EM-Song Max Giesinger Screenshot 80 Millionen

Ist der EM-Song 2016 das moderne Kirchenlied?

Heute Abend spielt Deutschland sein erstes Spiel in der Fußball Euro 2016. Und seit gefühlten Wochen versuchen sich deutsche Künstler, Plattenfirmen und (TV-)Sender darin zu übertreffen, den besten EM-Song an den Start zu bringen. Mal mehr, mal weniger erfolgreich. Aber woher kommt dieser ganze, ja, ich nenne es mal „Hymnenwahn“ eigentlich? Sind aktuelle EM-Songs und WM-Songs vielleicht sowas wie moderne Kirchenlieder?

Offizielle Fußballlieder zu den jeweiligen Großevents gibt es schon seit Jahrzehnten. Früher hat die Nationalmannschaft selbst gesungen. Heute überlassen sie das glücklicherweise Menschen, die etwas musikalischer sind. Und natürlich gab es auch immer satirische Songs, die den ganzen Verein auf die Schippe nahmen. Spontan fällt mir da Böööööörti Vogts von Stefan Raab und die Bekloppten ein. Das war 1994.

Zur EM 2004 war da noch Nelly Furtado mit „Forza“. Damals der offizielle EM-Song. Aber wer erinnert sich da bitte noch wirklich dran?

Dass diese offiziellen und inoffiziellen Fußball-Hymnen aber eine derart große Rolle im ganzen Leben der Veranstaltung und damit auch im Mainstream-Radio spielen,  ist mir persönlich eigentlich erst  während der WM 2006 aufgefallen. Gut, das mag daran liegen, dass ich damals selbst im Ticketcenter am Spielort in Kaiserslautern gearbeitet habe und dort im Stadion nicht nur einmal Herbert Grönemeyers offizieller WM-Song „Zeit dass sich was dreht“ lief.

Oder Olli Pochers „Schwarz und weiß“. Von dem ich bei Youtube gerade kein funktionierendes Video finde, aber bei Universal Music kann man es sich noch mal angucken.

Oder die Sportfreunde Stiller mit “ ’54, ’74, ’90, 2006″, dass man heute vermutlich nur noch mit 2010 kennt. Oder „Love Generation“. Erinnert Ihr Euch noch daran? Ich nur noch so dunkel, dass mir der Interpret nicht mehr einfällt.

In den Jahren davor gab es meinem Empfinden nach höchstens mal ein paar Mallorca-Schlager-Geschichten á la „Ohne Holland fahren wir zur WM/EM“. Seit 2006 hingegen kann man sich auch objektiv sicher sein, dass es alle zwei Jahre eine neue Fußball-Hymne gibt, die meistens auch ohne 2 Promille halbwegs erträglich ist und die einen während des Turniers an jeder Ecke verfolgt. Ob nun offiziell oder inoffiziell.

EM-Song und WM-Songs – Ein kurzer Rückblick

WM 2006 – Grönemeyer, Sportfreunde Stiller, Oli Pocher. Und zum Ende hin noch Xavier Naidoo mit „Dieser Weg„.

Weiter zur EM 2008.

Damals durften Revolverheld den offiziellen EM-Song bzw. Fansong des DFB einsingen. Helden 2008. Bzw. für die U21 dann Helden 2009. 2010 wurde der Song von VW in der Werbung für die WM 2010 noch mal recycelt. Drei Jahre lang nicht schlecht.

Tatsächlich erinnere ich mich aus dem Jahr eigentlich bewusst an keinen anderen Song, außer die recycelte „Schwarz und Weiß“-Version von Oli Pocher. Hätte ich Google gerade nicht betätigt, wäre mir „Feel the Rush“ von Shaggy niemals eingefallen.

Und 2010?

Die WM 2010 war die Zeit der Vuvuzelas, eben WM in Südafrika. Die offiziellen Songs „Wave your Flag“ von K’Naan oder „Waka Waka“ von Shakira laufen heute noch immer mal wieder im Radio. Am besten erinnere ich mich aber doch tatsächlich noch an „Schland O Schland“ von Uwu Lena.

Was war noch mal 2012?

Bei der EM 2012 sind mir die offiziellen und auch inoffiziellen Songs tatsächlich entfallen. Im Moment jedenfalls. An den unglaublich nervigen, offiziellen Song „Endless Summer“ von Oceana kann ich mich überhaupt nicht erinnern.

Zumindest nicht in Verbindung mit der Fußball-EM in Polen. Im Gedächtnis geblieben sind mir da schon eher Die Toten Hosen mit „Tage wie diese„, was in dem Sommer wohl die inoffzielle Fußball-Hyme wurde. Und auch die Hymne des gesamten, restlichen Sommers. Und des Jahres danach.

Weiter zum Weltmeister-Jahr 2014.

Der offizielle WM-Song 2014 ist mir schon wieder entfallen. Aber wer braucht den auch schon, wenn Andreas Bourani einem in „Ein Hoch auf uns“ den ganzen Sommer vorsang, wie toll dieses Leben doch ist?

Oder Mark Forster, der mit Fußball-Version von „Au Revoir“ damals seinen Weg aus der pfälzischen Provinz hinaus schaffte und seit vergangenem Jahr große Hallen füllt?

Der EM-Song als „Kirchenlied“?

Was haben die (in)offiziellen Fußball-Songs alle gemeinsam? Vor allem, weil es meist die inoffiziellen Lieder sind, die noch über Jahre populär bleiben? Ganz einfach. Sie sind alle hochemotional, man kann sie mitgrölen und irgendwo haben sie alle leichten Schlager-Charakter, wenn sie nicht gerade sowieso schon Schlager sind. Hallo Helene Fischer! Aber vor allen Dingen bringen sie in wenigen Zeilen die Gefühle der Masse auf den Punkt und einen sie in ihrer emotionalen Situation. Besser, als die meisten Otto-Normal-Bürger es jemals mit ihren eigenen Worten ausdrücken könnten.

Heute morgen habe ich im Radio einen sehr interessanten Beitrag gehört, in dem ein Theologieprofessor die Parallelen von Religion und Fußball aufgezeigt hat. Wenn man so will, ist Fußball für viele Menschen heutzutage eine Art Ersatzreligion. Wenn ich seine Thesen entsprechend weiter spinne, wären die EM und WM jeweils die höchsten Feiertage, also Weihnachten und Ostern. Wiederum auf die Musik übertragen wären dann der aktuelle EM-Song, oder eben WM-Song, respektiv das entsprechende Weihnachtslied oder Kirchenlied.

Wie seht Ihr das?

Die EM-Songs 2016

Auch dieses Jahr gibt es wieder so einige Anwärter auf den inoffiziellen Titel EM-Song des Jahres. Das offizielle Ding „This one’s for you“ von David Guetta, den die UEFA in Auftrag gegeben hat, ist für mich dabei aber schon mal raus. Es ist doch wieder der gleiche Einheitsbrei wie jedes Jahr. Und überhaupt wie jeder David Guetta-Song. Weg damit! Schnell!

Ansonsten versuchen sich in diesem Jahr wieder viele alte Bekannte an EM-Hymnen. Frei nach dem Motto, was 2006 bei der WM gut funktioniert hat, kann 10 Jahre später bei der EM ja wohl kaum schiefgehen, hat Herbert Grönemeyer wieder einen Fußball-Song gebastelt: „Jeder für Jeden„. Damit das gute Stück auch schön allen aktuellen Anforderungen, Trends und Klischees entspricht, ist auch noch Star-DJ Felix Jaehn mit im Boot. Praktisch. So deckt man gleich zwei komplett unterschiedliche Zielgruppen geschickt ab.

Nachdem „Au Revoir“ für Mark Forster 2014 so gut gelaufen ist, ist der junge Käppi-Mann jetzt mit „Wir sind groß“ wieder am Start. Dieses Mal hochoffiziell für das ZDF. Der Song ist… nett. Auch wenn der Text schon irgendwie zum Anlass passt und die Melodie irgendwo eingängig ist, fehlt ihm einfach der Hymnencharakter.  Keine Stadion-Euphorie in der Melodie, die sofort gute Laune verbreitet und optimistisch stimmt. Nein, so wird das nichts, lieber Mark.

Ein Song, der nicht wirklich im Rennen um den inoffiziellen Titel EM-Song 2016 ist, aber dennoch schon relativ viel Aufmerksamkeit bekommen hat, ist der satirische EM-Song für besorgte Bürger von Revolverheld, Heinz Strunk und Christian Ehring aus Extra 3. Bei Facebook hat das Video bereits fast 2 Millionen Views eingesammelt. Natürlich ist das keine richtige Hymne, aber inhaltlich hervorragend. Ich finde es gut, wenn Künstler ihre Stellung in der Öffentlichkeit ausnutzen und gegen Alltagsrassismus und den ganzen braunen Kack da draußen Position beziehen. Danke!

Was ist denn mit dem EM-Song von Max Giesinger?

Das größte Potential zum offiziell inoffiziell stärksten „Kirchenlied“ der EURO 2016 für Deutschland hat für mich Max Giesinger. Die EM-Version seiner Single „80 Millionen“ hat jede Menge Gänsehaut-Momente, geht ähnlich wie „Ein Hoch auf uns“ oder „Tage wie diese“ relativ direkt ins Ohr und hat wieder etwas Einendes, Wohltuendes, Optimistisches. Einfach etwas, bei dem man sich plötzlich fröhlich feiernd mit den Nachbarn in den Armen liegen sieht. Denn Mitsingen kann man den Refrain auch auf jeden Fall in fast jedem Zustand, ohne sich dabei blöd vorzukommen. Zumindest, wenn die deutsche Mannschaft erfolgreich spielt. Aber das Risiko besteht eben bei jedem Turnier.

 

Wie seht Ihr das? Welcher EM-Song hat für Euch das größte Hymnen-Potential? Welcher Song wird der Nachfolger von „Ein Hoch auf uns“ von Andreas Bourani? 

Foto: Screenshot Youtube

Ein Gedanke zu „Ist der EM-Song 2016 das moderne Kirchenlied?“

  1. heyyyy,
    geile Seite. Meine Bae ist single. Haben gerade Reli aufm gymi mit horschi. Müssen gerade so blöde Presentationen machen. Kimi hat gerade Philo. Bald fahren wir nach Kina.
    Habe die Streber lieb.
    libe Grüsse von der ef ausm kaff

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