Milky Chance im Hyde Park: Viel Lärm um wenig

Warum geht man eigentlich immer wieder auf Konzerte von Bands, von denen man nur einen einzigen Song kennt? Das habe ich mich während des Konzerts von MilkyChance am 31. Januar im Hyde Park in Osnabrück gefragt. Wie es wohl keinem entgangen ist, wird das Duo aus Kassel von den Massenmedien seit Monaten unglaublich gehyped, ihre Single „Stolen Dance“ kann inzwischen wohl jedes Kleinkind dank übermäßiger Heavy Rotation im Radio mitsingen. Aber können die auch noch was anderes außer dem Song? Ich war neugierig.

Ausverkauft ist das Konzert. Die Schlange zieht sich mal wieder quer über den tiefgefrorenen Schotterparkplatz, ja sogar bis hinaus auf die Straße. Als früheres Hyde Park-Kind weiß ich natürlich, wo ich trotzdem noch recht problemlos parken kann – fast direkt vor der Tür. Als ich mich nach kurzem Warten im Auto dann endlich entschließe, den Kampf mit der gefühlt 200 Meter langen Schlange aufzunehmen, hat der Support-Act James Hersey bereits seinen ersten Song angestimmt. Um 19.45 Uhr. Die Hälfte des Publikums steht entweder noch draußen in der Schlange oder drinnen für die Garderobe.

Ein schlaksiger Typ mit Baseball-Kappe und Gitarre, begleitet von seinem Macbook und einem ambitionierten Bassisten macht auf der Bühne Mucke, die sich irgendwo beim Indie-Britpop einreiht. Ich habe zumindest sofort das Gefühl, der Sänger der Kooks hätte sich in einem anderen Körper versteckt oder seinen kleinen Bruder vorbei geschickt. Etwas nervös und unsicher wirkt James Hersey, weiß nicht so recht, ob er mit dem Publikum Deutsch oder Englisch reden soll. Wie er erzählt, ist er Halbamerikaner mit Wiener Wurzeln. Die meiste Zeit singt er von verflossenen Lieben oder Mädels, die ihm einfach so den Kopf verdreht haben. Damit schafft er es auch, ein paar Leute im Publikum zu begeistern. Der Rest ist noch recht steif, vielleicht noch gefroren, und starrt einfach nur gelangweilt nach vorne oder quatscht über Bier und Milky Chance.

Man sollte meinen, dass das Publikum bei ausverkauftem Haus und einer derart gefeierten Band wenigstens beim Hauptact aus dem Quark kommen würde. Aber, hm, so richtig will das an diesem Abend kaum passieren. Ein kurzes verzücktes Kreischen, als Clemens Rehbein und Philipp Dausch auf die Bühne kommen. Etwas verschlafen wirken sie. Vielleicht macht das aber auch nur der Nebel im Raum. Die Menge starrt weiter gebannt nach vorne, als die Beats und die markante Stimme von Clemens Rehbein den Raum erfüllen. Nur wenige singen mit. Den meisten geht es anscheinend wie mir. Außer „Stolen Dance“ kennen sie keinen einzigen Song.

Aber eigentlich macht das ja nichts, denn hier kann man ja den Rest des Albums Sadnecessary kennenlernen. Da spielen sich die Jungs auch fleißig hindurch, auch wenn die Technik hin und wieder mal etwas zu zicken scheint. Die Menge starrt weiter gebannt nach vorne. Als sich der Frontmann durch die Haare wuschelt und grinsend cool das Publikum mustert, gibt es den ersten kleinen Begeisterungssturm des Abends. Der nächste Song. Beats, Stimme, Bass… und schon wieder die gleichen Gitarrensounds. Denn während man auf ihrer Platte die unterschiedlichen Facetten der einzelnen Songs noch heraushören kann, klingt live irgendwie alles hypnotisch und bis auf wenige Ausnahmen nahezu gleich. Schade.

Während ich auch nach vorne starre und darauf warte, dass noch irgendetwas herausragendes passiert, mach ich mir Gedanken, wie dieses Konzert doch noch etwas werden bzw. die Stimmung einfach besser werden könnte. Milky Chance sollten auf einer Beach Party am Strand spielen. Fackeln, Cocktails, dazu ihre Sounds. Das könnte was geben. Oder die Jungs sollten schon mal ein bisschen mehr mit dem Publikum interagieren. Man spielt sich halt so durch das Set, ohne groß erkennbare Regung. Vielleicht sind die beiden so sehr in ihrer Musik verloren, vielleicht hören sie sich wirklich nicht so recht über ihre Monitore. Irgendwann wird die Gitarre weggelegt, die Technik streikt nun scheinbar ganz. Auch wenn das nervt, wirken Milky Chance trotzdem noch ganz gut gelaunt und sympathisch.

„Stolen Dance“ folgt als letzter Song des Sets. Zum ersten Mal an diesem Abend singt wirklich jeder im Raum mit und tanzt. Die Stimmung ist super. Hätte das nicht die vergangenen 70 Minuten auch schon so sein können? Danach gibt’s noch zwei Zugaben, das war’s.

Warum geht man also zu einem Milky Chance Konzert, obwohl man nur einen Song kennt? Weil die Stimme von Clemens Rehbein mit seinem Schokoraspelsound einfach einmalig ist. Und weil man eine Band unterstützen will, die sich ganz ohne den Rückhalt eines Major-Labels an die Spitze gespielt hat. Der Rest, sprich die Live-Qualität von Milky Chance, ist zur Zeit noch überbewertet.

Foto: Karsten Rzehak

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