab 600 Kilometern an.

1. Du richtest deinen Einsatzplan auf der Arbeit oder deinen Uni-Seminarplan nach den Tourdaten deiner Lieblingsbands.

TOP 5 Anzeichen, dass du auf zu viele Konzerte gehst:

5. Du kannst den Bands in fast jedem Club erklären wo die Toiletten sind oder wie sie zurück ins Backstage kommen.

4. Die Mercher (T-Shirt-Verkäufer) passen während der Show bereitwillig auf deine Tasche und deine Jacke auf, und leihen dir schon mal Klamotten falls dir kalt ist.

3. Die Security-Firmen begrüßen dich öfters mit „Ach, warst du nicht vorgestern schon hier?“

2. Die Crew der Band bittet dich, für den nächsten Tag die Besorgungen zu machen.

1. Die Band fragt dich nach der Show, wo genau sie am nächsten Tag spielt.

Foto: Katharina Leuck

Anmerkung: Dieser Artikel ist u.a. am 03.05.2010 in Ausgabe Nr. 16 von blue, dem Jugendmagazin der Neuen Osnabrücker Zeitung erschienen (Print & Online).