Interview: BOSSE „Im Wartesaal zum Glücklichsein“

Nächste Woche ist es endlich soweit. „Wartesaal“, das neue Album von Bosse, steht endlich in den Startlöchern. Seit Freitag steht schon der Vorbote „Weit Weg“ in den CD-Regalen. LEISE/laut hatte Gelegenheit, eine nette halbe Stunde lang mit Aki am Telefon über die neue Platte zu quatschen.

Dein letztes Album „Taxi“ entstand vollkommen in Eigenregie, jetzt bist du wieder bei einem Major unter Vertrag. Wo steckt mehr Herzblut drin?

Seit Taxi steckt da so viel Herzblut drin, dass uns die Entscheidung zum Major zu gehen echt schwer gefallen ist. Aber trotzdem halte ich es für richtig. Taxi hat für die kleinen Verhältnisse echt gut funktioniert. Wir haben alles selber finanziert, aufgebaut und promotet. Das war ein wahnsinniger Aufwand, hat aber für die Verhältnisse besser geklappt als wir uns je erhofft hatten. Dann kamen auch schnell Angebote von Plattenfirmen. Der Arbeitsaufwand ist jetzt Dank des tollen Teams der Universal viel kleiner. Statt 350 Mails am Tag habe ich selber jetzt nur noch 30 Mails am Tag und habe wieder viel mehr Zeit über Musik nachzudenken, und muss mir nicht mehr selber Interviews organisieren. Wir fühlen uns hier sehr gut aufgehoben, haben aber Dank Taxi einen ganz anderen Bezug dazu.

Bosse – Band oder Solokünstler?

Bosse ist mein Nachname und ist keine feste Bandkonstellation. Ich war schon immer der Songschreiber und habe ganz viele feste Leute, die schon von Anfang an dabei sind. Bei Wikipedia steht das auch ganz falsch. Wir sind keine „Indie-Rockband aus Braunschweig“. Es ist keine Band, es ist auch nicht Axel Bosse, sondern einfach nur Bosse.

Vom „Taxi“ in den „Wartesaal“ – Worauf wartest du denn?

Ein positiver Wartesaal hätte viel mit Entwicklung, Ruhe, Entspannung und Reflexion zu tun. Da warte ich gerne. So wie man darauf wartet, dass ein Wein ein guter Wein wird. Und sonst hab ich im letzten Jahr ultraoft auf die Deutsche Bahn gewartet. Das nervt.

Wie bist du auf den Titel gekommen?

Wartesaal steht zusammen mit „Weit weg“ im Zentrum des Albums. Zusammengefasst geht‘s auf dem Album darum ob man glücklich wird oder nicht, wie man das hinkriegt. Der Refrain „Wartesaal zum glücklich sein“ war der Grund, warum ich das Album so genannt habe.

Hat sich dein Sound seit „Taxi“ verändert?

Meiner Meinung nach schon. Als ich angefangen habe, hatte ich nur einen Plan: Jedes Album muss mich musikalisch neu kicken. Je öfter ich mich musikalisch wiederhole, desto langweiliger wird das für mich. Bei Wartesaal wollte ich gerne elektronische Einflüsse, ich wollte Musik zu der man tanzen kann, aber der man trotzdem zuhört. Ich wollte Texte, die noch schwerwiegender sind als bei Balladen, die aber trotzdem tanzbar sind. Dann hatte ich noch Lust auf Fremdinstrumente. Flügelhörner, Bratschen, Geigen, mehr Klavier. Das hat mich dann wieder richtig gekickt.

Wie findest du es denn anders als „Taxi“?

Ich finde die Songs auf „Wartesaal“ sind noch eine Ecke melancholischer und sehnsüchtiger als bei Taxi.

Ja, das sehe ich ganz genauso.



Warum ist das so?

Das Album hat ja ein offenes Ende. Mein Grundgefühl am Ende des Albums war einfach noch sehnsüchtiger als bei Taxi, auch wenn das eigentlich gar nicht geht. Taxi war ja eigentlich schon die Sehnsucht schlechthin. Da geht‘s viel ums Reisen und unterwegs sein. Bei Wartesaal ist es schon so, dass viel Songs angekommen sind und man einen Hafen hat, aber trotzdem so viel auf einen prasselt, dass man kurz vor einem Burnout steht und sich einfach neu orientieren muss. Das hat dann noch mal eine andere melancholische Wucht und ist konkreter, weil ich mich da selber und vielleicht auch andere so sehr drin wieder erkenne.

Wie viel Persönliches steckt in deinen Songs?

Da ist schon immer ganz schön viel von mir drin. Vieles sind das Sachen die ich gesehen, erlebt oder gefühlt habe und irgendwann kommen die dann wieder raus, wenn ich meine Geschichten schreibe. Ich kann das gar nicht so streng voneinander trennen.

Der Song Frankfurt/Oder war schon auf deinem vorletzten Album „Guten Morgen Spinner“. Wieso hast du den Song neu aufgenommen?

Für mich ist das eins der besten Lieder, das ich je geschrieben habe. Deshalb liegt er mir auch sehr am Herzen. Der Song ist von der alten Plattenfirma gar nicht richtig gewürdigt worden. Ich wollte aber, dass mit dem Song noch mal richtig was passiert. Es lag dann einfach auf der Hand, zusammen mit Anna Loos von Silly ein Liebeslied über die triste Stadt Frankfurt/Oder zu singen.

Welche Geschichte steckt hinter dem Song?

Ich habe irgendwann dieses Liebeslied geschrieben und wollte eigentlich nur sagen, dass ich es am schönsten finde, wenn außen rum eben nicht alles so stimmt, und man trotzdem das Gefühl hat, dass man es trotzdem richtig gut hat, weil man sich hat. Egal wie trist und hässlich es draußen ist, egal was schief geht. Das Bild war für mich Frankfurt/Oder. Die Stadt ist für mich das Sinnbild der Einsamkeit.

Deine neue Single „Weit weg“ erscheint am 11. Februar. Worum geht‘s in dem Text?

Ich habe mir vorgestellt, wie es früher so war wenn man überfordert war, und man sich Musik auf die Ohren gelegt und die Augen zu gemacht hat, um sich kurz rauszunehmen. In dem Song geht es genau um dieses Rausnehmen. Das funktioniert da so, dass man einfach die Augen schließt und sich weit weg denkt um wieder Kraft zu schöpfen, damit man danach wieder klar denken kann und den ganzen Stress besser aushält.

Das Video zu „Weit Weg“ habt Ihr in Tokyo gedreht. Wie kam‘s dazu? Wieso Tokyo?

Der Typ mit dem ich immer Videos drehe, hat jedes Mal immer irre Städte vorgeschlagen. Kapstadt, Shanghai, Istanbul. Aber wir sind nie weiter als bis hinter Berlin gekommen. Dieses Mal hat er Tokyo vorgeschlagen und ich habe sofort gesagt, jau, machen wir. Damit es sich lohnt, haben wir die ganze Zeit durchgearbeitet, trotz Jetlag, und haben dann gleich drei Videos dort gedreht.


(lacht)Das wäre aber auch gekippt als fest stand, dass „Weit Weg“ die erste Single wird. Das war mir fast zu plump. Wir fahren nach Asien, ganz weit weg, der Song heißt „Weit Weg“. Deshalb wollte ich dann auch so Vorstadtszenen und dahin, wo Karate Kid früher trainiert hat, damit das nicht ganz so klischeehaft wird. Ich wollte eher was dokumentarisches machen.

Gestern war Valentinstag. Was hältst du davon? Schöner Brauch oder dumme Erfindnung der Blumenindustrie?

Keine Ahnung. Ich bin eher der Typ, der ab und zu mal Blumen mitbringt, wenn das gar nicht so angesagt ist. Wenn ich am Blumenladen vorbei komme und da gerade zufällig an jemanden denke, kaufe ich dem einfach für ganz viel Geld Blumen. Den Valentinstag brauche ich nicht. Den hatte ich auch gar nicht auf dem Schirm und wusste gar nicht, dass der da ist. Wir sind nicht so ne Valentinstagsfamilie. Aber es kann ja nicht schaden.

In welcher Verbindung stehst du mit Madsen?

Sebastian Madsen und ich sind schon immer sehr gute Freunde und ich hege ein sehr gutes, freundschaftliches Verhältnis zu allen Brüdern, Nichtbrüdern und allen, die im Laufe der Jahre zur Band dazu gekommen sind. Wir tauschen Instrumente aus, spielen uns unsere Songs vor bevor sie jemand anders hören darf. Das schon mehr als einfach so‘n Musikergemache.

Du hast auf dem letzten Album mit Sebastian Madsen auch zusammen einen Song gemacht.

Ja, genau. Vereinfachen. Das war uns auch ganz wichtig, denn früher sind wir immer miteinander verglichen worden, und das wollten wir gar nicht, weil wir eigentlich sehr gut befreundet sind. Da ging es immer nach dem Motto pro und contra Bosse und Madsen. Oasis meets Blur in der Kreisklasse. Darüber haben wir uns immer gewundert, weil wir ja gar keine Rivalen sind und uns auch gar nicht so ähneln.


Das Jahr hat gerade erst angefangen. Was wünschst du dir noch für 2011?

Ich wünsche mir ne tolle Tour, freu mich jetzt erst mal auf die ganzen Konzerte, die Proben und natürlich den schönen Sommer, mit möglichst wenig Regen. Ich freu mich einfach auf alles was kommt.

Foto: Universal Music

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