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Fotos mit „Kids“ wieder da – Ein Track by Track im Zug

Fotos sind nach langer Pause mit ihrem Album Kids wieder zurück. Seit Freitag. Ich saß gerade im Zug, als ich bei Spotify über das Album regelrecht gestolpert bin. Da kann ich ja direkt darüber bloggen, wenn ich das Album zum ersten Mal höre. Yeah! – Eine etwas andere Review, mehr oder weniger direkt aus der Bahn, inklusive ein paar reisetypischer Ausschweifungen.

Es muss so ungefähr zehn Jahre her sein, dass mir die Hamburg-Kölner Band Fotos das erste mal über den Weg gelaufen ist. Damals, mit „Giganten“, irgendwo bei MySpace, 2006. Damals, im Januar 2007, das erste Mal live bei einer Lautstark Party von Das Ding in der Alten Feuerwache in Mannheim. Wir in der ersten Reihe, hinter und über uns die angeblich ersten Crowdsurfer und Stagediver der Bandgeschichte. Verrückt, ich bin alt.

Gerade sitze ich im Zug nach Düsseldorf und habe das dringende Bedürfnis, das erste Album „Fotos“ mal wieder zu hören. Die ersten Töne von „Komm zurück“ katapultieren mich direkt zurück in mein 6. Semester an der Uni, zurück zu bekloppten, spontanen Roadtrips zu Konzerten oder in den Skiurlaub nach Obertauern. Oder beides auf einmal. Ja, man kann auf dem Weg von Osnabrück nach Österreich ja auch noch schnell ein Konzert von Fallout Boy in Köln im E-Werk mitnehmen, direkt danach auf der Weiterfahrt noch kurz mitten in der Nacht die damals beste Freundin wieder in München am Hbf absetzen, um dann später mit und offenen Fenstern und Fotos auf voller Lautstärke morgens gegen sieben in den Alpen durch den Sonnenaufgang fahren und halbtot, aber glücklich, auf den Hof des altbekannten Ferienhauses zu rollen. Hach. Das waren noch Zeiten.

Und jetzt? Mittlerweile habe ich „Fotos“ durch, skippe mich durch meine Lieblingssongs von „Porzellan“ und „Nach dem Goldrausch“. Am liebsten würde ich durch den Zug tanzen, aber… Naja. Es ist Freitagmittag, der IC ist proppenvoll. Das käme jetzt nicht so geil. Also grübele ich, schwelge in Erinnerungen. 2011 habe ich sie zuletzt live gesehen. Kleine Freiheit. Osnabrück. Einer meiner ersten Reporter-Jobs im Volo bei der NOZ. Was machen Fotos jetzt eigentlich? Haben sie vor ein paar Monaten nicht ein neues Album angekündigt?

Ich bringe mein uraltes iPad (auch noch ein Relikt aus Volo-Zeiten) fast zum Kochen, als ich irgendwo mitten in der Pampa Spotify befehle, mir das Band-Profil von Fotos anzuzeigen. Und siehe da! Da ist etwas Neues. „Kids“. VÖ-Datum: 31. März 2017. Heute. Hallo Zufall! Ich kann es kaum erwarten, bis wir endlich in den nächsten Bahnhof einfahren und das 3G-Netz stabil genug ist, um mir die neun Tracks offline verfügbar zu machen.

Mein „Kids“ – Track by Track

Irgendwo im Ruhrgebiet kann ich dann endlich auf Play drücken. Ich gebe zu, ich fühle mich dabei gerade wie ein kleines Kind an seinem Geburtstag, das noch ein unerwartetes Geschenk bekommen hat und es jetzt auspacken darf. Die ersten Noten von „Melodie des Todes“ dringen durch meine Kopfhörer in meine Ohren. Kennt ihr das, wenn sich Musik so wie eure Lieblingsdecke über euch legt? Genauso geht es mir gerade und grinse genauso breit, wie es das Kind mit seinem ausgepackten Geschenk tun würde. – Zum Unverständnis meiner Mitreisenden, die alle missmutig vor sich hin starren. Wie die grauen Herren in Momo.

Aber die können mich gerade alle mal. Ich lasse mich lieber weiter entspannt von „Sterne zu Staub“ verzaubern, freue mich über die guten Texte und die mit Liebe fürs Detail arrangierten Melodien. Mit diesem Song könnte man auch schön am See liegen und leicht melancholisch den Wolken hinterherschauen. „Alles offen“ lässt meine Beine dann wieder zucken. Soll ich vielleicht doch einfach durch den Zug tanzen? Einfach meine persönliche La La Land Szene schaffen, oder so in der Art? Dieser Song erinnert mich von seiner Energie an meine ersten Momente mit der Musik von Fotos vor zehn Jahren. An Giganten. Und all die guten Zeiten. So darf das gerne weitergehen.

Es folgt „Ozean„. Hui. Der Band gelingt es hier wirklich, mit der Musik eine Art Unterwasserwelt aufzubauen. Arielle. Atlantis. Findet Nemo. 20.000 Meilen unter dem Meer. Der rückwärts fahrende Zug, die schlechte Luft und das Gefühl unter Wasser zu sein, lösen bei mir zum Ende des Songs aber leichte Beklemmungen aus, sodass ich mich freue, als „Niemand“ beginnt. Das Unter-Wasser-Gefühl setzt sich zwar in den ersten Takten noch fort, lässt mich dann aber nach einigen Sekunden doch wieder auftauchen und nach Luft schnappen. Minimal. Blubbern an der Wasseroberfläche. Sinke ich wieder nach unten? Falle ich?

Welch Ironie, dass die erste Zeile von „Die Wahrheit“ „Schrei, wenn du kannst“ lautet. Hallo, das geht unter Wasser doch gar nicht. Oder zumindest hört das dort niemand. Auf sehr merkwürdige Art und weise fühle ich mich, als hätte die Musik und damit die Band mich fest in ihrer Hand. So als würde sie mich jetzt mit auf eine Achterbahnfahrt schleppen und mir bliebe nichts anderes übrig, als mich gut festzuhalten, um nicht verloren zu gehen. Gut, vielleicht habe ich ein bisschen zu viel Kaffee getrunken und der Zug schaukelt ein bisschen viel. Wenn ich nicht tippen müsste, würde ich mich jetzt mit beiden Händen am Sitz und mit beiden Ohren an der Musik festhalten. Es gibt kein Zurück.

Aber wie schön, das Festhalten lohnt sich. Mit „Fluss“ lösen Fotos meine Anspannung auf, ganz so wie nach dem Drop der Achterbahnfahrt, wo sich vor lauter Adrenalin dieses unglaublich gute Gefühl einstellt und man sich noch an die atemberaubende Aussicht von ganz oben erinnern kann. Und eigentlich gerne wieder dahin zurück würde. Denn genau wie die Aussicht auf der der Achterbahn ist „Fluss“ wunderschön, aber auch fast zu kurz.

Gut, dass es mit „Haut“ ähnlich schön weiter geht. Die Bilder im Text und die Melodie lassen mich melancholisch werden. Gleichzeitig möchte ich mich mit der Musik einfach nur zudecken und stundenlang aus dem Fenster starren. „Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Düsseldorf Hof“ knarzt es durch die Lautsprecher, während ich gerade in den letzten Töne von Haut erklingen. Oh nein, es fehlt doch nur noch ein Song. Am Ende. Ob ich den noch im Zug schaffe?

Während „Am Ende“ beginnt, hieve ich etwas umständlich mein Gepäck von der Ablage, stopfe mein iPad in den Rucksack und mache mich auf den Weg Richtung Ausgang. Im kleinen Durchgang zwischen Tür und Großraum ist Schluss. Stau. Menschensalat. „Bin ich am Ende“ klingt es mir entgegen. Komischer Zufall. Die sphärisch-verschwommene Musik vermischt sich mit den Gerüchen der Menschen, die um mich herum warten. Alter Thunfisch, versagtes Deo. Hitze. Die Klimaanlage funktioniert hier nicht. In dieser Situation macht die Musik mich ein bisschen schwindelig. Von den Ausdünstungen um mich herum wird mir schlecht. „Bin ich am Ende?“ – Ja, ein bisschen. Wie gut, dass der Zug ein paar Minuten später endlich hält und ich aussteigen kann.

Fotos – Mein Fazit

Auch wenn Kids gerade einmal knapp 40 Minuten lang ist, ist es wohl eines der intensivsten Alben, das ich seit längerem gehört habe. Eine Achterbahnfahrt mit allen Höhen und Tiefen. Ich hoffe, dass ich Fotos dieses Jahr noch mal irgendwo live erleben darf.

 

Foto: PR

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